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Völkermord an den Herero und Nama:Was bedeutet "Genozid"?

Return of stolen remains of Herero and Nama Berlin DEU Deutschland Germany Berlin 29 08 2018 Sc

Späte Reue: 2018 werden bei einem Gedenkgottesdienst in Berlin Gebeine an die Hinterbliebenen des Völkermords zurückgegeben.

(Foto: Stefan Boness/Ipon/imago/IPON)

Deutschland erkennt den Völkermord an den Herero und Nama an - weit mehr als 100 Jahre später. Antworten von einem Genozidforscher auf die wichtigsten Fragen.

Interview von Anna Ernst

Was bedeutet der Begriff Genozid eigentlich genau? Warum gab es erst so spät ein Bewusstsein für Kolonialverbrechen? Und was wurde aus den Überlebenden des Völkermords? Medardus Brehl ist Forscher des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Im Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen zur Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama.

Was ist in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika 1904-1908 geschehen?

Medardus Brehl: Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika war seit 1884 die erste Kolonie des Deutschen Kaiserreichs. Im Januar 1904 haben sich die Herero gegen die Kolonialherrschaft erhoben. Hintergrund ist sicherlich die grundsätzliche Gewaltstruktur der kolonialen Situation. Aber der konkrete Anlass bestand in der Zunahme gewaltsamer Übergriffe von Siedlern und Händlern gegen Afrikaner. Zum anderen waren die Herero nach einer schweren Rinderpest dazu gezwungen, Land zu verkaufen und konnten ihre verbliebenen Herden nicht mehr darübertreiben.

Im Januar 1904 jedenfalls haben sie einen Aufstand begonnen, der eskaliert ist und letztlich im Oktober 1904 seitens der deutschen Truppen unter dem Kommando von Lothar von Trotha in eine Vernichtungsstrategie übergegangen ist.

Von Trotha wollte also sämtliche Herero töten lassen?

Mit dem sogenannten "Vernichtungsbefehl" von Oktober 1904 hatte von Trotha erklärt, dass er die Herero auf dem Territorium im sogenannten deutschen "Schutzgebiet" nicht länger dulden, sondern sie töten oder in die Wüste treiben lassen würde. Viele Tausende Herero haben das nicht überlebt.

Angesichts der Erlebnisse hat eine andere Bevölkerungsgruppe, die Nama, sich dann auch gegen die Kolonialherrschaft aufgelehnt. Dieser Krieg hat sich viel länger hingezogen, bis ins Jahr 1907.

Wie viele Tote gab es?

Wir haben keine ganz genauen Zahlen, weil es keine Volkszählungen gab, deshalb geht es um belastbare Schätzungen. Mit Blick auf die Herero ist davon auszugehen, dass vor 1904 etwa 80 000 Herero im deutschen Schutzgebiet lebten, 1914 waren es nur noch etwas über 15.000. Bei den Nama ist die Zahl von 20 000 auf 10 000 zurückgegangen.

Was wurde aus den Überlebenden?

Überlebende, die aufgegriffen wurden, sind zum großen Teil in Konzentrationslager gebracht worden. Dieser Begriff ist tatsächlich damals schon verwendet worden. Es hat weitere rigorose Maßnahmen gegeben, um die kulturelle Selbstständigkeit dieser Gruppen zu zerschlagen. Es gab eine Arbeitspflicht, Markenpflicht, Ehen zwischen Deutschstämmigen und Afrikanern sind annulliert worden, Kinder aus solchen Verbindungen sind rechtlich delegitimiert worden. Es ist, wenn man so will, bereits damals ein Apartheidsregime etabliert worden.

Völkermord und Genozid: Was bedeuten diese Begriffe eigentlich rechtlich?

Der Begriff "Genozid" ist im Kontext des zweiten Weltkriegs und der Vernichtung der europäischen Juden geprägt worden, zunächst von einem polnisch-jüdischstämmigen Völkerrechtler namens Raphael Lemkin. Er hat diesen Begriff 1944 in einem Gutachten über die deutsche Besatzungspolitik im Osten Europas verwendet und ihn geprägt, um damit eine spezifische Form von Gewaltpolitik zu charakterisieren.

Der Begriff wurde anschließend aber auch juristisch verwendet.

1948 ist der Begriff "genocide" von den Vereinten Nationen mit der "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords" ins internationale Völkerstrafrecht überführt worden. Vor 70 Jahren, im Januar 1951, ist sie in Kraft getreten. Genozid und Völkermord bedeuten in dieser juristischen Definition: Der Vorsatz, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche zu vernichten.

War der Genozid an den Herero und Nama der erste der Geschichte?

Wenn man Völkermord und Genozid als eine Form moderner Gewaltpolitik versteht - wofür es gute Gründe gibt in der Wissenschaft - dann kann man sagen, dass Völkermord an den Herero tatsächlich der erste war. Es hat natürlich schon vorher Massenvernichtungen, Gewalt und Massaker gegeben. Aber diese Form der intentionalen Vernichtung einer Gruppe mit einem politischen Ziel ist im 20. Jahrhundert neu.

Medardus Brehl

Dr. Medardus Brehl ist Wissenschaftler am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum.

(Foto: Brehl)

Wie kommt es dazu, dass Deutschland sich erst mehr als 100 Jahre später mit diesen Kolonialverbrechen beschäftigt?

Es gibt mehrere Gründe, die dazu beigetragen haben, dass es so lange gedauert hat. Namibia selbst ist erst 1990 unabhängig geworden. Zuvor war es südafrikanisches Mandatsgebiet und das südafrikanische Apartsheidsregime hat für das spätere Namibia bis 1990 gegolten. Es ist also erst sehr spät eine Möglichkeit für die Nachfahren der Opfer dagewesen, sich überhaupt artikulieren zu können.

Andererseits ist das Bewusstsein für koloniale Verbrechen in den ehemaligen Kolonialstaaten, auch in Deutschland, erst sehr spät entstanden. Lange hat man gedacht: "Gewalt im Kolonialismus? Ja, das kam halt vor." Zudem hat der Holocaust und seine - sicherlich zu Recht - zentrale Stellung innerhalb der deutschen Erinnerungskultur auch eine Rolle gespielt, dass andere Gewaltverbrechen weniger stark ins Zentrum gerückt sind.

Wann hat die deutsche Forschung begonnen, sich mit dem Kolonialismus zu beschäftigten?

Im Grunde gibt es bis in die späten 1960er Jahre - auch in der Wissenschaft - kaum eine Aufarbeitung. Erst um 2004, anlässlich des 100. Jahrestags des Beginns des Aufstands und des Völkermords, gibt es einen Peak in der Forschung.

Dass es jetzt zur Anerkennung gekommen ist, liegt in erheblichem Maße auch daran, dass sich in der deutschen Zivilgesellschaft etwas geändert hat: dass ein Bewusstsein für solche Verbrechen entstanden ist.

Auch der Völkermord an den Armenien im Osmanischen Reich spielt eine Rolle, der 2016 eine Anerkennung durch den Bundestag erfahren hat. In diesem Zusammenhang wurde dann auch nochmal über die kolonialen Verbrechen gesprochen und es kam auf den Plan, dass man auch hier eine Anerkennung und eine Bitte um Vergebung aussprechen müsste.

Warum waren die Verhandlungen mit Namibia im Vorfeld der Anerkennung jetzt so lang und schwierig?

Es gab seit 2015 Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland. In der Delegation aus Namibia waren auch Vertreter der Herero und Nama - diese allerdings wurden von der dortigen Regierung ausgewählt. Dazu muss man wissen, dass die Herero und Nama - auch noch in Folge des Völkermords - heute Minderheiten in Namibia sind. Und der Staat Namibia selber hatte sehr lange kein explizites Interesse daran, dass es quasi eine Sonderanerkennung für die Opfer des Völkermords gibt. Die Logik der Regierung war immer: Alle Namibianer sind Opfer des deutschen Kolonialismus geworden. Das stimmt auch - aber eben nicht im gleichen Maße.

Diese komplizierten Verhältnisse führten dazu, dass Deutschlands damaliger Bundespräsident Gauck es abgelehnt hat, sich mit Vertretern von Verbänden der Herero und Nama zu treffen.

Warum?

Man wollte sie nicht auf die Ebene eines Verhandlungspartners heben.

Alles in allem ist es also ein sehr kompliziertes diplomatisches Spiel gewesen. Das ist eigentlich bestürzend, weil es um historische Verantwortung geht und auch um eine moralische Verpflichtung, die aus der Geschichte in irgendeiner Weise abzuleiten ist. Es ist beschämend und hat einfach auch zu dieser extremen Verzögerung geführt.

© SZ/kml
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