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Wahl in Griechenland:Linksbündnis Syriza knapp vor absoluter Mehrheit

Exit Poll Results Are Declared In The Greek General Election

Syriza-Anhänger feiern in Athen.

(Foto: Getty Images)
  • Das Linksbündnis Syriza unter der Führung von Alexis Tsipras hat die vorgezogene Parlamentswahl in Griechenland klar gewonnen und erreichte nach Auszählung von mehr als 75 Prozent der Stimmen 36,1 Prozent.
  • Die bislang regierende konservative Nea Dimokratia von Antonis Samaras kam auf rund 27 Prozent.
  • Entgegen den Voraussagen kann Tsipras möglicherweise sogar ohne Koalitionspartner regieren.
  • Auf Platz drei landete mit 6,4 Prozent laut Hochrechnungen die faschistische Goldene Morgenröte.

Syriza liegt deutlich vor der konservativen Nea Dimokratia

In Griechenland gibt es einen Machtwechsel. Das Linksbündnis Syriza unter der Führung des 40-jährigen Alexis Tsipras gewann die vorgezogene Parlamentswahl am Sonntag klar. Nach Auszählung von mehr als 75 Prozent der Stimmen kam Syriza auf 36,1 Prozent. Die absolute Mehrheit von 151 der 300 Sitze im Parlament lag für die Linkspartei am Abend in greifbarer Nähe. Klarheit sollte allerdings erst nach Auszählung sämtlicher Stimmen herrschen. Abgestraft wurden die bislang regierenden Konservativen von Regierungschef Antonis Samaras. Sie lagen demnach bei 28,1 Prozent und 77 Sitzen.

Als erstplatzierte Partei bekommt Syriza gemäß dem griechischen Wahlrecht einen Zuschlag von 50 Sitzen. Dies würde laut den Hochrechnungen bedeuten, dass sie 149 bis 151 Sitze in dem 300-köpfigen Parlament gewonnen hat. Womöglich werde die Frage erst ganz am Ende der Auszählung geklärt sein, sagte der Wahlleiter. Der TV-Sender Skai sprach am Abend von einem "Thriller um die absolute Mehrheit für Syriza". (Den genauen Auszählungsstand finden Sie hier).

Tsipras: Große Versprechen, harte Forderungen

Tsipras signalisierte noch in der Wahlnacht seine Bereitschaft zu Verhandlungen über das Schuldenproblem des Landes. Seine künftige Regierung wolle mit den Partnern in der EU über eine "gerechte und praktikable Lösung" reden, sagte er in Athen. "Ab morgen beginnt die harte Arbeit." Er strebe einen ausgeglichenen Haushalt und ein eigenes Konsolidierungsprogramm an, sagte Tsipras. "Es wird keinen katastrophalen Streit geben". Allerdings werde sich Griechenland dem Diktat der internationalen Geldgeber nicht länger "unterwerfen". Der Syriza-Chef will nun direkt mit den Kreditgeberländern verhandeln - die Zeit der Troika aus Europäische Zentralbank (EZB), EU-Kommission und Internationaler Währungsfonds (IWF) sei vorbei, sagte er vor Tausenden jubelnden Anhängern in Athen. "Wir haben heute Geschichte geschrieben."

Schon Minuten nach Veröffentlichung der ersten Zahlen hatten sich Tausende Syriza-Anhänger in Athen versammelt und den lang ersehnten Sieg gefeiert. Autokorsos zogen durch die Hauptstadt. Auch in anderen Teilen des Landes gab es spontane Feiern.

Schon vor der Wahl hatte Tsipras versprochen, die Sparprogramme zu lockern. Er fordert von den europäischen Gläubigern zudem einen kräftigen Schuldenschnitt. Griechenland hat seit 2010 Kredithilfen der Euro-Länder und vom Internationalen IWF von rund 240 Milliarden Euro erhalten. Viele dieser Kredite haben bereits sehr lange Laufzeiten. Sollte sich die neue Regierung in Athen mit ihren Geldgebern nicht einigen, könnte es im schlimmsten Fall einen Staatsbankrott geben und das Land die Euro-Zone zu verlassen müssen. Tsipras hatte sich allerdings zuletzt zuversichtlich gezeigt, dass es nicht zu einem "Grexit" kommen werde.

Pro-europäische Partei schneidet gut ab

Spannend war das Rennen um den dritten Platz. Die Rechtsextremisten der Goldenen Morgenröte lagen dabei bei 6,3 Prozent und 17 Sitzen. Den Wahlkampf hatte deren Parteispitze aus dem Gefängnis heraus geführt. Viele Funktionäre sitzen wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Organisation in Untersuchungshaft.

Dicht dahinter folgte die erst Anfang 2014 gegründete neue proeuropäische Partei der politischen Mitte, To Potami (Der Fluss), mit 6,0 Prozent und 16 Sitzen.

Den Einzug ins neue Parlament schafften demnach auch die Kommunisten mit 5,5 Prozent und 15 Mandaten und die bislang mitregierenden Sozialisten mit 4,7 Prozent und 13 Mandaten. Analysen zufolge wandten sich zahlreiche enttäuschte Stammwähler der sozialistischen Pasok nun Syriza zu. Die frühere Volkspartei steht damit vor dem Niedergang. Die Rechtspopulisten der Unabhängigen Griechen schafften ebenfalls den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde. Sie lagen bei 4,7 Prozent der Stimmen und 13 Mandaten. Parteichef Panos Kammenos signalisierte Tsipras Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sollte Syriza die absolute Mehrheit verfehlen. Auch Potami-Chef Stavros Theodorakis zeigte sich kooperationsbereit. Die Partei des ehemaligen griechischen sozialistischen Regierungschefs Giorgos Papandreou lag abgeschlagen bei 2,4 Prozent.

Samaras gratulierte dem Wahlsieger Tsipras telefonisch und gestand seine Niederlage ein. Anschließend erklärte er im griechischen Fernsehen: "Das griechische Volk hat gesprochen" und dies "respektiere" er. Er habe 2012 ein Land am Rande der Katastrophe übernommen und es geschafft, es durch die schwierigste Krise seiner jüngsten Geschichte zu führen. "Es gab auch Fehler", räumte er ein. "Ich übergebe heute ein Land ohne Defizite, das Mitglied der EU ist", fügte Samaras hinzu.

In ersten Analysen des Wahlausganges hieß es, viele Griechen hätten die Lasten der Sparmaßnahmen nicht mehr ertragen. Tsipras, der ein Ende der drastischen Einschnitte versprach, machte ihnen Hoffnung. In den vergangenen fünf Jahren mussten die Griechen im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent verkraften.

Parlament wählt auch neuen Präsidenten

Staatspräsident Karolos Papoulias rief das griechische Volk auf, kühlen Kopf zu bewahren. Papoulias wird an diesem Montag Tsipras auffordern, eine Regierung zu bilden. Dazu hat dieser nur drei Tage Zeit. Schafft er es nicht, darf der Zweitplatzierte sein Glück versuchen.

© Süddeutsche.de/segi/sry

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