Von konventionell auf ökologisch:Jalousien statt Klimaanlage

Metropolregion Nürnberg, Biogärtner

Drollig anzusehen und nützlich zugleich: Biogärtner setzen Nützlinge wie Hummeln ein, um Blüten im Gewächshaus zu bestäuben.

(Foto: Steinhilber)

Eine Gärtnerei und ein Planungsbüro zeigen, wie kleine Unternehmen nachhaltig arbeiten können. Doch viele Firmen fürchten die Mehrarbeit und den Papierkrieg.

Von Jasmin Siebert

Die Tochter war noch klein, der Sohn noch nicht geboren, da besuchten Christa und Reinhard Steinhilber eine Apfelplantage. Sie beobachteten, wie Arbeiter reife Äpfel spritzten - ein Schlüsselmoment. Die jungen Eltern beschlossen, ihre eigene Gärtnerei in Neustadt an der Waldnaab von der Chemie zurück zur Natur zu führen. Ein weiter Weg: Heute ist die Tochter 15 Jahre alt und der Betrieb ist seit Anfang des Jahres pestizidfrei.

"Unsere ökologische Einstellung ist älter als unser Büro", sagt dagegen die staatlich geprüfte Bautechnikerin Petra Wick. Als sie und ihr Mann Richard Steppan Anfang der 1990-er Jahre für ihr gemeinsames Planungsbüro Steppan ein Niedrigenergiehaus bauten, war ihnen eines wichtig: Ihr Holzhaus musste komplett rückbaubar sein. Sie waren nach eigenen Angaben die ersten in Waldsassen, die sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach montierten und Regenwasser für die Toilettenspülung und die Waschmaschine auffingen. "Damals wurde viel gelacht über uns", sagt Wick.

Beim Stichwort nachhaltige Unternehmen in der Oberpfalz fällt vielen zunächst die Bio-Brauerei Lammsbräu in Neumarkt ein. Doch auch in anderen Branchen finden sich Ökopioniere in der Region. Und die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden (OTH) hat sich seit Jahren der Nachhaltigkeit und Ethik in Technik und Wissenschaft verschrieben. Sie ist Bayerns erste Hochschule für angewandte Wissenschaften, die Fair-Trade-zertifiziert ist. Das Siegel, das man von Kaffee und Schokolade kennt, bescheinigt zum Beispiel, dass Automaten nur mit fair gehandelten Produkten bestückt sind. Studenten aller Fachrichtungen können neben ihrem Studium das bisher einzigartige Zertifikat "Ethik & Nachhaltigkeitsmanagement" erwerben.

Regenwasser sammeln auch die Steinhilbers. Ein Computersystem steuert die Bewässerung der Pflanzen, überschüssiges Wasser fließt zurück in den Behälter. So kommt die Gärtnerei ohne Leitungswasser aus, so lange es nicht so trocken ist wie im Sommer 2018. Die Gärtner ziehen 500 verschiedene Sorten und damit 95 Prozent aller Pflanzen, die sie verkaufen, selbst. Sie wachsen in modernen, energieeffizienten Gewächshäusern, die unter anderem eine spezielle Verglasung nutzen, um "die Energie einzusperren", wie es die gelernte Betriebswirtin Christa Steinhilber ausdrückt. Nachts wird die Temperatur abgesenkt, so dass sich die Holzpellet-Heizung erst später wieder einschalten muss. Den Pflanzen geht es gut damit. Durch die nächtliche Kälte wachsen sie nicht so schnell in die Höhe, dafür werden sie kräftiger.

In den Gewächshäusern summt und brummt es. Läusen und anderen Schädlingen werden Florfliegen, Schlupfwespen und Marienkäfer entgegengesetzt. "Unsere Schwarzarbeiter" nennt Steinhilber die Nützlinge. Wenn Mitte April die ersten Blüten an Tomaten-, Paprika- und Gurkenpflanzen sprießen, werden Hummeln zum Bestäuben in die Häuser gebracht. Der Familienbetrieb verkauft auch reife Früchte und Honig von Bienen, die ein Imker auf dem Gelände hält.

Die Wissenschaftlerin rät zum Umstieg in kleinen Schritten

Die größte Umstellung sei der vollständige Verzicht auf Pestizide seit Anfang dieses Jahres. Anstelle von chemischem Dünger wird das Gießwasser mit effektiven Mikroorganismen, einer Nährlösung aus Bakterien und Pilzen, versetzt. Seitdem dufteten die Kräuter und Blumen intensiver, und die Farben der Blüten seien strahlender, finden die Mitarbeiter. Manche Pflanzen wuchsen hingegen schlechter als sonst, sie mussten verbilligt angeboten werden. Doch als sich neulich eine Gruppe Kindergartenkinder mit dem nun gesundheitlich unbedenklichen Gießwasser nass spritzte, habe Steinhilber zufrieden gedacht: "Es war der richtige Schritt, umzustellen."

Die Kunden des Planungsbüros Steppan sind Kommunen - und die sind oft klamm. Steppan darf also nicht teurer sein als andere Büros. Auch wenn die Planer einen Mehrwert bieten, indem sie zum Beispiel darauf achten, nur recycelbare Materialien zu verwenden und Gebäude komplett rückbaubar zu bauen. Wie kann das klappen? "Wir müssen uns mehr anstrengen, mehr wissen", sagt Petra Wick. "Eine hohe Qualität bei der Bauausführung ist das Nachhaltigste, was man machen kann." Zum Beispiel seien Abwasserleitungen aus sortenreinem Kunststoff zwar teurer, dafür recyclingfähig und haltbarer als Betonröhren. Kommunen könnten sie länger abschreiben, erklärt sie.

Die Umstellung von konventionell auf nachhaltig kostet Unternehmen Zeit, Geld und Mut. Lisa Schöttl, seit wenigen Wochen Professorin für Nachhaltige Unternehmensführung und Angewandte Ethik an der OTH, rät Firmenchefs mit einfachen, aber effektiven Maßnahmen anzufangen: Wechsel zu einem grünen Stromanbieter, Jalousien statt Klimaanlage, überdachte Fahrradstellplätze, Bahncard 100 statt Dienstwagen oder ein Tauschregal, um ungenutztes Büromaterial an Kollegen weiterzugeben.

Zugleich betont Schöttl: "Wenn ein Unternehmen es ernst meint mit der Verantwortung, dann muss die Nachhaltigkeit den Kern des Produkts betreffen." Kleine Veränderungen seien ein guter Anfang, so lange sie glaubwürdig seien und nicht nur Marketing. Sie könnten das Betriebsklima verändern und Mitarbeitern helfen, Firmenwerte glaubwürdig nach außen vertreten. So seien auch die Kunden bereit, mehr für nachhaltige Produkte zu zahlen. "Unternehmen können einen großen Beitrag leisten - wenn sie nur wollen", sagt Schöttl.

Doch viele wollen einfach nicht. "Wir sind noch immer allein auf weiter Flur", bedauert die Bautechnikerin Petra Wick. "Zu viel Arbeit", bekommt Christa Steinhilber von anderen Selbständigen zu hören, wenn sie von ihren pestizidfreien Pflanzen erzählt. "Damit mehr Betriebe umstellen, braucht es endlich staatliche Unterstützung", fordert sie.

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