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Vormarsch gegen Islamisten im Irak:"In 72 Stunden ist alles vorbei"

Die Kurden im Nordirak haben den Dschihadisten vom "Islamischen Staat" Rache geschworen. Sie geben sich optimistisch, innerhalb kurzer Zeit verlorenen Boden zurückzuerobern. Auch die irakische Luftwaffe möchte eingreifen. Der Konflikt könnte in Kürze explodieren.

Der Ramadan ist noch keine Woche vorüber, da öffnet sich im Irak eine neue gefährliche Front. Die sunnitischen Extremisten des Islamischen Staats (IS) - oder einfacher: die Vertreter des frisch ausgerufenen Kalifats - haben nach Wochen trügerischen Burgfriedens im Norden des Irak drei kurdische Städte angegriffen. Kurdische Peschmerga-Einheiten, die den Ruf haben, unbarmherzige Kämpfer, ja die besten des Landes zu sein, wurden praktisch überrannt. Eine neue Flüchtlingswelle setzte sich in Bewegung.

Zugleich rückten die IS-Extremisten auf Städte um den Mossul-Damm vor, eine der wichtigsten Elektrizitätsquellen des Landes. Gelänge es ihnen, die Kontrolle über die Anlage zu erobern, könnten sie die Regierung in Bagdad unter starken Druck setzen: Würden sie den Damm sprengen, könnte eine riesige Flutwelle Städte, Dörfer und Felder hinwegspülen. Umgekehrt könnten die Extremisten das Land zu Füßen des Dammes auch einfach austrocknen lassen. Auch dafür, wie für so viele Aktionen der Dschihadisten, gibt es einen Probelauf. Ende vergangenen Jahres, nach der Eroberung Falludschas, öffneten sie die Schleusen des Falludscha-Damms und überschwemmten Ackerland.

Zwischen den Kurden und den sunnitischen Aufständischen unter der Führung der IS-Milizen herrschte in den vergangenen Wochen trügerische Ruhe. Anfangs wirkten die Kurden sogar wie Gewinner des sunnitischen Vormarschs. Während die irakische Armee panisch das Weite gesucht hatte, übernahmen kurdische Peschmerga-Milizen Territorien, die sogar noch außerhalb des kurdischen Autonomie-Gebiets lagen, beispielsweise die Ölstadt Kirkuk. Der bedrängte schiitische Premierminister Nuri al-Maliki hatte den Kurden danach sogar vorgeworfen, dass sie sunnitische Extremisten in ihrem Autonomiegebiet Schutz böten - eine Behauptung, die die ohnehin schleppende Regierungsbildung durch Sunniten, Schiiten und Kurden verkomplizierte. Die Städte, die am Wochenende in die Gewalt der IS-Milizen fielen, liegen allerdings in traditionell kurdischem Gebiet. Auch die Kurden, zeigt sich nun, sind vor der Gier der Gotteskrieger nicht sicher.

IS IS-Extremisten dehnen Terrorherrschaft aus

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Die Extremistengruppe Islamischer Staat erobert im Nordirak weitere Gebiete und löst eine Massenflucht aus. Jetzt haben die IS-Kämpfer die größte Talsperre des Landes in ihre Gewalt gebracht - und damit einen strategisch wichtigen Ort.

Die Dschihadisten töteten alle, die sich ihnen in den Weg stellten

Am Sonntagmorgen stürmten die Dschihadisten die Stadt Sindschar, zerstörten einen schiitischen Schrein, töteten alle, die sich ihnen in den Weg stellten, überrannten lokale Polizei- und Armeeeinrichtungen und hissten die schwarze Flagge des Dschihad auf Regierungsgebäuden. Kurz, sie folgten "der üblichen Eroberungsmethode", wie die New York Times schreibt.

Einen Tag später schworen die Kurden Vergeltung. Die Truppen seien überlastet gewesen im weitläufigen Gelände, so ein Sprecher zur Agentur Reuters am Montag: "Die Lage ist brandgefährlich für die gesamte Region. Es muss etwas getan werden." Für eine Gegenoffensive ziehen die Kurden nun nach eigenen Angaben eine große Zahl Männer zusammen und schicken Eliteeinheiten, um den verlorenen Boden zurückzuerobern. Ein kurdischer Kommandeur sprach sogar davon, dass Mossul den Händen der IS-Extremisten entrissen werden könne: "In den nächsten 48 oder 72 Stunden wird alles vorbei sein."

Dies klingt einigermaßen optimistisch, gemessen an der unberechenbaren Wucht der IS-Vorstöße. Zwar haben schiitische Milizen zusammen mit der zuvor schwer geschlagenen irakischen Armee geholfen, den Vormarsch der sunnitischen Extremisten auf Bagdad zu bremsen. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass die Radikalen Bagdad derzeit gar nicht einnehmen wollen.

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Die Bilanz des "Krieges gegen den Terror" ist niederschmetternd: Im Irak, in Syrien und in anderen Ländern ist ein ultraradikaler Kalaschnikow-Islam entstanden. Gewalt ist oft die einzige Botschaft. Auch der nicht islamischen Welt kann das gefährlich werden.   Kommentar von Tomas Avenarius, Kairo

Iran fürchtet um jeden Meter, den die sunnitischen Extremisten näher rücken

Wie ernst die Lage ist, zeigt sich auch darin, dass Premier Maliki am Montag zur Unterstützung der kurdischen Peschmerga Luftschläge gegen die IS-Milizen befohlen hat. Dies nun ist eine zwiespältige Drohung. Denn am Himmel über dem Irak fliegt allerhand bewaffnetes Fluggerät: amerikanische Drohnen, iranische Drohnen, womöglich sogar syrische Kampfflugzeuge. Nur die irakische Luftwaffe ist wenig eindrucksvoll. Sie bestand zu Beginn des IS-Vorstoßes aus drei Jets und vier Kampfhubschraubern - ein Schatten der imposanten Luftwaffe aus russischen und französischen Jets, die Saddam Hussein einst kommandierte. Damals war die irakische Luftwaffe eine der schlagkräftigsten des Nahen Ostens, gefürchtet unter anderem im Krieg mit Iran in den Achtzigerjahren.

F-16-Kampfjets und Apache-Helicopter, die die USA dem irakischen Ministerpräsidenten Maliki bereits vor Jahren versprochen hatten, werden frühestens im Herbst geliefert. Verschnupft wandte sich daraufhin der Regierungschef an Moskau. Dort erstand er immerhin zwölf Suchoi Su-25, 30 Jahre alte, wartungsarme Lowtech-Maschinen aus Sowjetzeiten. Zudem hat die irakische Luftwaffe improvisiert und Cessna-Trainingsflugzeuge mit amerikanischen Hellfire-Raketen ausgerüstet.

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Finanziert aus Öleinnahmen baut die Miliz Islamischer Staat ein krudes Gemeinwesen in von ihr kontrollierten Gebieten auf. So entsteht zwischen Aleppo und Mossul ein Staat, der mit Schleierzwang und Scharia-Gesetzen von sich reden macht, seinen Bewohnern aber einen wesentlichen Vorteil bietet.   Von Tomas Avenarius

Auch Iran, einstiger Kriegsgegner und heute Verbündeter der irakischen Regierung, würde womöglich einspringen. Im Golfkrieg 1991 hatten irakische Piloten 100 Flugzeuge ins Nachbarland Iran gebracht, darunter betagte, aber flugtaugliche russische Su-24 und MiG-23 und französische Mirage-F1-Jets. Der schiitische Gottesstaat Iran fürchtet um jeden Meter, den die sunnitischen Extremisten näherrücken - und wäre deshalb wohl bereit, die Flugzeuge zurückzugeben. Allerdings ist fraglich, ob die flugentwöhnten irakischen Piloten in der Lage wären, die Gotteskrieger zu schwächen oder ob sie vor allem Zivilisten töten und die Lage weiter verschärfen würden.

Die IS-Milizen haben die politischen Allianzen durcheinandergewirbelt, sie schaffen neue Zwangsbündnisse. Für Maliki beispielsweise ist heute auch ein anderer Wunsch der Kurden denkbar: Waffen aus Amerika. Bislang hatte Maliki diese Forderung skeptisch gesehen, und in der Tat ist fraglich, ob die Bewaffnung einer einzelnen Gruppe im schwierigen Machtgefüge des Irak eher zur Stabilisierung der Situation beiträgt oder neue Eskalationen auslöst. Angesichts der bärtigen Radikalen in Schussweite des Mossul-Damms aber, zudem nach der Eroberung weiterer Ölfelder und einer Raffinerie, sind dies für Maliki zweitrangige Betrachtungen.