Wahl in Frankreich Monsieur Nobodys Sieg

François Fillons neoliberales Wirtschaftsprogramm treibt schon jetzt Gewerkschaften und linke Katholiken geistig auf die Barrikaden.

(Foto: imago/ZUMA Press)

François Fillon nährt die Hoffnung, dass nicht nur Populisten Erfolg haben können. Doch gerade sein Wirtschaftsprogramm könnte für den Konservativen zum Albtraum werden.

Kommentar von Christian Wernicke

Der Mann war abgestempelt als ewiger Verlierer, er galt als graue Maus der Pariser Politik. Doch über Nacht ist François Fillon zur Lichtgestalt von Frankreichs Republikanern geworden.

Sensationell, mit riesigem Vorsprung, hat der 62 Jahre alte Biedermann den ersten Durchgang zur Kür des konservativen Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl gewonnen. Fillons Sieg bei der Stichwahl am Wochenende gilt als ausgemacht. Europa, ja die Welt muss nun dazulernen: "Monsieur Nobody" hat alle Chancen, im Mai 2017 Frankreichs nächstes Staatsoberhaupt zu werden.

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Derweil ist Nicolas Sarkozy, Ex-Präsident und fünf Jahre lang Fillons Dienstherr, endgültig gescheitert. Welche Ironie, welcher Stoff für einen Film: So oft hatte Sarkozy den getreuen Fillon gedemütigt ("Ich bin der Kopf, du bist die Beine") - jetzt beendet ausgerechnet das vermeintliche Aschenputtel dessen Karriere. Fillon, der seriöse Langweiler, schlägt Sarkozy, den begnadeten Instinktpolitiker.

Nur zwölf Tage nach dem Triumph von Donald Trump in Amerika weckt die Vorwahl der Franzosen plötzlich neue Hoffnungen. Darauf, dass Bedacht und Beständigkeit sich vielleicht doch auszahlen können in der Demokratie. Und dass, im Vaterland der Volksverführerin Marine Le Pen, nicht nur Populisten Erfolg haben.

Die Franzosen haben genug von verbrauchten Präsidenten

Leider hält diese Deutung Frankreichs Wirklichkeit nicht stand. Sarkozys endgültige Verbannung aus der politischen Klasse beweist nur, wie sehr seine Landsleute genug haben von verbrauchten Präsidenten und vorgeblichen Staatsmännern, die sich für unverzichtbar halten.

Sarkozys Fiasko ist eine Lehre auch für François Hollande, den amtierenden Monarchen der Republik: Der Sozialist sollte auf eine Wiederwahl verzichten und würdig abdanken. Andernfalls erwartet ihn spätestens im Frühjahr dieselbe Schmach und Schande wie jetzt Sarkozy.

Verkünder bitterer Wahrheiten

Fillon, seit Jahrzehnten Berufspolitiker, hat dennoch reüssiert. Aus zwei Gründen. Als anfänglicher Außenseiter profitierte er davon, dass Demoskopen wie Journalisten die rechte "Primaire" seit Monaten zum Duell zwischen Sarkozy und Alain Juppé, dem Ex-Premier und ältesten aller Republikaner, verengt hatten. Mit Fillon, dem dritten Mann, sprengte das Vorwahl-Volk lustvoll das Kalkül seiner Elite.

Zweitens hat Fillon sich neu erfunden. Der frühere Sozial-Gaullist, der einst gegen Europa, Maastricht und die Macht der Märkte gewettert hatte, verkündet seit Jahren, seine Nation müsse eine Rosskur durchleiden. Die Franzosen erinnern sich, dass Fillon als Premier schon 2007 vor einem "bankrotten Staat" warnte (und dafür von Boss Sarkozy abgewatscht wurde). Heute präsentiert sich Fillon, der Mann des Systems, als Verkünder bitterer Wahrheiten. Und als jener, der mit allem Schlendrian bricht, mit Sarkozy und auch mit den Sozialisten. Binnen fünf Jahren will er 500 000 Stellen im Staatsdienst und 100 Milliarden aus dem Budget streichen.

Dieses Programm hat Fillon den Ruf eingebracht, er sei "Frankreichs Thatcher". Der Republikaner mag diese Reminiszenz an Britanniens Eiserne Lady und die Achtzigerjahre als Ritterschlag empfinden. Nur, das kann schnell zum Fluch werden. Denn die Franzosen wissen zwar, dass sich ihr Staat und ihre Wirtschaft von Grund auf erneuern müssen, auch durch Verzicht auf Privilegien und mit garstigen Einschnitten. Aber wenn es konkret wird, lehnt eine breite Mehrheit Fillons liberale Rezepte - Ende der 35-Stunden-Woche, spätere Rente - strikt ab. Weshalb Fillon, momentan als ehrlicher Reformer umjubelt, noch zum Opfer seiner eigenen Courage werden könnte.

Fillons Programm könnte politischer Albtraum werden

Fillon haucht nicht nur den Republikanern neues Leben ein. Er könnte sogar auch die regierenden und schon totgesagten Sozialisten wiederbeleben: Solch ein marktliberaler Katholik, den obendrein Vorbehalte gegen homosexuelle Eltern oder muslimische Burkinis plagen, reanimiert ihre Kampagne. Und auch die Populisten der extremen Rechten wie der radikalen Linken reiben sich die Hände. Der Vernunftpolitiker Fillon mag ein wirtschaftliches Programm vertreten, wie es sich IWF oder EU seit Jahren erträumen. Doch genau das könnte zum politischen Albtraum werden.

Für Marine Le Pen, die FN-Chefin, wie für Jean-Luc Mélenchon, den Linksfrontler, verkörpert Fillon das ideale Feindbild: Sie werden den Republikaner als Agenten von Brüssel jagen, als Büttel der Bosse und Knecht des Kapitals verteufeln. Fillon wird deshalb nicht nur seine ganze Kraft benötigen, um bei der Wahl im Mai Marine Le Pen zu schlagen. "Monsieur Nobody" muss Talent zum Volkstribun beweisen. Andernfalls hat Frankreich jetzt nur einen Pyrrhus-Sieg erlebt - und Schlimmstes vor sich.

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