Waffenmythos Walther PPK Lauf der Geschichte

Hitler soll sich mit ihr getötet haben, der Polizist Kurras erschoss mit ihr Benno Ohnesorg und Derrick hatte sie immer dabei: Keine Waffe erzählt deutsche Geschichte wie die Walther Polizei Pistole Kriminal. In die globale Popkultur eingeschleust hat sie aber ein cooler Brite.

Von Jannis Brühl

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes Waffen in Deutschland. Zu diesem Thema haben die Volontäre - die angehenden Redakteure - der Süddeutschen Zeitung eine komplette Ausgabe der SZ am Wochenende produziert. An diesem Mittwoch folgen Beiträge zum Thema "Wie die Deutschen schießen".

Mein Gott, Walther: In einem Londoner Auktionshaus wurde 2005 die Walther PPK versteigert, die James Bond 1969 in Im Geheimdienst Ihrer Majestät benutzte.

(Foto: AFP)

Den Schuss, den das ganze Land hört, machte bestes deutsches Know-how möglich. Am 2. Juni 1967 tötet Karl-Heinz Kurras in Berlin den Demonstranten Benno Ohnesorg. Der Polizist schießt aus einer Walther Polizei Pistole Kriminal, kurz PPK, Kaliber 7,65. Das Besondere an ihr: Sie feuert sofort, ihr Hahn muss nicht erst umständlich gespannt werden. Die Wut über Ohnesorgs Tod radikalisiert viele Studenten endgültig; bis heute wird über Kurras' Tat debattiert.

Die PPK und ihre Vorgängerin PP erzählen deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert - eine Geschichte von Ingenieurskunst und Gewalt, von Pop und Massenmord. Double Action heißt die Revolution der Waffentechnik, die Fritz Walther 1929 für die Firma seines Vaters Carl perfektioniert. Dank ihr kann die PPK schussbereit, aber gefahrlos getragen werden. Die PP ist die erste zuverlässige Pistole, deren Hahn sich automatisch spannt, wenn man den Abzug erstmals betätigt. Der Hahn schnellt sofort vor und feuert das Geschoss ab. Wie bei allen Selbstladepistolen spannt er sich durch die Kraft des Rückstoßes erneut von selbst. Die PPK ist flach, ihr Lauf kurz. Praktisch für alle, die nicht wollen, dass sich die Waffe unter der Kleidung abzeichnet: Polizisten in Zivil, wie Kurras einer war - oder Verbrecher, wofür viele Kurras halten. Doch auch Uniformierte nutzen "Waltherchen", so der Spitzname der Waffe.

Die Nazis lieben sie. Walther-Pistolen werden an Parteimitglieder verteilt, Bonzen schenken einander "Präsentationswaffen". 1933 überreichen die Stadtoberen im thüringischen Zella-Mehlis, Heimat der Firma Walther, dem Reichsstatthalter Fritz Sauckel eine PP-Sonderanfertigung: goldenes Eichenlaub am Lauf, Hakenkreuz am Griff.

PPK und PP sind die Pistolen der Wahl beim deutschen Überfall auf Europa. Wehrmachtsoffiziere entscheiden sich meist für die PPK. Die PP tötet auch in Konzentrationslagern. Bei SS-Offizieren ist sie beliebt - gerüchteweise als "Genickschusswaffe", mit der sie Häftlinge umbringen. Perfiderweise müssen Insassen des KZ Neuengamme Pistolen und Gewehre für Walther bauen. Zehntausende sterben in diesem Lager.

Das Gerücht hält sich, dass die PPK auch die Waffe war, mit der Adolf Hitler sich erschoss. Glaubt man den Aussagen seines Adjutanten Otto Günsche, trug er in den letzten Wochen im Berliner Bunker stets ein geladenes Exemplar bei sich. Fritz Walther flieht nach dem Krieg aus Thüringen. Er will lieber im Kapitalismus Waffen bauen und führt die Firma in Ulm weiter.

Die Waffe der Offiziere, die halb Europa überfallen haben, macht in den Sechzigern international Karriere. Sie hält Einzug in die globale Popkultur. Sean Connery verlässt sich als James Bond auf seine PPK - geladen, nicht gesichert.