Videobotschaft von Sarah Palin:Gegenangriff mit gebrochenem Herzen

Die bekannteste rechte Politikerin der USA, Sarah Palin, bekundet per Video ihre Trauer für die Opfer von Tucson - und wehrt sich gegen den Vorwurf, sie habe den Attentäter aufgehetzt.

Christian Wernicke, Washington

Sarah Palin müht sich um Würde. Dezent geschminkt und im dunklen Blazer steht die Republikanerin vor dem heimischen Kamin, die große US-Fahne am rechten Bildrand und der Flaggen-Pin am Revers sollen ihrem Video einen Hauch von Patriotismus verleihen. "Mit gebrochenem Herzen" wendet sich Palin an ihre Nation, siebeneinhalb Minuten lang. Sie trauert um die sechs "unschuldigen Opfer" von Arizona, verdammt den Attentäter als "einen einzelnen bösen Mann" - und redet dann, ohne es zu sagen, in eigener Sache: Niemanden sonst auf der Welt treffe irgendeine Schuld an dieser Tragödie, und doch würden Meinungsmacher nun "eine blutige Verleumdung fabrizieren, die genau den Hass und die Gewalt schüren, die sie angeblich verurteilen".

Palin wähnt sich verfolgt. Von Amerikas Linken, die ihr nun vorwerfen, mit ihren allzu drastischen Sprüchen das politische Klima vergiftet zu haben. Vor allem jagt sie jener alte TV-Clip, der seit den Todesschüssen von Tucson am Samstag immer wieder auf Amerikas Fernsehkanälen läuft: Im März 2010 hatte das prominenteste Anschlagsopfer, die demokratische Abgeordnete Gabby Giffords, Palin indirekt der Hetze und Aufwiegelung beschuldigt: "Wir stehen auf der Zielliste von Sarah Palin. Wir sind im Fadenkreuz eines Zielfernrohres, das auf unseren Wahlkreis gerichtet ist." Damit kritisierte die Demokratin eine ominöse US-Karte, auf der Amerikas schrillste Konservative zwanzig Wahlkreise markiert hatte, die die Rechte zurückerobern müsse. Wer so etwas verbreite, so sprach Giffords damals, müsse "gewahr sein, dass solche Taten Konsequenzen haben".

Bis heute gibt es keinerlei Hinweis, dass der Mörder Jared Loughner je Palins Karte gesehen hat. Oder dass er je deren Slogan vernahm, die Rechte möge "nicht zurückziehen, sondern nachladen". Auch Tucsons Sheriff Clarence Dupnik, der noch am Abend des Mordtages Washingtons oft martialische Streitkultur mitverantwortlich gemacht hatte dafür, "dass unausgeglichene Gemüter irgendwann ausrasten", kennt keine solchen Indizien.

Und doch scheint Palin beschädigt. "Sie hat rücksichtslos mit gewaltgeladenen Bildern gespielt", befindet etwa der Kolumnist Dana Milbank in der Washington Post. Die Zeitung Politico berichtet, in den Stunden nach dem Anschlag hätten Tausende Amerikaner den Namen der Frau aus Alaska prompt mit dem Mord verbunden: "Sarah Palin Fadenkreuz" war Nummer neun unter den am meisten abgefragten Suchbegriffen bei Google. Tags drauf notierten die Macher von Facebook keine Frage so oft wie diese: "Hat Sarah Palin Schuld?"

Vier Tage lang zögerte Palin, am Mittwoch hat sie ihre Antwort gegeben. "Widerwärtig" sei es, irgendjemanden außer Jared Loughner anzuklagen. Der Täter sei "ein verstörter, offenbar unpolitischer Krimineller". Als Zeugen ihrer Gegenanklage rief sie sogar einen früheren Präsidenten herbei. Schon der selige Ronald Reagan habe gewarnt, man solle "nicht jedes Mal, wenn das Gesetz gebrochen wird, der Gesellschaft statt dem Täter die Schuld geben".

Das Video dürfte nun neue Spekulationen schüren, ob Palin 2012 ins Rennen um die Präsidentschaft einsteigt. Die frühere Gouverneurin von Alaska verdingt sich derzeit weniger als Politikerin denn als Buchautorin und regelmäßig provokative Kommentatorin beim rechten Kabelsender Fox News. Der Clip aus Alaska nährt nun ein anderes Image: Palin als Staatsfrau, bedächtig und besonnen.

Fast alle Umfragen sehen Palin im Rennen um die republikanische Kandidatur auf Platz drei oder vier aller Aspiranten. Sie ist die bekannteste rechte Politikerin - aber laut Demoskopie auch diejenige, die am meisten Aversionen schürt: In zehn Bundesstaaten, die kürzlich die Meinungsforscher des Instituts Public Policy Polling befragten, erntete sie mehr Abneigung als Sympathie.

Die Morde von Tucson dürften Palins Dilemma verschärfen. Sie ist und bleibt das Idol der amerikanischen Rechten, weshalb sich seit Wochenbeginn konservative Kolumnisten schützend um sie scharen, die Redefreiheit verteidigen und vor "linker Zensur" warnen. Bei unabhängigen Wählern, so mutmaßen politische PR-Berater, werde Palins Ruf allerdings weiter leiden. Und für Demokraten und Linke wird sie mehr denn je sein, was sie schon immer war: die Gegnerin Nummer eins. Der rechte Fernsehmoderator Glenn Beck warnte bereits vor einem neuen Attentat - diesmal auf Sarah Palin: "Dann bräche unsere Republik zusammen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: