Es gibt zweifellos härtere Prüfungen für Manuel Hagel als diesen Gang ins Bierzelt auf dem Cannstatter Wasen. Das Frühlingsfest des Hotel- und Gaststättenverbandes gilt traditionell als Heimspiel für die CDU, und in diesem Jahr sind die Wirte im Zelt aus aktuellem Anlass ungewöhnlich prächtiger Laune: Die neue schwarz-rote Bundesregierung will die Umsatzsteuer auf Speisen in der Gastronomie von 19 auf sieben Prozent senken. „Lieber Herr Hagel“, sagt der Verbandschef, „dafür danken wir sehr.“ Als besonderes Zeichen der Gastfreundschaft wird Hagel als „möglicher neuer Ministerpräsident“ begrüßt.
In gut neun Monaten wählen die Baden-Württemberger ihren nächsten Ministerpräsidenten, und nach Lage der Dinge ist Hagel der große Favorit, Winfried Kretschmann (Grüne) nachzufolgen, der nach fünfzehn Jahren im Amt aufhört. Hagels CDU liegt in der aktuellen SWR-Umfrage von Infratest dimap bei 31 Prozent, weit vor den Grünen (20 Prozent) und der AfD (19 Prozent).
Dieser Wahl wird nicht nur enorme landespolitische Bedeutung zukommen. Sie wird auch der erste Stimmungstest für die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz, eine erste Antwort auf die Frage, ob die Union nach ihrem Stolperstart mit jener soliden Regierungsarbeit überzeugen kann, die sie der Ampel stets abgesprochen hat. Da hilft es schon mal, dass die Stimmung im Stuttgarter Festzelt ausgesprochen CDU-freundlich ist. Hagel als neuer Ministerpräsident? Für viele Wirte hier höchstens eine rhetorische Frage.
In Trachtenjanker und Krawatte
Wer Hagel kennt, der weiß, dass ihm solche vorauseilenden Zuschreibungen leichte Bauchschmerzen bereiten. So wird er in diesen Tagen häufiger begrüßt, bei Ortsvereinen und Firmenbesuchen. Dabei ist er noch nicht einmal offizieller Kandidat, zu diesem will ihn die CDU erst am Samstag bei ihrem Parteitag in Stuttgart wählen. Und Hagel weiß natürlich, dass in neun Monaten noch viel passieren kann.
Im Festzelt tritt Hagel jetzt in Trachtenjanker und Krawatte auf die Bühne. Dort sagt er, was Wirte besonders gerne hören: dass die Bürokratie zurückgedrängt werden müsse nach dem Motto „Schnitzel und Bier statt Büro und Papier“. Einen Philosophie-Preis wird der Vortrag voraussichtlich nicht gewinnen. Dafür beweist Hagel jene Bierzelttauglichkeit, die ein gewisser Markus Söder drüben in Bayern seit Jahren höchst erfolgreich kultiviert: Wer Ministerpräsident werden will, muss im Bierzelt bestehen.
Bayern ist dann auch ein wichtiger Referenzpunkt, als man Hagel ein paar Tage später in seinem Büro trifft. Da spricht er über den Ehrgeiz, der Baden-Württemberg seiner Wahrnehmung nach in den vergangenen Jahren verloren gegangen sei – und den ein möglicher Ministerpräsident Hagel wiederzuerwecken gedenke. „Wir brauchen die Ambition zurück, ganz vorne mitspielen wollen, auch in guter Konkurrenz zu Bayern.“
Ganz vorne, da wähnt Hagel die Bayern mit ihrer berühmten Landeshauptstadt München, dem idealen Biotop für Start-ups. Und natürlich merken die Baden-Württemberger, dass die Straßen besser sind, wenn sie über die Landesgrenze fahren. Baden-Württemberg, so kann man Hagel verstehen, ist abgerutscht ins Mittelfeld. Da genüge ein Blick in die Schulen: „Unsere Bildungspolitiker fahren inzwischen nach Hamburg, um sich anzuschauen, wie funktionale Bildungspolitik sein muss. Das ist eine Schande für Baden-Württemberg.“ Auch das werde er ändern.
Manche rätseln, wie viel Grün in Hagel steckt
Das Problem ist, dass Hagels CDU am beklagten Zustand schon deshalb nicht gänzlich unschuldig sein kann, weil sie immerhin seit neun Jahren als Juniorpartner mit den Grünen regieren. Anders als Merz kann Hagel also keinen Politikwechsel ausrufen, er sagt: „Wir wollen nicht alles anders, aber das Wichtige ambitionierter machen.“
Hagel ist gerade 37 Jahre alt geworden. Bislang rätseln die Beobachter, wo sie diesen noch immer jungen Politiker zu verorten haben. Im Bundestagswahlkampf fiel Hagel als besonders treuer Merz-Unterstützer auf. In seinem Büro steht das Bild eines Kreuzes der Liebfrauenkirche in Ehingen, seiner Heimatstadt. Es gibt allerdings auch Indizien, die auf eine für CDU-Verhältnisse unerhört grüne Gesinnung hindeuten. An den Bürowänden hängen große Gemälde, auf denen Moose wachsen – echte Moose. Die werden mit einer Sprühflasche gegossen, sagt Hagel. Aus seiner Mitgliedschaft im Naturschutzbund Deutschland, Nabu, macht er kein Geheimnis.
Es spricht viel dafür, dass sich Hagel im Wahlkampf an einem schwierigen Spagat versuchen wird. Zum einen will er konservative Kretschmann-Grüne zurück zur CDU locken, die allerdings im grünen Kandidaten Cem Özdemir eine passable Alternative erkennen könnten. Andererseits muss er verhindern, dass am rechten Rand Wählergruppen zur AfD überlaufen.
Er kennt den „Blick in den Abgrund“
Dass die Union jetzt im Bund wieder den Kanzler stellt, könnte sich als vorteilhaft erweisen. Aber nur, wenn Merz zu einer geräuschlosen, effizienten Regierungsarbeit findet. Bislang hat er viele Christdemokraten in den Ländern vor allem in Erklärungsnot gebracht mit seiner spektakulären Kehrtwende bei der Schuldenbremse. Hagel selbst hatte noch vor einem Jahr für die Schuldenbremse „eine Art Ewigkeitsgarantie“ empfohlen.
Gewissheiten können sich ändern, Hagel weiß das. Er kennt die CDU noch als selbstbewusste Machtmaschine, die 2006 die absolute Mehrheit nur um einen Sitz verpasste. Aber auch als zerstrittene Truppe, die sich nach den diversen Wahlniederlagen gegen Kretschmann in Grabenkämpfe verstrickte. „Als ich Fraktionsvorsitzender geworden bin, standen wir bei 17 Prozent, ein Blick in den Abgrund. Aus den Erfahrungen unserer Niederlagen haben wir viel gelernt“, sagt Hagel. Zum Beispiel, dass die Partei geschlossen auftreten müsse. Das ist ihr in der Vergangenheit oft nicht gelungen.
Immerhin: In den Abgrund schaut die CDU schon lange nicht mehr. Der Blick richtet sich nach oben, auf einen Hügel im Südosten von Stuttgart. Dort liegt die Villa Reitzenstein, der Sitz des Ministerpräsidenten.

