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Vorstoß zur Pflegezeit:Schröder packt an

Bislang konnte die Familienministerin wenig glänzen. Nun will Kristina Schröder aus dem Schatten ihrer Vorgängerin von der Leyen treten und Profil gewinnen - mit Plänen für ein Recht auf zwei Jahre Pflegezeit.

Bisher stand Kristina Schröder, vormals Köhler, auf der politischen Bühne im Schatten ihrer prominenten Vorgängerin Ursula von der Leyen. Seit Schröders überraschender Berufung zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im November 2009 hat sie noch am meisten Aufmerksamkeit für ihre Hochzeit mit Ole Schröder, Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, erhalten.

Die 32-Jährige nutze die Zeit, um sich einzuarbeiten, hieß es aus dem Ministerium. Aber es war ja auch schwierig für Schröder, sich in ihrem neuen Amt zu profilieren: Die beachtenswerten Reformen ihrer vereinnahmenden Vorgängerin standen der Newcomerin im Weg, mit Elterngeld und Krippenausbau hatte von der Leyen das Feld der Familienpolitik nachhaltig umgegraben.

Nun aber Schröders Vorstoß, politische Aufmerksamkeit zu erlangen: Bereits kurz nach Amtsantritt hatte sie versprochen, etwas für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu tun, nun hat sie in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert, wie das funktionieren soll.

Demnach will es Schröder Berufstätigen ermöglichen, über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren ihre Arbeitszeit zurückzufahren und sich um pflegebedürftige Angehörige - zum Beispiel Eltern oder Kinder - zu Hause zu kümmern, ohne dabei den Job zu verlieren oder enorme Gehaltseinbußen hinzunehmen.

Immer mehr Pflegende weiter berufstätig

Der Pflegende soll seine Arbeitsleistung um die Hälfte reduzieren dürfen, aber weiterhin drei Viertel seines Gehalts beziehen. Nach Ende der Pflegezeit müsste er dann wieder voll arbeiten, bekäme aber zum Ausgleich zwei Jahre lang ebenfalls nur 75 Prozent seines Gehalts - eine ähnliche Regelung, wie sie zum Beispiel bei der Finanzierung von Sabbatjahren gilt.

Damit will Schröder auf den Trend reagieren, dass mittlerweile mehr als die Hälfte derer, die einen Angehörigen zu Hause betreuen, weiter berufstätig sind. Zudem wünschten sich ohnehin die meisten Menschen, bei Krankheit oder im Alter von ihren Angehörigen zu Hause versorgt zu werden.

Zwar gibt es bereits jetzt die Möglichkeit, sechs Wochen zu Hause zu bleiben, um einen Angehörigen in den eigenen vier Wänden zu pflegen. Doch viele Arbeitnehmer fürchten dadurch Nachteile im Beruf und verzichten darauf.

"Keine Kosten für Steuerzahler"

Es bleibt die Frage, wie Schröders Modell finanziert werden soll. Die Familienministerin sagte der FAZ, der Steuerzahler werde fast keine Kosten tragen. Der Staat verzichte lediglich auf die Steuereinnahmen, wenn kein volles Gehalt gezahlt werde. Und "der Pflegeversicherung dagegen käme die Familien-Pflegezeit langfristig zugute, denn Pflege zu Hause kostet weniger als im Heim".

Zudem könnte die Pflegezeit eine Lösung für das Problem sein, dass die Zahl der älteren, pflegebedürftigen Menschen ständig zunimmt und die Zahl der Plätze in Seniorenheimen gar nicht so schnell mitwachsen kann.

Im Hinblick auf die Unternehmen, die wohl nicht alle begeistert von einem Recht auf Pflegezeit sein dürften, meint Schröder, dass es sich "Unternehmen im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter nicht mehr lange leisten können, hier nicht flexibel zu sein". Es bestehe zwar ein gewisses Risiko, dass ein Arbeitnehmer mitten in der Pflege-Teilzeit den Betrieb verlasse, ohne das zu viel bezahlte Gehalt wieder eingespielt zu haben. "Wie sich Unternehmen dagegen absichern können, lassen wir gerade durchrechnen", sagte Schröder in dem Interview.

Zwei Jahre sind für viele Pflegende zu wenig

Ein Problem aber bleibt: Zwei Jahre Pflege reichen in den meisten Fällen nicht aus. Was ist, wenn ein Angehöriger nicht nur vorübergehend wegen eines Unfalls oder einer Krankheit Hilfe benötigt, sondern wirklich dauerhaft auf Betreuung angewiesen ist? "Der Staat kann nicht alles regeln", meint Schröder. Sie glaube aber, dass privatwirtschaftliche Anschlussmodelle gefunden werden könnten.

Das scheint nicht unbedingt realistisch: Schon ein Recht auf zwei Jahre Pflegezeit dürfte die Privatwirtschaft nur zähneknirschend hinnehmen. Und Erfahrungen mit dem Modell Elterngeld, wo Männer angehalten sind, zwei Monate zu Hause zu bleiben, zeigen: Zunehmend mehr Männer wollen diese Zeit nutzen, doch trotz Rechtsanspruchs sehen sich viele nicht in der Lage, die Auszeit gegenüber ihrem Arbeitgeber durchzusetzen.

Aber Schröder hat recht, wenn sie sagt: Das Recht auf Pflegezeit wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung.

© sueddeutsche.de/cgn/plin
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