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Vorgezogene Parlamentswahl:Türkei im Wahlfieber

Die enormen innenpolitischen Spannungen im Land zeigen sich auch beim Urnengang: Trotz großer Hitze warten die Türken geduldig vor den Wahllokalen, viele haben eigens ihren Sommerurlaub unterbrochen. Die Medien erwarten bis zu 90 Prozent Wahlbeteiligung.

Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in der Türkei zeichnet sich am Sonntag eine hohe Beteiligung ab. In der Hauptstadt Ankara bildeten sich Wählerschlangen noch vor Öffnung der Wahllokale.

Medienberichten zufolge unterbrachen mehr als 25 Prozent der etwa 42,5 Millionen Wahlberechtigten eigens ihren Sommerurlaub, um an ihrem Wohnort wählen zu gehen.

Einige Medien rechneten mit einer Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent. Als Favorit des Urnengangs galt die konservativ-islamische AK-Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Ihr wurde in fast allen Umfragen ein höheres Wahlergebnis als 2002 zugetraut, als sie 34 Prozent der Stimmen erreichte. Erdogan hat unterdessen die Hoffnung geäußert, dass die türkische Demokratie "gestärkt" aus der Neuwahl des Parlaments hervorgehen werde. "Dies wird nicht nur eine Botschaft für unser Land, sondern gleichzeitig für die Welt sein", sagte der Regierungschef nach der Stimmabgabe in einem Istanbuler Wahlbüro.

Alleinregierung oder Rücktritt

Erdogan strebt eine erneute Alleinregierung seiner islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei AKP an. Andernfalls werde er sich aus der Politik zurückziehen, hatte der 53-Jährige im Wahlkampf erklärt.

Laut Umfragen kann die AKP mit rund 40 Prozent der Stimmen rechnen. Ob es für eine absolute Mehrheit reicht, hängt im Wesentlichen davon ab, wie viele Parteien die hohe Zehn-Prozent-Hürde schaffen. Auf Platz zwei mit über 20 Prozent sahen die Umfragen die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP), die für eine strikte Trennung von Staat und Religion eintritt. Auch die rechtsnationale Partei der nationalistischen Aktion (MHP) konnte jüngsten Umfragen zufolge damit rechnen, mit zwölf bis 14 Prozent den Sprung über die Zehn-Prozent-Hürde ins Parlament zu schaffen.

Die Parlamentswahl wird vor dem Hintergrund der Polarisierung der Türkei in ein religiös geprägtes und ein weltlich-laizistisches Lager als Weichenstellung für die Zukunft des Landes angesehen.

Zudem wurde erwartet, dass etwa 30 unabhängige Kandidaten ins Parlament einziehen, von denen die meisten aus den Kurdengebieten kommen.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete einen von Zwischenfällen weitgehend freien Wahlverlauf. Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern unterschiedlicher Parteien im Süden und Südosten des Landes gab es demnach acht Verletzte.

Die Neuwahlen waren angesetzt worden, nachdem Regierungschef Erdogan im Mai mit seinem Kandidaten, Außenminister Abdullah Gül, bei der Staatspräsidentenwahl im Parlament gescheitert war. Zuvor hatten hunderttausende Menschen gegen die AKP-Regierung und eine schleichende Islamisierung des Landes demonstriert.

Erste Hochrechnungen wurden vier Stunden nach Schließung der letzten Wahllokale gegen 20.00 Uhr MESZ erwartet.