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Wahl in Großbritannien:Die Fünf von der Brexit-Insel

Alle kennen Eiskönigin Theresa May und Gegenspieler Jeremy Corbyn. Und die Schottin Nicola Sturgeon. Doch was zeichnet die Liberaldemokraten aus? Und wofür braucht es jetzt noch die Brexit-Partei Ukip? Die wichtigsten Köpfe der Wahl.

Von Julia Ley

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Theresa May ("Tories" - konservativ - 60 Jahre)

Status: Eiskönigin - respektiert, aber unbeliebt.

Was sie über sich selber sagt: "Ich trage mein Herz nicht auf der Zunge. Ich kümmere mich einfach um die Arbeit, die vor mir liegt."

Was andere über sie sagen: Dass sie hart arbeitet und eine Aufgabe, die sie einmal übernommen hat, zu Ende bringt - egal, was sie davon hält (siehe Brexit). Angeblich wollte sie schon mit zwölf Jahren die erste weibliche Premierministerin werden, dann kam ihr Margaret Thatcher um mehr als 40 Jahre zuvor. Selbst enge Mitarbeiter sagen, dass es fast unmöglich sei, ihr nahezukommen. Mays Biografin Rosa Prince nennt sie "die rätselhafte Premierministerin" und attestiert ihr, kühl, ambitioniert und nachtragend zu sein: "Ihr Groll kann Jahre währen". Als Mays schärfste Waffe soll unter ihren Mitarbeitern der Satz "Ich bin sehr enttäuscht" gelten.

Woher sie kommt: Aus geordneten Verhältnissen. Ihr Vater war Pfarrer, May wuchs als Einzelkind auf und studierte später in Oxford. Anders als viele ihrer männlichen Kollegen in der Regierung Cameron hielt sie sich zu Studienzeiten von Partys und Alkoholexzessen aber fern.

Was sie will: Weniger Migranten, noch weniger Migranten, viel weniger Migranten. Es heißt, Einwanderung sei das einzige Thema, bei dem die Premierministerin laut werden kann. Bis heute hält sie an dem unerreichbarem Ziel fest, die "Netto-Migration" auf unter 100 000 Neuzuwanderer pro Jahr zu drücken - was in sechs Jahren nie gelang.

Allerdings hat sie in ihrer Zeit als Innenministerin auch progressive Ziele verfolgt. So sprach sie sich für die gleichgeschlechtliche Ehe aus und ging streng mit der Polizei ins Gericht, der sie in klaren Worten Fehlverhalten und Voreingenommenheit gegenüber Schwarzen vorwarf.

Nach dem Terroranschlag in London (dem zweiten nach Bekanntgabe der Neuwahl) will May stärker gegen Islamisten vorgehen. Sie beklagt, dass Extremisten im Internet ungehindert ihre Propaganda verbreiten können und will Messenger-Dienste und soziale Medien schärfer überwachen lassen. Die Opposition wirft ihr vor, zu wenig selbstkritisch zu sein. Schließlich habe sie als Innenministerin Tausende Polizisten entlassen - und damit eines der Sicherheitsprobleme selbst geschaffen.

Haltung zum Brexit: May vertritt einen harten Brexit, inklusive Austritt aus dem gemeinsamen Binnenmarkt und der Zollunion. Die Verhandlungspartner in Europa sieht sie mehr als Gegner denn als Partner in einem schwierigen Prozess. Sie hat bereits verkündet, dass sie die Verhandlungen im Zweifel auch abbrechen würde: "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal." Allerdings hat sich May den Brexit nicht ausgesucht, vor ihrem Aufstieg zur Premierministerin unterstützte sie halbherzig das "Remain"-Lager. Kritiker sehen Kehrtwenden mittlerweile als eines ihrer Markenzeichen: Nach Camerons Rücktritt lehnte sie Neuwahlen wiederholt ab. Im April rief sie sie dann plötzlich doch aus - damals hoffte sie auf eine Mehrheit von mindestens 100 Sitzen für die Tories. Nun wird es knapp.

Fun fact: Trägt gern auffällige Schuhe, von Leopardenmuster-Stiletto bis kniehohem Lederstiefel. Die Hingucker passen so gar nicht zu ihrer zurückgenommenen Art - weshalb manche in Westminster darin ein Ablenkungsmanöver vermuten.

Lieblingsausdruck: "Strong and stable government", das Land brauche "starke und stabile Führung". Und: "Brexit heißt Brexit". Seit dem Londoner Anschlag auch: "Genug ist genug." May hat den Ruf, ihre politischen Slogans erbarmungslos zu wiederholen - völlig unabhängig von Kontext und Fragestellung.

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Jeremy Corbyn (Labour - Sozialdemokraten - 68 Jahre)

Status: Linker Messias - mit zweifelhaften Siegeschancen

Was er über sich selbst sagt: "Ich bin ein Anführer, kein Diktator. Ich will Menschen überzeugen und sie nicht bedrohen oder kontrollieren."

Was andere über ihn sagen: Kommt drauf an, wer. In der Opposition, der Presse und auch in den eigenen Reihen hielten viele Corbyn lange für einen radikalen Altlinken, mit dessen harter Linie keine Wahl zu gewinnen sei. Der einflussreiche Economist bezeichnet ihn gerne als "loony lefty", einen linken Spinner. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Corbyn sich nicht klar genug von radikalen Gruppen losgesagt habe, wie der IRA oder der Hamas.

Seine Unterstützer - darunter viele junge Briten - sehen in ihm einen Hoffnungsträger für mehr soziale Gerechtigkeit und lieben ihn dafür, dass das Establishment ihn verabscheut. John McDonnell, sein Schatten-Finanzminister, sagt über ihn: "Jeremy ist ehrlich, anständig und hat Prinzipien."

Woher er kommt: Aus den hintersten Reihen der Labour-Fraktion. Corbyn ist ein traditioneller "Backbencher". 2015 wurde er eher durch Zufall für die Wahl zum Parteivorsitzenden nominiert - man brauchte einen Kandidaten, der den linken Flügel repräsentiert - und Corbyn erklärte sich bereit, diesmal "das Opferlamm" zu sein. Mit der Reaktion hatte keiner gerechnet, am wenigsten wohl er selbst: Zehntausende traten in die Partei ein und wählten ihn zum neuen Chef. Die Basis liebt ihn, die eigene Partei misstraut ihm, so ist es bis heute. Im Juni 2016, nach dem Brexit-Referendum, sprachen ihm drei Viertel der eigenen Fraktion das Misstrauen aus, viele traten zurück. Corbyn machte unbeirrt weiter und ließ sich in einer zweiten Urwahl als Parteichef bestätigen - noch mal mit mehr als 60 Prozent der Stimmen der Parteimitglieder. Da Labour Anfang Juni in den Umfragen aufgeholt hat, ist die beißende Kritik der Parteifreunde zumindest leiser geworden.

Was er will: All das, was ein Linker alter Schule eben will: Bessere öffentliche Schulen, die Wieder-Verstaatlichung von privatisierten Unternehmen wie der Bahn, der Post und Energieversorgern, starke Gewerkschaften, weniger Kriege und höhere Steuern für Reiche.

Haltung zum Brexit: Unklar, aber er steht eher für einen "soft Brexit". Corbyn selbst sagte einmal, er sei zu 75 Prozent Pro-Europäer. Die 25 Prozent Zweifel kommen wohl daher, dass er in der EU ein Elitenprojekt sieht. Letztlich unterstützte er halbherzig die "Remain"-Kampagne seiner Partei. Der Sieg der "Leave"-Seite wurde auch seiner wankelmütigen Haltung vor dem Referendum angelastet. Im Wahlkampf verspricht er, die Rechte der in Großbritannien lebenden EU-Bürger garantieren zu wollen - gleiches soll für Briten gelten, die in Spanien oder Deutschland wohnen.

Fun fact: Liebt Fahrräder. "Fahrrad fahren ist der Gipfel des menschlichen Bestrebens - ein fast neutraler Umwelteffekt gepaart mit der Fähigkeit, erhebliche Distanzen zu fahren, ohne jemanden zu stören. Das Fahrrad ist die perfekte Verbindung von Technik und menschlicher Energie." Hat 2016 zum siebten (!) Mal infolge den Titel "Parlamentsbart des Jahres" gewonnen.

Lieblingsausdruck: Der Wahlkampfslogan "for the many, not the few" (für die vielen, nicht die wenigen) trifft Corbyns Überzeugungen recht gut.

Nicola Sturgeon Delivers Address At The United Nations On Human Rights

Quelle: AFP

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Nicola Sturgeon (Scottish National Party - schottische Sozialdemokraten - 46 Jahre - kandidiert nicht für das Premierministeramt)

Status: Die Jeanne d'Arc Schottlands. Heute ist Sturgeon als Erste Ministerin Schottlands wichtigste Gegenspielerin von Theresa May. Obwohl sie gar nicht für das britische Parlament kandidiert, ist sie das Gesicht der SNP und daher dauerpräsent in den Medien und bei Wahlkampf-Events.

Woher sie kommt: Sturgeon wuchs als Tochter eines Elektrikers und einer Zahnarzthelferin im Südwesten Schottlands auf. Angeblich träumte sie schon im zarten Alter von 15 Jahren den Traum der schottischen Unabhängigkeit. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst für verschiedene Anwaltskanzleien und engagierte sich bei der SNP. Als ihr Parteifreund und Förderer Alex Salmond nach dem verlorenen schottischen Unabhängigkeitsreferendum 2014 als Parteichef abtrat, sah sie ihre Chance gekommen und wurde First Minister Schottlands.

Wie hartnäckig sie sein kann, zeigte Sturgeon schon früh. Sie brauchte zahlreiche Anläufe, bevor sie 1999 endlich für den Wahlkreis Glasgow ins Parlament von Edinburgh gewählt wurde. Als es ihr gelang, war sie dafür aber auch erst zarte 29 Jahre alt.

Was sie will: Unabhängigkeit für Schottland. Klingt einfach, ist in der Umsetzung aber hochkomplex. Denn 2014 haben die Schotten schon einmal dagegen gestimmt. Nach der Brexit-Entscheidung hat Sturgeon ein zweites Referendum angekündigt, in dem die Schotten noch einmal über ihren Verbleib im Königreich unter den geänderten Vorzeichen abstimmen sollen. Das Problem: Sie kann sich nie wirklich sicher sein, wann die Zeit reif ist, um das Ergebnis zu kriegen, das sie will. Denn verliert sie die Abstimmung noch einmal, wäre das wohl das Ende ihres Traums - und womöglich das ihrer Karriere.

Haltung zum Brexit: Scots love unions ... Außer, wenn sie von London aus regiert werden. 62 Prozent der Schotten haben dafür gestimmt, in der EU zu bleiben. Sturgeon will ihnen genau das durch ein zweites Referendum möglich machen. Ob das möglich ist, und unter welchen Umständen, steht derzeit aber noch in den Sternen.

Fun fact: Wurde früher häufig als "Nippy Sweetie" beschrieben, ein schottischer Ausdruck, den das Urban Dictionary folgendermaßen definiert: "Ein Mensch, meist weiblich, der andere schon dadurch nervt, dass er den Mund aufmacht." Und: Ihr Kabinett ist das erste in der Geschichte Großbritanniens, in dem genauso viele Frauen wie Männer sitzen.

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Quelle: AFP

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Tim Farron, (Liberal Democrats - linksliberal - 47 Jahre)

Status: Rumpelstilzchen - kann Stroh zu Gold spinnen, aber könnte sich auch in der Luft zerreißen und doch nicht Premier werden.

Was andere über ihn sagen: Hmmm... wer? Nur ein Drittel der Briten geben an, zu wissen, wer Farron ist. Unter denen, die ihn kennen, gilt er aber als menschennah und redegewandt. Seit seinem Auftritt in einer Kandidaten-TV-Debatte vergangene Woche, in der er mit witzigen Anspielungen auf Mays Abwesenheit punktete, könnte er ein wenig bekannter geworden sein. Der Economist hat zuletzt überraschend eine Wahlempfehlung für seine Partei ausgesprochen.

Was er will: Eine Chance!?! (Und den Verbleib in der EU.) Die "Lib Dems" leiden seit jeher unter dem Handicap des britischen Direktwahlsystems. Wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen bekommt, gewinnt den Sitz. Zwar sind die Mitgliederzahlen der Partei stark gestiegen, doch eine Stimme für die Liberalen sehen viele Briten als vergeudete. Gerade junge Wähler haben den Lib Dems außerdem noch nicht verziehen, dass sie 2010 in einer Koalition mit den Konservativen mit dem Wahlversprechen antraten, die Studiengebühren nicht zu erhöhen - und dann, als sie an der Macht waren, genau das zuließen, um mehr als 300 Prozent! Dabei hätte diese Wahl der große Moment der Partei sein können. Als Einzige bekennt sie sich seit jeher klar zur EU. Sie könnte damit den fast 50 Prozent der Briten, die gegen den Austritt gestimmt haben, eine Stimme geben.

Haltung zum Brexit: Neeein! Farron will den Briten eine Chance geben, ihre Entscheidung zu revidieren. Er fordert ein zweites Referendum nach Abschluss der Brexit-Verhandlungen. Leider ist das völlig unrealistisch, weil die Mehrheit der Briten das Votum akzeptiert hat.

Fun fact: Farron wurde als Achtzehnjähriger bekehrt und ließ sich mit 21 taufen. Seither ist er überzeugter Christ. Einmal zog er deshalb Ärger auf sich, weil er die Frage, ob schwuler Sex Sünde sei, nicht klar mit "nein" beantworten wollte. Am Ende fand Farron aber einen klassisch-liberalen Ausweg: Die Freiheit des anderen habe politisch immer Vorrang. Im Parlament hat er deshalb stets für die Rechte von Schwulen gestimmt. Wie er persönlich zur Ausübung der Freiheit stünde, spiele dabei für ihn keine Rolle.

Starkes Zitat: Bei einer Fernsehdebatte aller Kandidaten glänzte die medienscheue Theresa May durch ihre Abwesenheit. Stattdessen schickte sie ihre Innenministerin Amber Rudd in den Ring. Farron wusste das geschickt für sich zu nutzen. In seinem Abschluss-Statement, direkt vor Amber Rudd, sagte er ans Publikum gerichtet: "Amber Rudd ist als Nächstes dran. Sie ist nicht die Premierministerin. Die Premierministerin ist nicht hier. Sie hatte keine Lust, warum also sollten Sie Lust haben? Hier geht es gleich mit einem Backprogramm weiter - also, warum machen Sie sich nicht einfach noch einen Tee? Sie sind Theresa Mays Zeit nicht wert, Sie sollten ihr auch nicht Ihre schenken."

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Quelle: AFP

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Paul Nuttall, (Ukip - Anti-EU-Partei - 40 Jahre)

Status: Wäre gerne der Mann für den kleinen Mann.

Woher er kommt: Zwanzig Jahre lang hat die populistische Ukipunter unter ihrem Anführer Nigel Farage für ein einziges Ziel gekämpft: den Brexit. Am 23. Juni 2016 hatte sie ihr Ziel erreicht und Ukip hätte sich auflösen können. Fast war es so weit. Nigel Farage verkündete zwei Wochen nach dem Referendum lapidar seinen Rücktritt: "Ich will mein Leben zurück."

Kurz nach Farages Abtritt begann der schnelle Aufstieg seines langjährigen Parteikollegen Paul Nuttall, der zwar eigentlich auch zurücktreten wollte ("Ich will auch mein Leben zurück"). Er überlegte es sich dann aber anders, als Farages Nachfolgerin schon nach 18 Tagen aufgab. Jetzt kämpft sich Nuttall an der Spitze einer Partei ab, die gerne die Partei des kleinen Mannes wäre, der früher links wählte und heute den Ausländern und der EU die Schuld an seiner Misere gibt. Doch seit den Rücktritten hat Ukip ein Glaubwürdigkeitsproblem. Bei den letzten Lokalwahlen verlor die Partei jeden (!) ihrer 146 Sitze. Ein Großteil der Abgeordneten hat die Partei bereits verlassen und ist zu den Konservativen gewechselt. Denn mit ihrem "harten Brexit" und der scharfen Linie bei der Einwanderung hat May der Ukip bei zwei Kernthemen den Rang abgelaufen.

Was er will: Brexit? Wahlen gewinnen? Brexit! Wahlen gewinnen! Es ist komplex. Nuttall will einen "richtigen" Brexit und ist sich nicht sicher, dass allen Tories in der Hinsicht zu trauen ist. Andererseits hat seine Partei ohnehin kaum Chancen und leidet am Mitgliederschwund. Deshalb hat Ukip nur in der Hälfte der Wahlkreise eigene Kandidaten aufgestellt - in den anderen unterstützen sie die echten "Brexiteers" unter den Tories.

Fun Fact: Im Wahlkampf redete Nuttall weniger über Inhalte, und viel über einen gefälschten Lebenslauf auf LinkedIn. Darin stand, dass er seinen PhD 2004 von der Liverpool Hope University verliehen bekam. Nur durfte die damals noch gar keine Doktorenwürden verleihen. Auch eine Vergangenheit als professioneller Fußballspieler stellte sich als falsch heraus. Angeblich hatte ein PR-Mitarbeiter beides ohne sein Wissen auf LinkedIn veröffentlicht.

Lieblingsausdruck: Der Brexit sei "a job half done" - ein unfertiges Projekt. Fragt sich nur, ob ausgerechnet eine Partei wie Ukip, ohne Regierungserfahrung, ohne starkes Führungsteam und ohne klares Programm, den Job zu Ende bringen kann.

© SZ.de/mati

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