Süddeutsche Zeitung

Heizen:Alle wollen mehr Geld für die Wärmewende

Die Ampelkoalition steht kurz davor, die Heizgesetze und entsprechende Förderungen zu beschließen. Das weckt Begehrlichkeiten.

Von Thomas Hummel

Auch wenn die öffentliche Debatte ruhiger geworden ist, die Pläne für eine Wende in den deutschen Heizungskellern schreiten voran. In der kommenden Woche soll das Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung vom Bundestag beschlossen werden, ebenso dürfte sich der Haushaltsausschuss damit befassen, welche neuen Heizungen wie gefördert werden sollen. Alles soll Anfang 2024 in Kraft treten, zusammen mit dem bereits erlassenen Gebäudeenergiegesetz (im Volksmund: Heizungsgesetz). Es wird der Startpunkt der Wärmewende, bis zum Jahr 2045 soll ganz Deutschland klimaneutral heizen.

Wie groß die Aufgabe ist, beschrieb der Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Donnerstag mit seiner Studie "Wie heizt Deutschland?". Ergebnis: "Die Herausforderung ist riesig", sagte Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung. Etwa drei von vier Haushalten heizen demnach noch immer mit Erdgas oder Öl. Dabei gibt es regionale Unterschiede: In Bayern und Baden-Württemberg wird häufiger mit Öl geheizt, in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit Gas, im Osten und Norden ist die Fernwärme weiter verbreitet als im Rest des Landes. Wobei Fernwärme häufig mit Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken betrieben wird.

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen vollzieht sich viel zu langsam

Der Trend gehe zwar weg von Öl und Gas - seit der vorherigen Studie 2019 habe sich deren Anteil laut BDEW jeweils leicht verringert. Gleichzeitig stieg der Anteil der elektrischen Wärmepumpe in Gebäuden an, jedoch auf niedrigem Niveau von 3,4 auf 5,3 Prozent. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen vollzieht sich demnach viel zu langsam, um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen. Zudem warnen Experten vor einem Preisanstieg bei Öl und Gas, wenn in der EU im Jahr 2027 der CO₂-Zertifikatehandel auf Wärme ausgeweitet wird.

Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern sollen nun bis Mitte 2026 einen Plan aufstellen, wo auf ihrem Gebiet künftig wie geheizt werden soll. Alle anderen bis Mitte 2028. Bürger sollen wissen, ob eine Fernwärmeleitung kommt, mit Biogas zu rechnen ist oder sie eine Einzellösung wie eine Wärmepumpe benötigen. Dabei führt das Warten derzeit weitgehend zu Stillstand. In diesem Jahr wurden bislang etwa 70 Prozent weniger Förderanträge für eine Wärmepumpe gestellt als im Vergleichszeitraum 2022. Das macht auch die Wirtschaft nervös, denn in Erwartung eines Booms errichten gerade mehrere Unternehmen Großfabriken für Wärmepumpen in Osteuropa.

Im Gesetzesentwurf zur Wärmeplanung steht 167 Mal das Wort Wasserstoff

Und so bestimmt weiterhin das Thema Geld die Debatten. Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) und der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) legten zuletzt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) einen "10-Punkte-Plan für mehr Tempo bei der Heizungsmodernisierung" vor, fast alle zielten auf höhere staatliche Förderung ab. Der Deutsche Städte- und Gemeindetag sowie der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und der BDEW wollen viel mehr Geld für den Ausbau der Fernwärme als bislang geplant. Statt drei Milliarden Euro insgesamt fordern sie drei Milliarden jährlich bis 2035.

Weitere Streitpunkte bei den Förderrichtlinien: Erhält jemand einen Wärmepumpen-Zuschuss, obwohl später in seiner Straße Fernwärme verlegt wird? Wird eine Holzheizung nur zusammen mit Feinstaubfilter und Solarthermie-Anlage gefördert? Was ist mit Gasheizungen mit dem Label "H₂-ready"? Verbraucher- und Klimaschützer warnen davor, weil es bislang noch keine Gasheizungen gebe, die zu 100 Prozent mit Wasserstoff (H₂) betrieben werden können. Zudem wisse niemand, wann und zu welchem Preis Wasserstoff verfügbar sein wird. Angesichts dieser Unwägbarkeiten wundern sich Kritiker, dass das Wort "Wasserstoff" im Gesetzentwurf zur Wärmeplanung 167 Mal auftaucht.

Zuletzt wurde auf einem Kongress der Stadtwerke in Köln deutlich, dass viele Versorger damit rechnen, ihr Tausende Kilometer langes Erdgasnetz größtenteils stilllegen zu müssen. Denn je weniger Menschen ein Gasnetz nutzen, desto teurer wird der Betrieb. In der Schweiz planen mehrere Städte bereits einen Rückbau, etwa Zürich, Basel oder Winterthur.

Trotz aller Hürden erhofft sich BDEW-Chefin Andreae, dass die "negativen Diskussionen" nun sachlicher werden: "Die Wärmewende muss einen besseren Ruf bekommen", sagte sie.

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