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Hessen:Ermittler: Schüsse auf Eritreer waren rassistisch motiviert

Wächtersbach - Polizeieinsatz nach Schießerei

Markierungen auf der Straße im hessischen Wächtersbach zeigen, wo sich der Vorfall ereignet hat.

(Foto: dpa)
  • In Hessen ist ein eritreischer Staatsangehöriger angeschossen worden.
  • Der mutmaßliche Schütze flüchtete und tötete sich selbst mit einem Kopfschuss.
  • Der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main zufolge war die Tat rassistisch motiviert.
  • In der Wohnung des Mannes entdeckt die Polizei Waffen und Gegenstände mit Motiven aus der ultrarechten Szene.

In Hessen hat es nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nun eine zweite mutmaßlich rechtsextrem motivierte Gewalttat gegeben. Ein 55 Jahre alter Deutscher hatte am Montagmittag im südhessischen Wächtersbach auf einen aus Eritrea stammenden jungen Mann geschossen und ihn dabei schwer verletzt.

Der mutmaßliche Schütze wurde später leblos in seinem Auto gefunden, nach Erkenntnissen der Ermittler hatte er sich selbst in den Kopf geschossen und vorher einen Abschiedsbrief geschrieben. In der Wohnung des Mannes entdeckte die Polizei nicht nur sechs Waffen, darunter auch halbautomatische und großkalibrige Modelle, sondern auch Gegenstände mit Motiven aus der ultrarechten Szene.

In Sicherheitskreisen war von "Devotionalien" die Rede. Ob der Mann Verbindungen zu Neonazi-Gruppen hatte oder selbst Mitglied war, ist nach Darstellung von Ermittlern bislang offen. Die hessische Generalstaatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt in Wiesbaden leiten die Untersuchungen. Hinweise auf Mittäter gebe es bislang nicht. Man gehe zur Zeit von der Aktion eines fanatisierten Einzeltäters aus.

Der 26 Jahre alte Eritreer wurde nach aktuellem Stand der Ermittlungen wegen seiner dunklen Hautfarbe Opfer der Attacke. "Er war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte der Sprecher der hessischen Generalstaatsanwaltschaft, Alexander Badle. Eine wie immer geartete persönliche Beziehung der beiden habe es nicht gegeben. Der junge Mann wurde durch mehrere Schüsse verletzt und in einem Krankenhaus notoperiert.

Die Linke im Hessischen Landtag fordert eine schnelle Klärung

Welche Informationen der mutmaßliche Schütze in seinem Abschiedsbrief hinterlassen hatte, wollten die Ermittlungsbehörden mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte verstorbener Personen nicht mitteilen. Dass er sein Leben beenden haben wolle, gehe aber klar aus dem Schreiben hervor, hieß es.

Am 2. Juni war im nordhessischen Wolfhagen-Istha der CDU-Politiker Lübcke mit einem Kopfschuss getötet worden. Inzwischen sitzt der 45 Jahre alte ehemalige Neonazi Stefan E. in Untersuchungshaft. Er hatte den Mord zunächst eingeräumt, sein Geständnis aber dann widerrufen. Ob er als Einzeltäter oder als Mitglied einer Gruppe gehandelt hat, ist bislang ungeklärt.

Die Linke im Hessischen Landtag forderte eine schnelle Klärung, ob hinter den beiden jüngsten Gewalttaten womöglich rechtsextreme Netzwerke stehen. Die Vorsitzende der Fraktion, Janine Wissler, erinnerte daran, dass die Schüsse auf den Eritreer am 22. Juli gefallen seien, dem Jahrestag der rechtsextremen Attentate im norwegischen Oslo und auf der Insel Utøya sowie dem Amoklauf eines Schülers in München. 2011 in Norwegen hatte der Attentäter 77 Menschen ermordet, in München gab es 2016 neun Todesopfer. "Es darf nicht zugelassen werden, dass der 22. Juli zu einem Symboltag wird, an dem Rechtsterroristen Gewalttaten verüben", erklärte Wissler.

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