Buch zum Völkermord in Ruanda Sie sangen, sie soffen, sie schwangen ihre Macheten

Ein Wächter der Gedenkstätte von Ntarama in Ruanda deutet auf Schädel von Menschen, die im ruandischen Bürgerkrieg im Jahr 1994 ermordet wurden.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Englebert Munyambonwa hat den Völkermord in Ruanda 1994 überlebt. Jetzt wird seine Geschichte veröffentlicht - es ist der intime Blick in eine zerstörte Seele.

Buchkritik von Cornelius Wüllenkemper

Das, was im ostafrikanischen Ruanda von Mai bis Juli 1994 innerhalb von ziemlich exakt hundert Tagen sich ereignete, entzieht sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen.

Durch gezielte Propaganda aufgepeitschte Mördertruppen der Hutu massakrierten im Blutrausch Nachbarn, Freunde, Männer, Frauen und Babys der Tutsi-Gruppe - wohl keiner, der dabei war und überlebte, möchte sich heute, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod von schätzungsweise 800 000 Tutsi und gemäßigten Hutu, diesen schrecklichen Bildern stellen.

Wer sich heute mit den Überlebenden unterhält, wer Gedenkstätten besucht oder sich einfach nur am späten Abend auf ein Bier an einen Tresen in Ruandas Hauptstadt Kigali stellt, erfährt schnell, dass es mehr als die staatlich verordnete Versöhnung braucht, um das Trauma von 1994 zu verstehen oder gar zu verarbeiten. Wie aber spricht man über die menschlichen Tragödien und seelischen Zerstörungen des Einzelnen?

Diese Frage trieb auch den französischen Kriegsreporter Jean Hatzfeld um, als er erstmals im Juli 1994 kurz nach dem Ende der Gewalt nach Ruanda reiste. In drei preisgekrönten Büchern berichtete er über seine Arbeit mit denen, die im offiziellen Gedenken keine Stimme haben. In seiner aktuellen Erzählung "Plötzlich umgab uns Stille" stellt er das Schweigen der Überlebenden ins Zentrum.

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Seinen Protagonisten Englebert Munyambonwa lernte Hatzfeld 1997 kennen, als dieser ihn auf einer Straße der Kleinstadt Nyamata, 35 Autominuten südlich von Kigali, ansprach, in akzentfreiem Französisch und reichlich angetrunken. Während der hundert Tage starben in Nyamata über 250 000 Menschen, allein 10 000 wurden in der örtlichen Kirche zusammengetrieben und mit Macheten umgebracht.

Die französischen Friedenstruppen hatten das Morden damals tatenlos geschehen lassen. Dass nur drei Jahre später überhaupt jemand wieder das Wort an einen Franzosen richtete und auf offener Straße Baudelaires "Blumen des Bösen" zitierte, war für Jean Hatzfeld Grund genug, Engleberts Geschichte aufzuschreiben.

Alle Anzeichen für einen ethnischen Krieg ignoriert

Hatzfeld verdichtet Engleberts Erinnerungen an den Genozid, seine Vorgeschichte und das Leben danach zu einem intimen Blick in die Seele eines Überlebenden und darauf, was eine kollektive Gewalterfahrung aus dem einzelnen Menschen macht.

Engleberts Eltern und seine vier Geschwister wurden umgebracht, er verlor angesichts der mordenden "Teufel in Menschengestalt" den Glauben an die Menschlichkeit. Das Schweigen über die Schreckensbilder in seinem Kopf bricht er vor allem in der Aussicht darauf, mit dem nächsten Drink für seine Geschichte entlohnt zu werden - der Alkohol, den Englebert seit der Jugend in rauen Mengen konsumiert, ist das Schmiermittel der Erinnerung an ein Leben voller Angst und Verdrängung.

Jean Hatzfeld: Plötzlich umgab uns Stille. Das Leben des Englebert Munyambonwa. Erzählung. Aus dem Französischen von Ahlrich Meyer. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2016. 112 Seiten, 9,90 Euro.

(Foto: )

"Das Leben des Englebert Munyambonwa", so der Untertitel von Hatzfelds Aufzeichnungen, führt eindrücklich vor, wie alle Anzeichen für einen ethnischen Krieg seit Ruandas Unabhängigkeit konsequent ignoriert wurden.

Schon während der ersten blutigen Ausschreitung 1963 verfolgten seine Mitschüler an einer Eliteschule der ehemaligen belgischen Kolonialherren Englebert mit Macheten und Messern. Die Flucht der Familie aus dem Süden des Landes ausgerechnet nach Nyamata zeigt, wie unvorstellbar der über Jahrzehnte schleichend "erprobte" Genozid selbst für die Opfer war.

Auch als Englebert das Studium ganz offiziell wegen "ethnischer Quoten" versagt wird, als aus dem gleichen Grund sein Posten am Sozialministerium gestrichen wird, selbst als das Gehöft seines Vaters erneut geplündert und niedergebrannt wird, will die Familie das böse Ende nicht sehen.

Erst als die Mörderbanden während der Regenzeit im April 1994 singend, besoffen und Macheten schwingend täglich "ihren Dienst" versehen und mordend über die Parzellen auf den Hügeln ziehen, als Todesangst und verstümmelte Körper zum Alltag werden, begreift Englebert das Ausmaß des Schreckens.

Jean Hatzfeld lässt Engleberts monologische Berichte, die er über Monate in langen Gesprächen mit ihm aufgezeichnet hat, unkommentiert. Welche Wucht diese Form der Montage von episodenhaften Erinnerungen zu einem literarischen Zeugenbericht entfalten kann, führte zuletzt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch vor.

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In "Plötzlich umgab uns Stille" erzählt Jean Hatzfeld von jenem intimen, lautlosen Moment, in dem Englebert auf der Flucht vor den Mördern bis zum Hals im Schlamm vergraben und mit Blättern bedeckt das Bewusstsein für die eigene Menschlichkeit verliert: "Heute lebe ich und morgen werde ich tot sein. Wir nahmen uns keine Zeit mehr für irgendwelche Gespräche. Selbst die wilden Tiere weigerten sich, dies mit anzusehen. Man dachte an gar nichts mehr, man war noch nicht einmal ein ,Edler Wilder'."

Die Seiten, die Hatzfeld in seinem schmalen Buch Engleberts Erinnerungen an das Morden selbst widmet, gehören zum Stärksten, was man über den Genozid in Ruanda gelesen hat. In einfachen, klaren Sätzen wird erlebbar, wie durch den Verlust der Selbstachtung, durch die Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal der zivilisatorische Verfall seinen Lauf nahm.

"Mein Gedächtnis sortiert nichts aus"

Nach dem Ende der Gewalt, das die Überlebenden im Juli 1994 fast gleichgültig zur Kenntnis nahmen, bleibt die Frage, wie man weiterlebt. "Mein Gedächtnis sortiert nichts aus. Wie soll das gehen?" Trotz lukrativer Angebote ist für den einstigen Ministerialbeamten an geregelte Arbeit nicht mehr zu denken: "Werde ich im Büro derjenigen sitzen, die mit der Machete zerteilt wurden? Soll ich nun Pläne aufstellen und Projekte leiten? Das bereitet mir Qualen."

Heute lebt Englebert in einem Holzverschlag in einem Hinterhof, läuft ziellos durch die Straßen und erzählt an den Tresen von Nyamata für ein Glas Primus-Bier oder gepanschten Schnaps jedem, der sie hören will, lehrreiche Geschichten.

Am "Palaver" über die Aufarbeitung ist er ebenso wenig interessiert wie an einer echten Versöhnung oder gar einer Entschuldigung der Täter. Er will einfach in Ruhe trinken. "Falls die Massaker an den Tutsi wieder anfangen sollten, dann nicht sehr bald. Vielleicht in fünfzig, vielleicht in dreißig Jahren", diktierte der weise Vagabund dem Autor Hatzfeld 2014 in den Block.

Nur ein Jahr später erklärte sich in Ruandas Nachbarstaat Burundi Pierre Nkurunziza erneut zum Präsidenten "in göttlicher Mission" und kündigte an, dass seine Feinde "in den Tutsi-Vierteln" der Hauptstadt bald verschwinden würden "wie Mehl im Wind".

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