Im Grunde gibt es keinen undankbareren Job, als der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden. Den Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, als Jan Stefan Roell seine Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage vorträgt. „Wir haben große Sorgen“, sagt der Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags im Tonfall eines Arztes, der eine schlimme Diagnose zu überbringen hat.
Roell beklagt den Fachkräftemangel, die lähmende Bürokratie. Außerdem wären da noch die steigenden Staatsausgaben, die nicht mit der Wirtschaftsleistung Schritt hielten. Das sei ein „recipe for disaster“, also ein Garant für eine Katastrophe. Dieses „Desaster“ muss der künftige Ministerpräsident abwenden. Immerhin haben sich am Donnerstagabend in der Stuttgarter IHK fünf Kandidaten und eine Kandidatin eingefunden, die sich diese komplizierte Aufgabe zutrauen.
Bis zur Landtagswahl am 8. März 2026 wird diese Riege noch so manches Podium im Südwesten bevölkern, doch hier treffen die Spitzenkandidaten zum ersten Mal aufeinander. Die beiden aussichtsreichsten Bewerber um das Ministerpräsidentenamt, Cem Özdemir von den Grünen und Manuel Hagel von der CDU, hatten bislang auch jede andere Form von Begegnung gemieden. Hagel, 37, sagen selbst Unterstützer nach, dass er in der direkten Konfrontation mit dem Talkshow-Routinier Özdemir, 59, mehr Risiko als Chance sieht. Vielleicht hat sich das am Donnerstagabend aber sogar ein klein wenig geändert. Ein rhetorischer Klassenunterschied wird nämlich keinesfalls sichtbar.
In Umfragen liegt Özdemir weit vor Hagel – die Grünen aber deutlich hinter der CDU
Es braucht weiterhin einige Fantasie, um sich vorzustellen, dass dem ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann demnächst ein zweiter folgt. Der Özdemir-Faktor ist die zentrale Hoffnung seiner Partei, die unerquickliche Umfragelage doch noch drehen zu können. Die Grünen liegen in der Sonntagsfrage quälend weit hinter der CDU (zuletzt 20 zu 29 Prozent bei Infratest dimap). Bei den persönlichen Zustimmungswerten rangiert Özdemir indes imposant weit vor Hagel (41 zu 17 Prozent). Am Ende, glauben die grünen Strategen, werde es sein wie bei einer Oberbürgermeister-Wahl: Die Leute entscheiden sich für einen Kopf.
Am Donnerstag wird dann allerdings nicht nur die Erwartung enttäuscht, es könnte zu einer zünftigen politischen Boxerei der beiden Aspiranten kommen. Özdemir und Hagel nutzen ihre Sitznachbarschaft sogar zu offenbar heiteren Tuscheleien. Als Kollision geht an diesem Abend schon dieser Dialog durch, Thema Bürokratieabbau. Özdemir: „Sie stimmen mir also zu, dass man im Bereich Sicherheit und Bildung nicht sparen soll?“ Hagel: „Das war mein erster Satz.“ Özdemir: „Sie stimmen mir also zu?“ Hagel: „Oder Sie stimmen mir zu. Man kann ja vielleicht auch gemeinsam einer Meinung sein.“
Das kann man zweifellos, und der Einzige auf der Bühne, der diese Möglichkeit nicht ernsthaft erkundet, ist Markus Frohnmaier, mutmaßlich aufgeputscht von den 21 Prozent für die AfD in der letzten Umfrage. Er erinnert bei jeder sich bietenden Chance – und manchmal auch ganz ohne – daran, dass die CDU doch schon regiere, ohne Probleme zu lösen. Raunen im Saal, als Frohnmaier fordert, wieder Gas aus Russland zu importieren. Abgesehen davon ringt er mühsam um Salonfähigkeit. Fachkräfte aus dem Ausland? Die wolle er anwerben. Und auch in Richtung der Mitbewerber bekräftigt Frohnmaier seine Willkommenskultur: „Wir sind offen für andere Parteien. Bei uns gibt es keine Brandmauern.“
Özdemir pocht auf seine Erfahrung als Bundesminister, Hagel betont ständig sein „positives Mindset“
Die Veranstalter bemühen zahlreiche moderne Diskussionshilfen: QR-Codes, Themen-Wolken, grüne und rote Schildchen, ein einschüchternder Gong, der das Ende der Redezeit markiert. Kim Sophie Bohnen von der Linken hat das Privileg, sich als einzige Teilnehmerin völlig freimachen zu können von dem Druck, vor IHK-Publikum IHK-Positionen toll finden zu müssen. Hier im Saal ist für die Linke keine einzige Stimme zu holen. Obwohl: Da ist ein Herr im dunkelblauen Sakko, der sich diskret zustimmend auf den Oberschenkel klopft, als Bohnen verkündet: „Wir wollen Bus und Bahn statt Panzer fahren.“
Hans-Ulrich Rülke unterscheidet sich von sehr vielen anderen FDP-Landeschefs dadurch, dass er auf einen Wiedereinzug in den Landtag hoffen darf. Und sogar auf mehr: In der CDU gibt es Sympathien für eine sogenannte Deutschland-Koalition mit SPD und FDP. Dagegen hätte auch der Sozialdemokrat Andreas Stoch keine Einwände, der schon mal Kultusminister war und sich ein Comeback durchaus vorstellen könnte.
Von den beiden Favoriten bleiben am Ende zwei Grundstrategien im Gedächtnis: Özdemir sucht und findet jede Gelegenheit, um auf seine Erfahrung als Bundesminister hinzuweisen („Ich verstehe da ein bisschen was davon“). Hagel wiederum beschwört mantraartig jene Zuversicht, die er habe und die er sich auch für das Land wünscht. Wobei er das nicht Zuversicht nennt, sondern: „positives Mindset“. Wenn Manuel Hagel jedes Mal einen Cent bekäme, wenn er „positives Mindset“ sagt, wäre er am Ende dieses Wahlkampfs ein reicher Mann.

