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Verteilungsbericht:Ganz oben oder ganz arm

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High Society: Die Forscher unterteilen die Deutschen in sehr Reiche, Reiche, Wohlhabende, obere Mitte, untere Mitte und Arme.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Laut einer Analyse der Hans-Böckler-Stiftung sinken die Aufstiegschancen Bedürftiger. Die Schule wirke wie eine "große Sortiermaschine".

Die Aufstiegschancen von Menschen, die von Armut bedroht sind oder als arm gelten, sind in Deutschland weiter zurückgegangen. Gleichzeitig ist für Wohlhabende das Risiko gesunken, finanziell abzusteigen. Das geht aus dem neuen Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. "Arm bleibt arm, und reicht bleibt reich - das gilt aktuell noch deutlich stärker als vor 20 Jahren", sagte die Autorin der Untersuchung, Dorothee Spannagel.

Um die Aufstiegschancen analysieren zu können, teilte die Forscherin die Bevölkerung in sechs Gruppen auf: Ganz oben sind die sehr Reichen, deren Einkommen mehr als dreimal so hoch ist wie der Median. Dieser Wert ist das Einkommen, das genau in der Mitte liegt, wenn man alle Einkommen der Größe nach anordnet. 2013, spätere Daten liegen nicht vor, betrug dieser Wert für einen Einpersonenhaushalt im Monat 1633 Euro. Grundlage für die Berechnungen ist das Sozioökonomische Panel, für das jährlich wiederholt mehr als 10 000 Menschen befragt werden.

Neben den sehr Reichen gibt es in dieser Klassifizierung Reiche, Wohlhabende, obere Mitte, untere Mitte und Arme. Als Einkommensreiche gelten dabei Menschen mit dem Doppelten bis Dreifachen des mittleren Einkommens. Um in diese Kategorie zu fallen, musste 2013 ein Einpersonenhaushalt über ein Netto-Einkommen von 3266 bis 4899 Euro monatlich verfügen. Als armutsgefährdet gelten laut gängiger Definition Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens haben. Die WSI-Expertin Spannagel bezeichnet sie gleich als "Arme". Hier liegt die Obergrenze für einen Single bei etwa 980 Euro.

Grundsätzlich ist die Mobilität zwischen oben und unten ohnehin eingeschränkt. Die neue Untersuchung zeigt nun: Zwischen 1991 und 1995 schafften es etwa 59 Prozent der als arm klassifizierten Gruppe innerhalb von fünf Jahren in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Damals war infolge der deutschen Einheit die Mobilität in der Bevölkerung sehr groß. Knapp 20 Jahre später gelang dies binnen fünf Jahren nur noch 50 Prozent in der untersten Einkommensklasse.

Gleichzeitig schaffen es Menschen mit einem hohen Einkommen immer häufiger, dieses auch zu behalten. Von 1991 bis 1995 behauptete sich die Hälfte der sehr Reichen in der obersten Einkommensklasse. Von 2009 bis 2013 gelang dies bereits 60 Prozent. Auch Reichen, Wohlhabenden und Angehörigen der oberen Mittelschicht gelang es nach der Finanzkrise besser, ihren Status zu festigen, während für Personen aus der unteren Mittelschicht die Aufstiegschancen geschwunden sind.

An diesem Trend habe sich auch zuletzt trotz Rekordbeschäftigung und höherer Löhne nichts geändert, vermutet Spannagel. Der internationale Vergleich zeige, dass in fast keinem anderen Land die Chancen so stark von der Herkunft beziehungsweise vom Elternhaus abhingen wie in Deutschland. So hätten Kinder von Akademikern die besten Chancen, wieder Akademiker zu werden. Die Schule funktioniere dabei wie eine "große Sortiermaschine".

Wie bereits in anderen Untersuchungen wird auch in der WSI-Studie festgestellt, dass die Abstände zwischen hohen und niedrigen Einkommen wieder auseinanderdriften. So stieg das international anerkannte Maß für Ungleichheit, der sogenannte Gini-Koeffizient, für die verfügbaren Haushaltseinkommen 2013 in Deutschland auf 0,293. Liegt dieser bei null, hätten alle verglichenen Personen genau das gleiche Vermögen. Beläuft er sich auf eins, würde nur eine Person alles besitzen und alle anderen gar nichts haben. Zwischen 2005 und 2010 war der Wert noch leicht zurückgegangen.

© SZ vom 11.10.2016
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