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Vier Jahre Bürgerkrieg in Syrien:Der Krieg gebiert eine verlorene Generation

Allein 2014, dem schlimmsten Jahr des Bürgerkriegs, sollen 74 000 Menschen getötet worden sein. Die UN haben aufgehört, die Opfer zu zählen, weil es vielerorts keine verlässlichen Angaben mehr gibt. 210 000 Tote Ende 2014 sind die niedrigsten Schätzungen, andere fürchten, dass es 300 000 sind. Mehr als die Hälfte der Syrer hat ihre Heimat aufgegeben; 3,3 Millionen sind aus dem Land geflohen, 6,8 Millionen wurden Binnenvertriebene. Drei von fünf Menschen in Syrien leben in absoluter Armut und können aus eigener Kraft nicht einmal ihre Ernährung sicherstellen. Das Bildungssystem ist zusammengebrochen, weniger als die Hälfte der Kinder gehen zur Schule.

Der Krieg gebiert eine verlorene Generation. Die Lebenserwartung ist von fast 76 Jahren vor dem Krieg auf 55,7 Jahre zurückgegangen. All dies ist dokumentiert in einem niederschmetternden Bericht, den das Syrian Centre for Policy Research zusammen mit dem UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) und dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) erstellt haben.

Eine politische Lösung ist dennoch nirgends in Sicht. Zu komplex die Lage, zu unterschiedlich die Interessen, nicht zuletzt die der Akteure, die von außen in Syrien mitmischen. Amerikaner und sunnitische arabische Staaten versuchen, die wenigen gemäßigten Rebellen aufzupäppeln, die geblieben sind. Doch sollen sie nun in erster Linie gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates kämpfen. Aus dem benachbarten Irak kommend haben der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi und seine Anhänger in Nordsyrien ihre Hauptstadt und ihr Rückzugsgebiet etabliert.

Assad hat sich dank diplomatischer Protektion Russlands und Waffenhilfe aus Iran sowie der verbündeten schiitischen Hisbollah-Miliz aus Libanon im Amt halten können. Er wartet auf einen Endkampf, in dem er hofft, als der unvermeidliche Partner im Kampf gegen die Dschihadisten seine politische Auferstehung zu feiern, hat er doch von Anfang an versucht, alle Rebellen gleichermaßen als Terroristen zu diskreditieren. Assad kann sich Hoffnung machen, dass sein Kalkül aufgeht.

Amerikaner begnügten sich lange mit Schweigen

Mitte Februar sagte der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura erstmals, Assad müsse "Teil der Lösung" sein; der Einzige, der vom Konflikt profitiere, wenn es keine politische Lösung gibt, sei der IS. Die gemäßigte syrische Opposition fühlt sich verraten - ist doch das Regime mit Abstand für die meisten Toten verantwortlich und konzentriert sich nach wie vor darauf, die Rebellengebiete um Damaskus zu bombardieren und auszuhungern, statt die Dschihadisten zu stellen.

Die Amerikaner begnügten sich lange mit Schweigen. Erst jüngst in Riad äußerte sich Außenminister John Kerry. Assad habe "jeden Anschein von Legitimität verloren" bekräftigte er, "aber wir haben keine höhere Priorität", als den IS und andere Terrorgruppen zu bekämpfen. Am Ende werde es wohl einer "Kombination aus diplomatischem und militärischem Druck" bedürfen, um einen politischen Übergang herbeizuführen; militärischer Druck könne insbesondere nötig sein angesichts der Weigerung Assads, ernsthafte Verhandlungen zu führen. Aber "letztendlich müssen wir verhandeln", stellte Kerry am Sonntag in einem Interview klar. Dazu seien die USA im Rahmen der Genfer Friedensgespräche immer bereit gewesen.

© SZ vom 14.03.2015

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