Visa-Skandal:"Kalter Putsch gegen die Gesetzeslage"

Kübler pflegte beste Beziehungen ins Auswärtige Amt und ins Innenministerium, und die schützten ihn auch gegen Kritik. Im August 2001 wies ein Mitarbeiter der Botschaft in Kiew darauf hin, dass mit den Pässen der Reise-Schutz-AG in der Ukraine Missbrauch getrieben werde und bat um Überprüfung der Firma und deren Mitarbeiter.

Gegen Kübler lag nichts vor, zwei seiner damals engsten Mitarbeiter waren dem BKA allerdings bekannt. Der eine, ein gebürtiger Russe, war vor Jahren wegen Verdachts des Betruges und der Geldwäsche aufgefallen, der andere, ein gebürtiger Ukrainer, war offenkundig Knoten in einem kriminellen Netzwerk gewesen, das mit gefälschten deutschen Kfz-Doppelkarten zwielichtige Autokäufer in Russland beliefert haben soll.

"Aus Sicht des Bundeskriminalamts ist ungeklärt, ob Kübler" die Erfahrungen der beiden nutzen wollte oder ob diese für ihre Geschäfte "eine legale Fassade" brauchten, fasste das BKA später seine Recherchen zusammen. Mehr als 360Vertriebspartner der Reise-Schutz AG wurden ermittelt. "Zu einem großen Teil davon liegen polizeiliche Erkenntnisse vor" schrieb das BKA.

"Fehler in der wirtschaftlichen Geschäftsgier"

Küblers Geschäfte blieben dennoch von politischen Seitenwinden unbehelligt. Seine beiden etwas obskuren Mitarbeiter waren Ende 2001 ausgestiegen und hatten eine eigene Firma gegründet. Der Kaufmann aus Schwaben machte weiterhin Terminvorgaben für die Botschaft in Kiew und erhielt von einem Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums eine Einladung für Treffen mit potenziellen rumänischen Partnern. ("Anschließend wird die Gelegenheit geboten, sich untereinander bei einem Glas Wein besser kennen zu lernen".)

Am 25. Juni 2002 schaute die Staatsmacht bei Kübler vorbei und durchsuchte seine Wohnung und sein Büro. Gegen ihn war ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Ausländergesetz eingeleitet worden. Kübler unterrichtete sofort die Botschaft in Kiew über den Besuch. In ein paar Wochen muss er sich in Köln wegen Beihilfe zu bandenmäßigen Schleusungen vor Gericht verantworten.

Wer hat in den Botschaften gewusst, mit wem der Schwabe Geschäfte gemacht hat? Am 25. November 2002 bekam die Kölner Staatsanwaltschaft, die Auskunftsersuchen an deutsche Botschaften und Generalkonsulate gestellt hatte, Post von der deutschen Vertretung in Nowosibirsk. Inhalt des Päckchens waren eine Diskette sowie eine 38-seitige Liste mit den Namen von Visa-Antragstellern.

Dazwischen war ein unauffälliger Zettel in DIN-A-5-Größe versteckt, der oben und unten abgeschnitten war. "Herr Kübler", schrieb der unbekannte Verfasser, "machte in der wirtschaftlichen Geschäftsgier (sage ich mal) den Fehler, Blanko-Formulare den Vertriebspartnern anzubieten beziehungsweise wurde in diesem Punkt von einem Mitarbeiter überrollt. Was dies nach sich ziehen kann, sehen wir jetzt."

Das saß. Am 28. Juni 2002 wurden daraufhin die deutschen Botschaften vom AA angewiesen, nicht mehr die Pässe der Reise-Schutz-AG zu verwenden. Ein paar Wochen später, im August 2002, drängte eine Berliner Firma namens Flimpex GmbH ins Geschäft.

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