Vize-Debatte im amerikanischen Wahlkampf Pence gelingt, woran Trump scheiterte

Der Republikaner zeigt in der Vize-Debatte, wie man Fragen lächelnd ignoriert und Hillary Clinton attackiert. Es wäre erfolgversprechend für Trump, das nachzumachen.

Kommentar von Matthias Kolb, Washington

Eines ist klar: Donald Trump hat den Auftritt seines Stellvertreters Mike Pence in der Stellvertreter-Debatte genau verfolgt. Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner teilte seinen zwölf Millionen Twitter-Followern seine Eindrücke in Echtzeit mit - und nach 90 Minuten waren die meisten Beobachter und Wähler in diversen Fokusgruppen seiner Meinung: Mike Pence hat einen Punktsieg gegen Tim Kaine errungen.

Angesichts des Trump'schen Egos und der Dauer-Kontroversen um seine Person dürfte die Leistung des Gouverneurs von Indiana nicht wahlentscheidend sein. Sie gibt der konservativen Basis aber wieder Zuversicht und erhöht vor der Debatte am Sonntag den Druck auf Hillary Clinton. Deren Vize, Senator Tim Kaine aus Virginia, unterbrach in seinem Eifer Pence und Moderatorin Elaine Quijano allzu oft, aber die goldene Regel aller running mates hielt er ein: "Versau es nicht!" Kaine hat seiner Chefin nicht geholfen, aber auch nicht geschadet.

Das Auffälligste an diesem Abend war allerdings, wie Pence mit seiner tiefen Bariton-Stimme, einem ruhigen Auftreten und der Erfahrung eines ehemaligen Radiomoderators äußerst effektiv agierte. Dadurch ließ er den Auftritt seines Chefs während der ersten TV-Debatte noch schlechter erscheinen. Die entscheidenden Unterschiede:

  • Er ließ sich anders als Trump nicht provozieren, sondern attackierte permanent die demokratische Kandidatin. Er sprach über die ausländischen Spenden an die Clinton-Stiftung, die toten US-Diplomaten in Bengasi und ihre privaten E-Mail-Server - wegen dieser Themen gilt sie als unehrlich.
  • Pence brachte das Kern-Argument "Trump steht für Veränderung in Washington, Clinton steht für eine Fortsetzung der gescheiterten Obama-Politik" in vielen Variationen unter. Er war oft das, was in den USA on message heißt und dazu stets konzentriert.
  • Sobald er begriff, dass die Moderatorin eher daran interessiert war, alle Fragen abzuarbeiten, statt auf die Antworten zu achten, redete er vor allem über jene Themen, die ihm besser passten (zum Beispiel Clintons Spruch, die Trump-Fans seien "nicht zu retten").
  • Weil er sich offenbar gut vorbereitet hatte, wurde seine Reaktion auf Trumps nicht veröffentlichte Steuererklärung und den Verlust von 916 Millionen Dollar nicht zum Desaster. Pence verlor sich nicht in Details, nannte das Vorgehen "legal" und betonte, dass der Unternehmer Trump Zehntausende Jobs geschaffen habe. So sieht Schadensbegrenzung aus.
  • Pence ist - ähnlich wie Kaine und anders als Trump - kein Angeber und betont immer wieder, wie demütig er sei und welche Ehre es wäre, Teil der US-Regierung zu sein. Das kommt bei den Wählern immer gut an.
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Die demütige Haltung wird Donald Trump wohl eher nicht übernehmen, doch wenn er alle anderen Punkte kopiert, könnte er Clinton in die Enge treiben. Natürlich ist es bedauerlich, dass zu Pences Erfolgsrezept gehörte, Fakten zu verdrehen und zum eigenen Vorteil Lügen zu verbreiten. Mit unverstellter Miene stritt er ab, dass Trump Wladimir Putin als einen besseren Anführer als Obama bezeichnet hat oder Mexikaner "Vergewaltiger" nannte. Er unternahm - zum Leidwesen Kaines - selten den Versuch, den Immobilien-Mogul ernsthaft zu verteidigen.

Es ist nebensächlich, ob dahinter das Kalkül steckt, sich für eine Präsidentschaftskandidatur 2020 zu empfehlen oder er schlicht verbergen wollte, anderer Meinung als Trump zu sein. In den TV-Debatten geht es weniger um Details (die guten Echtzeit-Faktenchecks von NPR oder Politifact lesen nur wenige Wähler) als um den Eindruck und das allgemeine Gefühl.

Und unabhängig von der Parteizugehörigkeit hat die Mehrheit der US-Wähler den Eindruck, dass sich ihr Land in die falsche Richtung entwickelt und Veränderungen nötig sind. Dass Trump 2016 als change-Kandidat wahrgenommen wird, steht im ironischen Kontrast zu Barack Obamas einstiger Botschaft von Hoffnung und Wandel.

Für Trump ist dies weiterhin der große Trumpf gegen Hillary Clinton. Zwei Gelegenheiten - weniger bei der Debatte am kommenden Sonntag, wo Bürger Fragen stellen, als beim Rededuell am 19. Oktober - hat er noch, um sich am effizienten Mike Pence zu orientieren und die Wähler zu überzeugen, dass es das Risiko wert ist, für ihn zu stimmen.

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