Wahl in Frankreich:Marine Le Pen kopiert sich in die Mitte

  • Marine Le Pen hat ganze Passagen ihrer gestrigen Wahlkampfrede bei ihrem unterlegenen Konkurrenten François Fillon geklaut.
  • Eine Woche vor der Präsidentschaftsstichwahl rückt Le Pen von rechts außen in die politische Mitte, um auch dort Wähler zu gewinnen.
  • Sie schwächt zentrale Forderungen wie die nach einem sofortigen Austritt aus EU und Euro deutlich ab.

Von Lilith Volkert

Kurz vor der Präsidentschaftsstichwahl gehen Marine Le Pen offenbar die Worte aus. Die Rede, die die Kandidatin des Front National am 1. Mai in Villepinte hält, ist zwar gewohnt eloquent und wird mit großem Eifer vorgetragen. Sie ist aber auch in Teilen abgeschrieben. Vier Passagen daraus stammen von Le Pens Konkurrenten François Fillon. Der Konservative, der im ersten Wahlgang ums Präsidentenamt ausgeschieden ist, hat diese am 15. April fast wortgleich gehalten. Es geht darum um Frankreichs Grenzen, Frankreichs Sprache, Frankreichs Stimme in der Welt.

Anhänger des Konservativen, die unter dem Namen Ridicule TV (Lächerlich TV) vor allem gegen den Sozialliberalen Emmanuel Macron keilen, haben den Schwindel aufgedeckt. Sie haben Ausschnitte der Reden so gegeneinander geschnitten, dass man beide Politiker gleichzeitig sprechen sieht. Der Konservative redet ruhig, die Rechtspopulistin schreit und fuchtelt. Doch ihre Worte sind tatsächlich die gleichen.

Warum bedient sich Le Pen - oder ihr Redenschreiber - bei einem anderen, noch dazu anlässlich eines der wichtigsten Auftritte vor der Wahl? Le Pen hat eigentlich ein äußerst professionelles Wahlkampfteam und ist deutlich erfahrener als etwa Melania Trump. Die jetzige US-amerikanische First Lady hatte im Wahlkampf vergangenes Jahr Passagen aus einer Rede ihrer Vorgängerin Michelle Obama übernommen.

Außerdem lief es bisher eher anders herum. Konservative Politiker wie François Fillon oder Nicolas Sarkozy bedienten sich - wenn auch nicht wörtlich - beim Front National. In der Hoffnung, auf diese Art verlorene Wähler zurückzugewinnen, kopierten sie Forderungen nach Grenzkontrollen und weniger Einwanderung oder brachen Diskussionen über die "nationale Identität" vom Zaun.

Dass Le Pen ausgerechnet bei Fillon abkupfert, verdeutlicht ihre Strategie auf den letzten Metern. Von rechts außen rückt sie ein ganzes Stück weit in die politische Mitte. Vergangene Woche präsentierte sie den Nationalkonservativen Nicolas Dupont-Aignan als ihren künftigen Premierminister, sollte sie Wahl am Sonntag gewinnen. Gleichzeitig schwächte sie zentrale Wahlkampfforderungen spürbar ab. Vor einer Entscheidung über den "Frexit" solle zunächst mit der EU verhandelt werden, über einen Austritt aus dem Euro noch einmal nachgedacht werden.

Anstatt über die Einwanderung zu schimpfen, stellte Le Pen zuletzt die soziale Situation des Landes in den Vordergrund. Außerdem kritisierte sie ihren Konkurrenten Emmanuel Macron, der früher Investmentbanker war, als Vertreter der Finanzwelt und der Globalisierung. Es ist der Versuch, auch noch ein paar linke Wählerstimmen zu gewinnen.

Le Pens Wahlkampf-Manager David Rachline sagte der Zeitung Le Monde am Montagabend, Le Pen habe "mit einem Augenzwinkern eine kurze Passage über Frankreich übernommen". Sie wolle damit auch zeigen, dass sie nicht sektiererisch sei, sondern auf einen Zusammenschluss aus. Im exakt selben Wortlaut verteidigte der FN-Vize Florian Philippit den Fauxpas gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Zumindest in diesem Fall ist jedoch unklar, wer von wem abgekupfert hat.

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