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Vorsitzenden-Wahl der UMP:Das Programm ist Sarkozy

Nicolas Sarkozy

Zwei Fäuste für die Bürgerlichen: Nicolas Sarkozy kämpft um die Rückkehr in den Élysée-Palast. Den ersten Schritt dafür will er am Wochenende tun.

(Foto: Bob Edme/AP)

Nicolas Sarkozy möchte 2017 erneut Präsident Frankreichs werden. Dazu muss er aber erst die bürgerliche Partei UMP erobern - die er komplett auf sich zuschneiden will. Dafür umgarnt er sogar intimste Parteifeinde.

Von Christian Wernicke, Boulogne-Billancourt

Max Gaillard ist der Zeit weit voraus. Sehr weit. Erst in zweieinhalb Jahren dürfen die Franzosen wieder einen neuen Präsidenten wählen. Gaillard aber, dieser freundliche, etwas beleibte Rentner in der hinteren Stuhlreihe, möchte am liebsten schon jetzt sofort raus aus der Gegenwart, in der die Sozialisten regieren, die er für Versager hält. Und er möchte so bald wie möglich das Elend überwunden sehen, in das sein eigenes, bürgerliches Lager in Gestalt der Oppositionspartei UMP seit zwei Jahren verfallen ist. Deshalb ist Gaillard in die Sporthalle von Boulogne-Billancourt gekommen, einem der besseren Vororte von Paris.

"Ich kriege die Wut, wenn ich sehe, wie unsere Politiker das Land verkommen lassen", schimpft der 69-jährige Gaillard, während er den Reißverschluss seines Anoraks öffnet. Es wird langsam warm, mehr als tausend Leute strömen in den Betonbau. Max Gaillard lächelt selig. Die Rettung naht: "Es gibt einen, der es schaffen kann", sagt er. Jubel schwillt an, Fahnen wehen, als Gaillards Erlöser die Halle betritt. "Nicolas, Nicolas" rufen die Fans und klatschen rhythmisch. Nicolas Sarkozy, konservativer Ex-Präsident, hat in der Sporthalle ein Heimspiel. Hier, in dieser gutbürgerlichen Gegend, votierten 2012 drei von fünf Wählern für ihn und gegen François Hollande, den Sozialisten.

Es half aber nichts. Sarkozy verlor. Nun aber, da sein Parteivolk ihn verzweifelt ruft, ist er auf die Bühne zurückgekehrt. "Liebe Freunde", hebt Sarkozy an. Ein, zwei Gesten seiner linken Hand genügen, prompt nehmen alle brav Platz. Stille. Der Ex-Präsident gibt sich bescheiden. Er wirbt um Vertrauen: "Wenn ihr nicht zahlreich für mich stimmt, dann tut ihr unseren Gegnern einen Gefallen", haucht Sarkozy, "denn dann werde ich weniger Kraft und weniger Legitimität haben", sagt er.

Sarkozy will noch einmal neu beginnen

So viel Demut, das ist untypisch für Sarkozy. Aber so gibt sich der Mann, der im Alter von 59 Jahren noch einmal anfangen will. Der jetzt, im nasskalten Herbst 2014, darauf hofft, dass ihm im Mai 2017, bei der Präsidentschaftswahl, ein zweiter Frühling winkt. Einen "langen Marsch" hat Sarkozy seinen neuen Anlauf genannt.

An diesem Samstag endet für den Rückkehrer dabei die erste von drei Etappen: Per elektronischer Abstimmung entscheiden die 268 000 UMP-Mitglieder, wer ihre gebeutelte Partei erneuern soll. Als zweite Hürde lauern dann die Vorwahlen, bei denen Frankreichs bürgerliche Rechte Mitte 2016 ihren Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl kürt. 2017 steht dann das Endspiel um das höchste Staatsamt an. Sarkozy könnte Revanche nehmen an François Hollande. Oder er würde gegen Marine Le Pen ins Duell ziehen, was laut Umfragen derzeit wahrscheinlicher ist. Er könnte also den rechtsextremen Front National kurz vor dem Einmarsch in den Staatspalast stoppen.

70 Prozent Zustimmung muss Sarkozy ergattern

"Mon Président!" steht auf den blauen Plakaten, die an den grauen Wänden der Sporthalle kleben. Das ist der Plan. Wie viel der wert ist, wird sich am Wochenende zeigen. Mindestens 70 Prozent Zustimmung, so gilt unter UMP-Strategen und Pariser Journalisten als ausgemacht, muss Sarkozy ergattern. Sonst wäre er beschädigt. Eine Umfrage von voriger Woche verheißt dem Wiederkehrer nur 63 Prozent. Das wäre eine Schlappe - und ein Achtungserfolg für Bruno Le Maire, seinen Gegenkandidaten für den Parteivorsitz. Le Maire, ein so brillanter wie biederer Kopf, gewann in den vergangenen Wochen erstaunlich viel Zulauf. Der 45-jährige Absolvent zweier Elitehochschulen diente Sarkozy einst als Minister, er ist beileibe kein feuriger Anti-Sarkozist.

Aber Le Maire laufen all jene UMP-Anhänger zu, die sich die Zukunft ohne einen Mann der Vergangenheit ausmalen. Sarkozy kennt diese Skepsis. Weshalb er in der Beton-Arena von Boulogne-Billancourt selbst intimste Parteifeinde umgarnt. "Ich brauche sie alle", versichert er.

Scheinbar liebevoll säuselt er die Namen seiner Gegner ins Mikrofon: Bruno Le Maire, ja klar - vor allem aber Alain Juppé, seinen härtesten innerparteilichen Konkurrenten im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. Sarkozy versucht einen Balanceakt, er gibt zugleich den Versöhner und den Erneuerer der Rechten. Er möchte alle mitnehmen und alles einreißen: Die bankrotte UMP will er auflösen und durch eine neue, auf ihn zugeschnittene Partei ersetzen. Deren Namen oder Konzept bleibt Sarkozy auch in der Sporthalle schuldig. Das Programm ist er - basta!

Mehr nach rechts gerückt

Dennoch wird klar, dass der Ex-Präsident seit 2012 nach rechts gerückt ist. Das offenbart er, wenn er empfiehlt, die Nation solle angesichts "der Welle von Zuwanderern" weniger von Integration und "mehr von Assimilation" reden. Es ist sehr zum Wohlgefallen von Max Gaillard, dem Rentner, wenn Sarkozy, unduldsamer denn je, verspricht, das Schengen-Abkommen aufzukündigen. Oder wenn Sarkozy ankündigt, er werde das Gesetz für die Homo-Ehe wieder abschaffen, wie er erst kürzlich vor einer johlenden Menge rechtskatholischer Anhänger sagte.

Alain Juppé, Sarkozys Rivale, hat wissen lassen, er sei mit diesem Rechtsruck nicht einverstanden. Der Bürgermeister von Bordeaux ist moderat. Der Bruderkampf mit ihm um die Präsidentschaftskandidatur dürfte die zweite Etappe von Sarkozys Weg werden. Vorigen Samstag wurde Juppé von Sarkozy-Fans ausgepfiffen, der Ex-Präsident schaute ungerührt.

Der Rentner Max Gaillard hat sich entschieden. "Sarkozy ist der Einzige, der Marine Le Pen stoppen kann", glaubt er. Vorne auf der Bühne hat Sarkozy mit beiden Händen ein Zeichen gegeben - aufstehen zur Hymne! Gaillard schaut glücklich drein, als er die Marseillaise schmettert.

© SZ vom 29.11.2014/fie
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