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Vorgezogene Parlamentswahl:Das Erbe der Griechen

Syriza Party Rally Before This Weekend's General Election

Alexis Tsipras, der Chef der Linkspartei Syriza, bei einem seiner letzten Wahlkampfauftritte in Athen.

(Foto: Getty Images)

Der Wahlsieg ist der Linkspartei Syriza wohl kaum noch zu nehmen. Ihr Chef Alexis Tsipras wird von vielen Griechen als Retter angesehen. Doch so mancher befürchtet, dass der gerade mal 40 Jahre alte Aufsteiger verspielt, was bisher erreicht wurde.

Wenn gar nichts mehr hilft, dann soll es häufig der göttliche Segen tun. Oder zumindest die Kirche. "Nation, Heimat, Religion" seien stets seine Wegweiser gewesen, versichert Regierungschef Antonis Samaras, 63, und sucht einen als besonders konservativ bekannten Bischof auf. Die Botschaft der eiligen Visite: Die griechischen Konservativen befürchten, dass ihnen auch noch rechte Wähler davonlaufen.

Die orthodoxe Kirche und die Politik sind in Griechenland immer noch ein Geschwisterpaar, auch wenn die enge Bindung vielen Griechen gar nicht mehr passt. Ob Feuerbestattungen oder eine Moschee für Athen, die Kirche stellt sich stets quer, da nützen auch neue Gesetze nichts.

Alexis Tsipras, mit 40 Jahren eine Generation jünger als Samaras, lebt mit seiner Partnerin Peristera und den zwei gemeinsamen Kindern ohne kirchlichen Segen. Seine Linkspartei Syriza schlägt vor, in Schulen und öffentlichen Gebäuden die Ikonen abzuhängen, was Samaras empört zurückgewiesen hat. Im griechischen Wahlkampf geht es zwar zu allererst um turmhohe Schuldenberge und den Euro. Aber die Heilserwartungen, die der Aufsteiger Tsipras weckt, sind mit nüchternen Zahlen allein kaum zu erklären.

Viele Jüngere sitzen mit Laptop und Handy in der Zentrale der Partei

Ein ungewöhnlich milder Januarabend in Athen. Die Wärme sorgt dafür, dass die Luft rein ist. An kalten Tagen durchweht ein beißender Geruch die Stadt, denn in der Krise wird mit allem geheizt, was sich findet. Der zentrale Omonia-Platz ist für die letzte Syriza-Kundgebung vor dem Urnengang an diesem Sonntag abgesperrt. Der weite Raum reicht nicht aus. Auch in den Zufahrtsstraßen drängen sich die Zuhörer. Aus der Menge ragen Plakate mit gereckten Fäusten. Aber viele haben auch griechische Flaggen mitgebracht.

Eine Frau am Rand hält mit beiden Armen ein Poster in die Höhe. Darauf steht: "Veränderung in Griechenland, Veränderung in Europa". Die Frau sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das erleben werde." Sie hat ein Leuchten in den Augen.

Eleni heißt die 56-Jährige, sie hat am Athener Flughafen gearbeitet, bei Lufthansa. "Wir wurden frühpensioniert", sagt sie. Als Jugendliche, erzählt Eleni, sei sie mit dabei gewesen beim Aufstand gegen die Obristen, am Athener Polytechnio, der Technischen Universität. Die blutig niedergeschlagene Revolte gilt als legendär. Eine ganze Generation identifiziert sich bis heute mit dem Ereignis, das zum Ende der siebenjährigen Diktatur im Jahr 1974 beitrug. Auffällig viele Teilnehmer des Tsipras-Auftritts sind im Polytechnio-Alter. Mit der Aussicht auf eine linke Regierung gehe für sie "ein Traum in Erfüllung", sagt Eleni. "Unsere Hoffnung ist sehr groß."

Tsipras wurde erst im Umbruchjahr 1974 geboren. Auf dem Omonia appelliert er vor allem an die Jugend: "Griechenland braucht euch." Die Jungen gehen offenbar nicht so gern auf Parteiveranstaltungen, auch nicht zu Syriza. Viele Jüngere aber sitzen mit Laptop und Handy in der Zentrale der Partei, unweit vom Omonia, in der die Aufzüge rumpeln und die Wände mit Aufrufen übersät sind. Viele Helfer arbeiteten dort ohne Honorar, wie es heißt. Die zahlreichen TV-Spots aber lassen ahnen, dass auch die alternative Partei ansehnliche Finanziers haben muss.

Letzte Umfragen geben Syriza einen Vorsprung von bis zu sechs Prozent vor Samaras' Nea Dimokratia. Das Wahlrecht schenkt dem Sieger noch 50 Sitze dazu. "Wir wollen eine kristallklare Mehrheit", sagt Tsipras. Ob es zur absoluten Mehrheit im 300-köpfigen Abgeordnetenhaus reichen wird, entscheiden jedoch die kleinen Parteien. Je mehr den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde schaffen, desto schwieriger wird es für Syriza, aber desto mehr potenzielle Koalitionspartner stehen auch zur Verfügung. Sogar die rechtskonservativen "Unabhängigen Griechen" (Anel) haben sich angedient. "Wir sind absolut bereit", verkündete ihr Chef Panos Kammenos. Ideologisch trennen die Rechten und die Linke Welten, doch Syriza hat ausgerechnet diese Offerte nicht schnurstracks zurückgewiesen. Der Grund: Auch Kammenos hat die Sparpolitik der Regierung im Parlament abgelehnt.

Ein möglicher Partner ist auch der Neuling To Potami (Der Fluss). Die Partei wurde erst vor zehn Monaten von dem TV-Moderator Stavros Theodorakis gegründet. Den 51-Jährigen verbindet mit Tsipras der Frust über den alten Klientelismus. Aber Theodorakis steht eher in der Mitte. Sein "Fluss" könnte sich als Sammelbecken für Leute erweisen, die Angst haben, der regierungsunerfahrene Tsipras könnte die Zukunft des Landes im Euro-Raum verspielen. So wie es ein junger Unternehmer ausdrückt: "Ich fürchte, dass das bisschen, was bisher geschafft wurde, zerstört wird, und wir dann wieder am Anfang stehen." Der selbst in der Krise erfolgreiche Geschäftsmann mag auch Samaras nicht, der ist ihm schlicht "zu reaktionär".

Drei Tage vor der Wahl sind noch 2136 Beamte eingestellt worden

Potami erscheint da als Ausweg aus einem Dilemma. Mit gut sechs Prozent liegt die Partei in den Umfragen auf Platz drei. Theodorakis will aber nur bei einer Regierungsbildung helfen, wenn Tsipras die Verhandlungen über das Kreditprogramm mit der EU einvernehmlich beendet, bevor er sein Wahlversprechen anpackt: einen großen Schuldenschnitt für sein Land.

Inzwischen hat auch EZB-Präsident Mario Draghi erklärt, dass es für Athen keine Sonderkonditionen geben wird. Samaras hat dies sofort als "Bestätigung" seiner Politik begrüßt. Syriza aber sah sich ebenfalls ermutigt. So ist Wahlkampf.

Auch die Neonazi-Partei Chrysi Avgi ist ein Bewerber für Platz drei. Mit ihr wird niemand Gespräche führen. Auf Platz vier liegt die Pasok. Die 1974 gegründete Pasok galt einst als große Reformkraft, mit Wurzeln im Widerstand gegen die Diktatur. 1981 kamen die Sozialisten an die Macht. Sie führten die Zivilehe ein, vorher gab es nur Ehen mit dem Segen der Kirche, nach einem 1000 Jahre alten byzantinischen Gesetz. Aber auch der Klientelismus gedieh unter ihr, sie baute den Staat gewaltig aus. Im Wechsel mit den Konservativen dominierte sie die Politik, erst die Krise im Jahr 2009 schuf den Freiraum für Tsipras.

Gewisse Dinge ändern sich aber kaum, wie eine Meldung der Zeitung Kathimerini vom Freitag zeigt: Nur drei Tage vor der Wahl sind 2136 Staatsdiener eingestellt worden, die Hälfte von ihnen mit befristeten Verträgen, bei der Stromgesellschaft, als Lehrer und Gemeindearbeiter. Ein Gesetz verbietet Einstellungen in Vorwahlzeiten - außer bei "dringendem Bedarf".

© SZ vom 24.01.2015
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