Volker Kauder Merkels wichtigster Mitstreiter muss gehen

Als alles begann: Volker Kauder, damals noch CDU-Generalsekretär, mit seiner Chefin im Jahr 2005.

(Foto: Peer Grimm/dpa)
  • Mit seiner überraschenden Abwahl als Unionsfraktionschef endet für Volker Kauder nach 13 Jahren eine Karriere eng an der Seite von Angela Merkel.
  • Dass ausgerechnet der konservative Mann aus Baden-Württemberg zum wichtigsten Mitstreiter der Frau aus dem Osten werden würde, damit hätte 2005 kaum jemand gerechnet.
  • Kauder und Merkel, das war nicht zweimal das Gleiche, sondern sie ergänzten sich auf ideale Weise.
Von Stefan Braun, Berlin

Irgendwann, das sagen selbst die Freunde am Dienstagabend, habe man die Gefahr kommen sehen. Ganz leise, ganz langsam. Die Gefahr, dass es eng werden, dass der Schwung langsam verloren gehen und die Treue der anderen bröckeln könnte. All das hatte sich in den vergangenen zwölf Monaten unter der Oberfläche abgezeichnet. Trotzdem hat Volker Kauder natürlich bis zuletzt gehofft, er werde es bei dieser Wahl noch einmal schaffen. Es war ja auch so selbstverständlich geworden in den vergangenen 13 Jahren. Fraktionschef der Union: Volker Kauder.

Mit seinem überraschenden Absturz endet für den 69-Jährigen eine Karriere an vorderster Front und eng an der Seite von Angela Merkel. Eine Kooperation der besonders intensiven Art, die fast genauso überraschend begonnen hatte, wie sie nun endet. Damals nämlich, im Herbst 2002, als Angela Merkel nach der knapp verlorenen Bundestagswahl in einer kalt kalkulierten Aktion Friedrich Merz vom Vorsitz der Fraktion verdrängte, hätte kaum jemand für möglich gehalten, dass ausgerechnet der konservative Kauder aus Baden-Württemberg zum wichtigsten Mitstreiter der Frau aus dem Osten aufsteigen würde.

Volker Kauder war ein enger Vertrauter von Merz gewesen; und er hatte noch zu Beginn des gleichen Jahres 2002 mit tiefer Überzeugung dafür gekämpft, dass nicht Merkel, sondern der Bayer Edmund Stoiber die Union ins Duell mit Gerhard Schröder führen würde.

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Dann, urplötzlich, wurde Kauder Merkels Erster Offizier, rückte auf zum parlamentarischen Geschäftsführer. Es war ein besonderer Coup der neuen Fraktionschefin; es war eine Botschaft des Ausgleichs an den konservativen Flügel. Und es wird vielleicht einmal als Merkels für sie selbst wichtigste Personalentscheidung in die Geschichte eingehen.

Viele Generalsekretäre sind unter Merkel gekommen und gegangen, Kanzleramtsminister ebenso. Einer blieb, und das war Kauder. Erst wurde er Geschäftsführer der Bundestagsabgeordneten; dann wechselte er in größter Krisenzeit 2004 als Generalsekretär ins Konrad-Adenauer-Haus, um nach Merkels hauchdünnem Wahlsieg 2005 Fraktionschef zu werden.

Neben dem inzwischen verstorbenen Peter Hintze hat es in fast zwanzig Jahren Merkel'schem Parteivorsitz keinen Christdemokraten gegeben, der so unverbrüchlich an ihrer Seite stand. Nur der oft unscheinbar und hinter den Kulissen agierende Hintze war für die Macht der CDU-Vorsitzenden vergleichbar wichtig.

Kauder konnte Kumpel sein

Dabei ist Kauder nie als großer Stratege, gar als Intellektueller in Erscheinung getreten. Er war nicht der Mann für die großen Politikentwürfe. Er brachte jedoch lange Zeit eine andere, für den Machterhalt aber ebenso wichtige Fähigkeit mit, die ihm über viele Jahre half, eine der größten Schwächen der Kanzlerin auszugleichen: Kauder konnte Kumpel sein, mit Kauder konnte man blödeln, auch mal Quatsch machen. Er war ein Mannschaftsspieler, hatte immer und immer wieder Zeit und ein Ohr für die Leiden seiner Leute.

Ja, der kampfesmutige Christdemokrat mit der hohen Stirn, der so mühsam wie entschlossen die freie Rede erlernte, hat die Truppe mit Loyalität und Teamgeist auch dann im Wortsinne zusammengehalten, wenn Merkel mit ihrer analytischen Nüchternheit und Kühle viele abschreckte. Merkel und Kauder, das war nicht zweimal das Gleiche, sondern ergänzte sich auf zentrale Weise.

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Allerdings, auch das gehört zu dieser Geschichte, erschöpften sich allmählich die Gemeinsamkeiten. Schon am Anfang war es für den konservativen Mann aus dem Südwesten manchmal schwer gewesen, all das mitzutragen, was Merkel an liberaler Modernisierung umsetzte. Aber er war damals stark und anerkannt genug, sich für Angela Merkel unbeirrt in den Sturm zu stellen. Erst mit der Zeit wurde es mühsamer, so als die Kanzlerin mitten im Wahlkampf 2017 mal eben den Weg zur Ehe für alle freimachte.

Nicht schwer fiel es ihm allerdings, ihre Entscheidung im Sommer 2015 mitzutragen, großzügig auf die akute Flüchtlingskrise zu reagieren. In dieser Frage trieb ihn seine vom christlichen Menschenbild geprägte Nächstenliebe. Unvergessen ist, wie er nach einer UN-Konferenz zur Lage bedrohter Christen in der Welt nach Berlin zurückkehrte und sich gar nicht mehr bremsen konnte in seinen Berichten, wie viel Lob und Begeisterung Deutschland angesichts der Merkel'schen Entscheidung geerntet habe. Gut möglich, dass Volker Kauder nie zuvor und nie wieder danach so stolz war.

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