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Schottland vor Votum über Unabhängigkeit:Die alles entscheidende Frage nach der eigenen Identität

Team Schottland gegen Team Westminster: Befürworter eines unabhängigen Schottlands bei einer Demonstration in Glasgow.

(Foto: AP)

Die Befürworter einer Abspaltung Schottlands betonen in ihrer Kampagne immer wieder, dass sie anders sein wollen als die Engländer. Dennoch ging es in den Diskussionen fast nie um die eigentliche Frage: die nach der nationalen Identität der Schotten. Ist es ihnen möglich, sich gleichermaßen schottisch und britisch zu fühlen? Oder brauchen sie einen eigenen Staat?

Im wohl berühmtesten schottischen Film "Trainspotting" von 1996, der von Heroin-Abhängigen in Edinburgh handelt, hält die Hauptfigur Renton eine kleine Rede über Schotten und Engländer und fasst damit sehr gut zusammen, was eine Mehrheit der Schotten dazu bewegen könnte, für einen Austritt aus dem Vereinigten Königreich zu stimmen. "Wir sind von Wichsern kolonisiert worden", sagt Renton und fragt: "Was sagt das über uns?"

Der Satz ist in Schottland ein geflügeltes Wort, und er sagt etwas Wichtiges darüber, wie zu viele Schotten bis heute über ihre nationale Identität denken: immer im Verhältnis zu Engländern.

Team Westminister gegen Team Schottland

Als in den vergangenen Tagen Politiker aus dem Süden des Landes in Scharen in Schottland einfielen, um für den Fortbestand der Union zu werben, wurden sie vom schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond als "Team Westminster" verspottet, das gegen "Team Schottland" chancenlos sei.

Ganz bewusst hat Salmond diese Dichotomie benutzt. Dort das Establishment aus London, unglaubwürdig, ermattet, elitär. Hier die Bürger des Landes, das den letzten Schritt in die Unabhängigkeit machen will - mutig, frisch und vor allem: anders als die Engländer. Im Grunde genau wie vor 700 Jahren, als das zahlenmäßig unterlegene schottische Heer die Engländer in der Schlacht von Bannockburn vernichtend besiegte, was dazu führte, dass Schottland wenige Jahre später unabhängig wurde.

Grundton aus Kleingeist und Abgrenzung

Salmond betont wieder und wieder, dass die Kampagne der Befürworter eine durchweg positive sei, in der es um ein neues, gerechteres Schottland gehe. In Wahrheit schwingt in der Kampagne immer ein an die Engländer gerichteter Satz mit: Wir wollen anders sein als ihr. Unter der heiteren, bisweilen mitreißenden Melodie der Kampagne klingt ein leiser, aber hörbarer Grundton, wie er wohl allen nationalistischen Kampagnen innewohnt: ein Grundton aus Ressentiment, Kleingeistigkeit und Abgrenzung.

Es spricht sehr für die Diskussionskultur in Schottland, dass sich dennoch eine Debatte entfaltet hat, die teils auf herausragendem Niveau geführt wurde. Es schien, als ob das ganze Land in eine genuin politische Diskussion versunken sei. In Stadthallen und Gemeindezentren kamen Menschen zusammen, auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen und natürlich im schottischen Äquivalent zur antiken Agora: im Pub.

Schon jetzt hat das Regionalparlament weitreichende Befugnisse

Es ging in diesen Diskussionen um den Wohlfahrtsstaat, um den Nationalen Gesundheitsdienst, um eine künftige Währung, um Altenbetreuung und freien Zugang zu Bildung. Bemerkenswerterweise ging es fast nie um die eigentliche Frage, die die Schotten am Donnerstag beantworten müssen: die Frage nach ihrer Identität. Ist es ihnen möglich, sich gleichermaßen schottisch und britisch zu fühlen? Oder brauchen sie einen eigenen Staat, um eine Identität zu entwickeln, die sich nicht aus der Abgrenzung erklärt?

Alle anderen Aspekte sind im Kern Fragen der Tagespolitik und verstellen den Blick aufs Wesentliche. Schon jetzt hat das schottische Regionalparlament weitreichende Befugnisse. Es hat zum Beispiel entschieden, dass es, anders als in England, keine Studiengebühren gibt, oder dass ältere Menschen keine Rezeptgebühr zahlen. Entscheidungen, die den schottischen Teil des Nationalen Gesundheitsdienstes betreffen, werden in Schottland getroffen. Im Falle eines Neins zur Unabhängigkeit würden diese Befugnisse maßgeblich erweitert und beträfen auch die Steuererhebung. Das andere, das gerechtere Land zu schaffen, wie es bei den Befürwortern heißt, ist auch als Teil des Vereinigten Königreichs möglich.