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Volkstrauertag:"Ich fand das unglaublich"

Die misslungene Trauerschleife bei einer Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag

(Foto: BAMH)

Bei einer Gedenkveranstaltung legt die SPD einen Kranz mit der Aufschrift "Den Opfern von Krieg und Verschissmuss" nieder. Jochen Hartmann fiel der peinliche Fehler auf.

Interview von Rainer Stadler

Am Wochenende fand auch in der nordrhein-westfälischen Stadt Mülheim im Ortsteil Dümpten eine Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag statt. Die SPD legte dabei einen Kranz mit der Aufschrift "Den Opfern von Krieg und Verschissmuss" nieder. Jochen Hartmann, dem Vorsitzenden der Fraktion "Bürgerlicher Aufbruch Mülheim", fiel der peinliche Fehler, der in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregte, als Erstem auf.

SZ: Wie haben Sie den Gedenkakt erlebt?

Jochen Hartmann: Ich war früher ja selbst Mitglied des Bürgervereins, der jedes Jahr am Samstag vor dem Volkstrauertag einen Gedenkakt veranstaltet. Vereine und Parteien legen da Kränze nieder. Diesmal waren 25 bis 30 Besucher da. Mir fiel sofort der SPD-Kranz auf. Ich dachte, das kann nicht sein, und habe zu Beweissicherungszwecken ein Foto gefertigt. Dann fragte ich den SPD-Kollegen: Was haben Sie denn da gemacht?

Seine Antwort?

Er hat den Kranz gemustert, aus sechs Meter Entfernung, und meinte: Ja und, was denn? Da sagte ich: Gucken Sie doch mal genauer hin! Dann hat er es gemerkt und gestöhnt: Wie kann das denn passieren? Kurz darauf wollte ich einem Vereinsvertreter die Aufschrift zeigen, da war die Schleife unten schon abgeschnitten. Der SPD-Bezirksbürgermeister erklärte später, jemand habe der SPD schaden wollen und die Aufschrift nachträglich geändert. Was für ein Unsinn!

Warum haben Sie das Foto von dem Kranz ins Internet gestellt?

Ich fand das unglaublich, andere auch: Auf Whatsapp und Facebook hat es bei mir das ganze Wochenende gerappelt.

Was genau fanden Sie so unglaublich? Die Aufschrift selbst? Oder dass offensichtlich niemand von der SPD den Kranz vorher angeschaut hatte?

Ich schaue mir die Kränze immer genau an, aus meiner Familie sind mehrere Angehörige im Krieg gestorben. Und in meiner Fraktion ist vor zwei Jahren auch ein kleines Malheur passiert, Anlass war die Reichspogromnacht. Auf dem Kranz sollte "Für unsere Mitbürger jüdischen Glaubens" stehen, aber am Ende fehlte das Genitiv-s. Ich habe das mit Bleistift korrigiert. Ist niemandem aufgefallen. Das alles zeigt mir, dass solche Gedenkakte zu Pro-forma-Veranstaltungen geworden sind. Einige nennen die Gedenkorte deshalb auch - was ich sehr despektierlich finde - Kranzabwurfstellen.

Sie sind Staatsanwalt. Was halten Sie davon, dass die SPD Anzeige gegen den Hersteller des Kranzes gestellt hat?

Lächerlich. Ich sehe weder zivil- noch strafrechtlich einen Ansatz. Die SPD hat erklärt, sie wolle den Kranz nicht bezahlen. Aber damit hat es sich dann auch. Die wollen mit der Anzeige doch nur davon ablenken, dass sie gepennt haben.

© SZ vom 19.11.2019
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