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Wahl in den Niederlanden:"Sie können immer schön twittern, Herr Wilders"

  • Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders war zuletzt vor allem auf Twitter präsent, machte sich in der Öffentlichkeit rar.
  • Beim TV-Duell gegen Ministerpräsident Mark Rutte kann er stellenweise punkten: Denn nach sieben Jahren ist die Gesundheitsversorgung prekär.
  • Rutte gibt sich hingegen staatsmännisch und bleibt ruhig. Die knackige Debatte endet unentschieden.

Mark Rutte gegen Geert Wilders, der amtierende Ministerpräsident gegen seinen schärfsten Widersacher: Auf dieses Duell am Montagabend, zwei Tage vor der Wahl, hatten die Niederländer seit Wochen gewartet. Es war kräftig debattiert worden in dieser Zeit, im Radio und Fernsehen standen sich die Spitzenkandidaten der wichtigsten Parteien zahlreiche Male gegenüber, in unterschiedlichsten Formaten. Manchmal war auch Rutte dabei. Aber Wilders nie. Der Populist hatte ursprünglich an zwei Debatten des Fernsehsenders RTL teilnehmen wollen, sich aber anders entschieden, nachdem RTL ein Interview mit Paul Wilders gesendet hatte, der seinen Bruder seit Kurzem öffentlich heftig kritisiert.

Sie gehen wie Raubtiere aufeinander los

Wilders war dadurch in den vergangenen Wochen fast nur auf Twitter präsent. Beobachter glauben, er habe sich bewusst fernhalten wollen vom thematischen Kleinklein, in das sich die Konkurrenz bei den Debatten zwangsläufig begeben musste. Das Programm seiner Freiheitspartei besteht nur aus ein paar Zeilen, zu manchen Themen hat sie nichts zu sagen.

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Aber nun kommen sie beide dynamisch hochgesprungen auf das Podium in der Erasmus-Universität Rotterdam. Rutte, im grauen Anzug, von links; Wilders, in Tintenblau, von rechts. Eine halbe Stunde stehen sie einander gegenüber, gehen wie Raubtiere aufeinander los. Kurz wird der Eklat vom Wochenende angesprochen. Da sehe man doch, die Türken seien nicht im Mindesten integriert, schimpft Wilders. Rutte spielt den Staatsmann, empört sich über unerhörte Nazi-Vergleiche aus Ankara und schießt zurück: "Sie können immer schön twittern, Herr Wilders, ich muss hier Entscheidungen treffen für unser Land."

In der Wirtschaft punktet Rutte, beim Thema Gesundheit Wilders

Dann geht es um die Wirtschaft. Vorteil Rutte, seine Regierung hat das Land aus einer schweren Krise geholt. Nicht dank dieses Kabinetts sei das gelungen, blafft ihn Wilders an, sondern trotz Rutte. Zudem habe der rechtsliberale Premier diverse Versprechen gebrochen, unter anderem die Zusage vor der Wahl 2012, kein Geld mehr nach Griechenland zu schicken. "Niemand in den Niederlanden glaubt Ihnen noch, Sie haben die Wähler fünf Jahre lang belogen." Rutte entgegnet: "Wir sind raus aus der Krise, das ist das Wichtigste."

Dann der Brexit, dem Wilders einen Nexit folgen lassen will. "Schauen Sie sich das Chaos in Großbritannien an", sagt Rutte. "Das wollen Sie auch. Das wäre das Schlechteste für unser Land." Der Premier fixiert seinen Kontrahenten genau, lässt kaum den Blick ab von ihm. Wilders tadelt "Angstmacherei" und nutzt die Chance, zwei seiner Lieblingssätze anzubringen. "Nexit ist das Beste, was uns passieren kann. Dann sind wir endlich wieder Herr im eigenen Land."

In der Gesundheitspolitik kann er punkten. Tatsächlich ist die Versorgung vielerorts nach fast sieben Jahren Rutte prekär. Sind die Alten und Schwachen Opfer der Einsparungen?, fragt der Moderator. Ja, eine "Schande" sei das, greift Wilders an, "unwürdig für unsere Gesellschaft. Zehntausende Pflegekräfte wurden eingespart. Jeder Fünfte in Pflegeheimen ist unterernährt. Sie kümmern sich lieber um die Rechte von Gefängnisinsassen als um das Wohlergehen der alten Menschen." Er solle mit diesem "Negativismus" aufhören, empfiehlt Rutte. "Wir haben die beste Gesundheitsversorgung in Europa."

Die Schlussfrage: Werden Identität und Kultur durch Immigranten bedroht?

Zwei erfahrene, hellwache Debattierer duellieren sich hier, lassen keine Gelegenheit für Konter aus. Einen hat sich Rutte offensichtlich zurechtgelegt: "Sie können mich vielleicht auf Twitter blockieren", beschwert er sich über eine Unterbrechung, "aber hier müssen Sie mir mal zuhören."

Das Brisanteste zum Schluss, das Thema Identität und Kultur. "Werden sie bedroht durch die Immigranten?", so die Frage. Er habe seine damalige Partei - Ruttes Rechtsliberale - schon vor 16 Jahren vor einem EU-Beitritt der Türkei gewarnt, klagt Wilders, vor dem Islam sowieso. "Ihr habt nie auf mich gehört!" Rutte bleibt ruhig: "Die beste Art und Weise, Probleme zu verhindern, ist es, die Einwanderung zu begrenzen. Das haben wir geschafft."

Eine knackige Debatte, Höhepunkt des Wahlkampfs. Ergebnis: eindeutig unentschieden.

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