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Wachsender Autoritarismus:"Das Kapital setzt sich durch und erzeugt riesige politische Folgeprobleme"

Die AfD hat bei der Bundestagswahl aber "nur" 12,6 Prozent erhalten.

Das ist eine Beruhigungsformel, mit der ich nichts anfangen kann, weil das Einstellungspotenzial viel größer ist. Das Verschwinden des Autoritären ist ein Mythos, ein gesellschaftlicher Selbsttäuschungsprozess, Selbstberuhigung. Man muss immer wieder darauf hinweisen, dass die strukturellen Dinge, über die wir gesprochen haben, der globale Kapitalismus, die Fragen sozialer Desintegration, die kulturellen Konflikte, auch die demografischen Faktoren, sich nicht einfach mit einer Kümmerer-Attitüde vom Tisch wischen lassen. Und diese strukturellen Probleme werden mit der nationalstaatlichen Politik, so wie wir sie jetzt kennen, gar nicht angegangen. Seit Jahren nicht.

Das hat sich doch erst in den vergangenen drei Jahren so entwickelt.

Pegida und die AfD nach 2015 haben es vermocht, aus individuellen Ohnmachtsgefühlen kollektive Machtphantasien zu machen. Das ist schon sehr bemerkenswert. Rechtspopulistische Einstellungsmuster haben wir aber schon 2002 mit 20 Prozent ermittelt. Und nach der Finanzkrise hat es ab 2009 eine Radikalisierung gegeben - ohne Pegida oder AfD. Doch man hat diese Mentalitätsverschiebung lange nicht ernst genommen. Forschungsergebnisse aus Langzeitstudien wurden unter Alarmismusverdacht gestellt. So lange, bis die Mandate auf dem Spiel standen, dann wurde man plötzlich nervös. Jetzt sind alle nervös. Zu Recht.

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Schafft sich die moderne pluralistische, liberale Gesellschaft also quasi selbst ab? Weil sie so komplex wird, dass die Menschen sie irgendwann ablehnen und aus Freiheit Autoritarismus entsteht? Ist der Freiheitsschmerz das Problem?

Freiheitsschmerz entsteht aus der Ambivalenz unserer modernen Gesellschaft. Dadurch, dass man sehr viel mehr entscheiden kann, aber auch entscheiden muss. Und dann die Konsequenzen der eigenen Entscheidung auch zu tragen hat. Durch die extrem schnellen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es oft keine klare Grundlage, auf der man sich entscheiden kann. Nehmen sie das Beispiel Berufswahl. Es kann passieren, dass sich ein Jugendlicher für eine Ausbildung entscheidet, sich die Arbeitswelt aber innerhalb von fünf, sechs Jahren so massiv verändert, dass der angestrebte Beruf danach gar keine Zukunftsoption mehr ist. Man hat den Eindruck, Freiheit, das ist was Lustiges. Sie ist überhaupt nicht lustig. Die Moderne ist bekanntlich hoch ambivalent. Und Ambiguitätstoleranz heißt ja: unklare Situationen aushalten zu können, ohne auszurasten. Das ist offensichtlich heute für einige eine Überforderung.

Und sie fangen an, wütend um sich zu schlagen. Verbal jedenfalls.

Eine moderne Gesellschaft kommt ohne konstruktive Konflikte nicht weiter. Aber wir haben inzwischen gar keine Öffentlichkeit im Singular mehr, sondern wir haben Öffentlichkeiten im Plural, die aber in sich abgedichtet sind, so dass sich in diesen Filterblasen homogene Gruppen entwickeln. Die sozialen Medien muss man inzwischen asoziale Medien nennen. Homogene Gruppen haben es in sich. In diesen gibt es vor allem Aufschauklungsprozesse. Widerspruch wird nicht mehr zugelassen, um die Ambiguität der realen Verhältnisse abzumildern. Ganz schlimm wird das, wenn dann noch Verschwörungstheorien hinzukommen. Das macht mir besondere Sorgen. Dagegen hilft kein Argument mehr.

Was ist mit mehr Demokratie? Volksbefragungen zum Beispiel!

Im Grunde gibt es drei Arten, zu versuchen, das Autoritäre oder den Populismus einzuhegen. Das eine ist die Eindämmung, wobei bevorzugte moralisierende Diskurse völlig ungeeignet sind. Je höher die Moral angesetzt wird, desto geringer sind die Kommunikationschancen. Das Zweite ist die Anpassung an Stil und Inhalt. Wie schief das gehen kann, das haben die Bayern uns gerade vorgemacht. Das Dritte ist die Ausweitung von Demokratieformen. Das fordert ja auch die AfD. Da muss man aber hoch vorsichtig sein. Denn in Volksbefragungen greifen die Mechanismen dichotomischer Weltbilder, weil die Komplexität auf Ja/Nein reduziert wird. Das in aufgeheizten Situationen zu versuchen, ist höchst gefährlich.

Klingt, als gäbe es keine Chance mehr, den autoritären Nationalradikalismus noch aufzuhalten.

Wenn er sich nicht intern selbst zerlegt, durch Flügelkämpfe beispielsweise, dann wird das außerordentlich schwierig. Der ist ein Wachstumsmodell. Das sieht man ja auch an anderen europäischen Ländern. Österreich zum Beispiel oder Italien.

Haben wir zu lange an das Ende der Geschichte geglaubt? An den unumkehrbaren Erfolg der liberalen Demokratie?

Der Glaube an den selbstverständlichen dauerhaften Bestand liberaler Demokratiemodelle war schon seit Langem ein Irrtum. So wie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte ein Irrtum war. Das habe ich 2001 schon geschrieben und mich vor allem auf meinen Kollegen Ralf Dahrendorf bezogen. Der hat schon 1997 gesagt: Wir stehen wahrscheinlich am Beginn eines autoritären Jahrhunderts. Er hat das mit dem Bild der Quadratur des Kreises sehr anschaulich beschrieben: Man müsse die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit erhalten, soziale Integration sichern und die politische Beteiligung in freien Institutionen ermöglichen. Seine These war: Alles drei zusammen geht nicht. Es war die Frage: An welcher Stelle wird es gefährlich? Meine These war 2001: Bei sozialen Desintegrationsprozessen, Kontrollverlusten und Demokratieentleerung. Das Kapital setzt sich durch und erzeugt riesige politische Folgeprobleme, die gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie gerichtet werden.

Was muss jetzt passieren?

Man kann sich nur wünschen, dass eine gesellschaftliche Entwicklung eintritt, in der die Anerkennungsprobleme auf die Tagesordnung kommen. Das ist für mich der Punkt, der das zum Vibrieren bringt. Und natürlich gibt es Hoffnung: Zu jeder Bewegung gibt es immer Gegenbewegungen. Wir haben eine aufmerksame Zivilgesellschaft, zumindest in weiten Teilen des Landes.

Sie meinen die Demonstrationen gegen Rassismus und für Demokratie in großen deutschen Städten?

Große Demos, wie in Berlin kürzlich, sind wichtig, um die Normen einer Gesellschaft immer wieder neu zu befestigen - und zwar öffentlich. Diese Bewegung findet aber auch in der eigenen Filterblase statt. Der Alltag ist entscheidend. Dort müssen die Auseinandersetzungen geführt werden.

Es muss gestritten werden?

Ja, überall, um mühsam erkämpfte liberale Normen wenigstens zu verteidigen. Auf Verwandtschaftstreffen, bei Weihnachtsfeiern, im Verein, im Betrieb. Was passiert eigentlich, wenn dort jemand rechtsextreme oder autoritäre Sprüche ablässt? Bin ich in der Lage, dort zu intervenieren? Dazu bedarf es eines ganz harten Trainings, großer Disziplin. Keiner will, dass das Klima an der Arbeitsstelle vereist. Keiner will die Verwandtschaft verlieren, die Freunde. Trotzdem: Da entscheidet sich viel. Wir müssen keine Helden sein, aber im Alltag muss man schon mutig werden.

Ist das nicht ein bisschen naiv?

So zu argumentieren scheint für manche Menschen lächerlich zu sein. Das Gegenteil stimmt. Die sozialen Kosten sind an dieser Stelle ungemein hoch. Viel höher, als wenn ich in einer Gruppe von Tausenden Menschen mitlaufe, die meiner Meinung sind.

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