Wer von Viktor Orbán erzählen will, ist schnell beim Fußball. Das liegt daran, dass die Fußballleidenschaft des ungarischen Ministerpräsidenten wirklich groß ist. Orbán wollte Fußballer werden, ehe er sich entschloss, Jura zu studieren, und ihm durch ein Stipendium des liberalen Mäzens George Soros jener Oxford-Aufenthalt ermöglicht wurde, der einen Grundstein seiner politischen Karriere bildete. Und es liegt daran, dass Fußball in Orbáns Leben allgegenwärtig ist. In seinem kleinen Heimatort Felcsút ließ die Fidesz-Regierung ein gigantisches Fußballstadion bauen. Dort spielt Orbáns Lieblingsverein Puskás Akadémia, benannt nach der ungarischen Fußballer-Legende Ferenc Puskás. Wer mit Orbán etwas zu besprechen habe, so heißt es in Ungarn, setzt sich am besten mit ihm ins Stadion.
Auch Stefano Bottoni beginnt seine Orbán-Biografie „Vom Dorffußballer zum globalen Vorbild der Illiberalen“ auf dem Rasen. Dort habe Orbán bereits mit sechs Jahren ein prägendes Erlebnis gehabt: Als er nämlich mit seinem Opa die Niederlage der ungarischen Mannschaft in der Qualifikation für die Fußball-WM 1970 verfolgte. Die Tschechoslowakei gewann mit 4:1. Fußball war für Orbán, so Bottoni, seitdem „ein politischer Akt“, der „den Niedergang der Nation perfekt symbolisiert“.
Mit dem Protagonisten sprechen konnte Bottoni nicht
Bottoni beschäftigt sich mit dem Fußballer Orbán, um den Politiker Orbán zu erklären, dessen Ziel es ist, zumindest ideell die Überlegenheit Ungarns wiederherzustellen. Und der 1977 geborene Historiker, der eine ungarische Mutter und einen italienischen Vater hat, tut dies, weil er sonst nur wenig aus dem Leben Orbáns weiß. Wie alle Biografinnen und Biografen, die nicht aus dem Dunstkreis der Fidesz-Partei kommen, konnte Bottoni weder mit Orbán persönlich sprechen noch seinem Umfeld nahekommen.
Das ist schade, weil man zu gern eine Antwort auf Bottonis einleitende Frage hätte: „Wie kommt es, dass es ein Junge aus der ungarischen Provinz zur die politische Szene seines Landes dominierenden politischen Figur und zu einem der größten illiberalen Einflussfaktoren der Welt werden konnte?“ Dennoch ist die Biografie lesenswert. Mangels privater Einblicke tut Bottoni das, was er als Historiker am besten kann: Er beschäftigt sich mit den großen Linien. Dafür fächert Bottoni, der an seinem Arbeitsort Florenz über genügend Distanz zu seinem Gegenstand verfügt, die Systeme auf, die Orbán geprägt haben. Den Sozialismus, der in Orbáns Jugend zwar in die mildere Form des sogenannten Gulaschkommunismus mutierte, dessen Gewaltpotenzial nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand von 1956 aber noch Generationen in den Knochen steckte. Die postsozialistischen Neunzigerjahre, die für die Bevölkerung mit gewaltigen Entbehrungen verbunden waren.

In dieser Phase wandelte sich Orbán vom Jungpolitiker mit langen Haaren, der mit dem Schlachtruf „Russki, go home!“ berühmt geworden war, zum wertekonservativen Nationalisten. Und nicht zuletzt geht es um die jüngsten Krisen wie die Corona-Pandemie oder den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Diese nutzte Orbán dazu, um seine Macht im Inneren zu konsolidieren, indem er den Notstand ausrief und mit Dekreten regierte. Im Äußeren inszeniert er sich als Staatsmann, der zwischen Ost und West zu navigieren weiß, zwischen Wladimir Putin und Donald Trump.
Orbán gab dem Land das, was es vermeintlich brauchte
Bottoni zeichnet Orbáns Politik nicht nur als Produkt des 20. Jahrhunderts, er macht sich auch die Mühe, sämtliche Reden und Schriften zu analysieren und dadurch die inhaltlichen Veränderungen in Orbáns Denken nachzuvollziehen. Dadurch wird klar, dass Orbán nicht nur von großem Machtinstinkt angetrieben ist, sondern seine Politik immer auch inhaltlich unterfütterte. Indem er dem von historischen Umbrüchen gebeutelten Land das gab, was es brauchte: das Konstrukt einer Identität.
Das ist manchmal sperrig zu lesen, zumal Bottoni auch nicht mit seinen ausgiebigen Lektüre-Erfahrungen hinterm Berg hält. Aber ihm gelingt die Beschreibung des Systems, in dem Orbán groß wurde und das er groß gemacht hat. Das sogenannte Nationale Kooperationssystem (NER) etwa. Orbán wollte 2010 die ungarische Wirtschaft von innen heraus stärken, etwa durch die Zuteilung öffentlicher Aufträge. Das Programm, das heimische Unternehmen gegenüber ausländischen Investoren konkurrenzfähig machen sollte, wurde bald zu einer gewaltigen Verteilungsmaschine zugunsten von Orbáns Getreuen. Ein Staat im Staat und ein Grund, warum die Opposition, die dies anprangert, kurz vor der Wahl in den Umfragen vorn liegt.
Und der Historiker Bottoni erinnert daran, dass nichts im luftleeren Raum passiert. So wurzelt Orbáns Abweichung vom europäischen Konsens, die die EU gerade wieder an den Rand der Entscheidungsunfähigkeit gebracht hat, im Jahr 2000. Damals hatte die EU eine Art Boykott gegen Österreich verhängt, nachdem dort der Rechtspopulist Jörg Haider in eine Koalition mit den Konservativen eingetreten war. Orbán schloss sich der „diplomatischen Quarantäne“ nicht nur nicht an, er lud den damaligen Kanzler Wolfgang Schüssel sogar nach Budapest ein. Eine Machtdemonstration Richtung Brüssel, der viele weitere folgen sollten.

