Verteidigungsministerium:Bundeswehr soll auf knapp 200 000 Soldaten vergrößert werden

Ankunft von 70 Bundeswehrsoldaten in Litauen

Bundeswehrsoldaten landen in Litauen. Deutschland leitet den dort stationierten Nato-Truppenverband.

(Foto: Mindaugas Kulbis/dpa)
  • Nach dem Kalten Krieg war die Bundeswehr kontinuierlich verkleinert worden. Bis vergangenes Jahr galt eine Obergrenze von 185 000 Soldaten.
  • Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte 2016 den Abschied von einer personellen Obergrenze verkündet.
  • Nun hat das zuständige Gremium im Ministerium zusätzlichen Bedarf festgestellt, aus dem sich für 2024 ein Umfang der Bundeswehr von 198 000 Soldaten ergibt.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Die Bundeswehr soll weiter wachsen und bis 2024 eine Größe von fast 200 000 Soldaten erreicht haben. Das Verteidigungsministerium teilte am Dienstag mit, das für die Ermittlung des Personalbedarfs zuständige Gremium, das sogenannte Personalboard, habe für die nächsten sieben Jahre einen Bedarf von 5000 zusätzlichen militärischen Stellen, 1000 zivilen Dienstposten und 500 weiteren Stellen für Reservisten festgestellt. Daraus ergebe sich für 2024 ein "Zielumfang" der Bundeswehr von 198 000 Soldaten und 61 400 Haushaltsstellen für zivile Beschäftigte. Das zusätzliche Personal soll sowohl extern durch verstärkte Personalwerbung als auch intern durch freiwillige Dienstzeitverlängerungen gewonnen werden. Zudem sollen mehr Soldaten als Berufssoldaten übernommen werden.

Nach dem Kalten Krieg war die Bundeswehr kontinuierlich verkleinert worden. Bis ins vergangene Jahr galt für die Truppe eine Obergrenze von 185 000 Soldaten, wobei faktisch weniger dienten - im Mai 2016 waren es etwa 177 000 Soldaten. Damals verkündete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Abschied von der personellen Obergrenze. Stattdessen solle das Personalboard nun jährlich den tatsächlichen Bedarf festlegen. Im vergangenen Jahr ermittelten die Militärplaner einen Bedarf von etwa 7000 zusätzlichen militärischen Dienstposten und 4400 Stellen für zivile Beschäftigte bis 2023.

Nun gehen die Planer im Ministerium noch einmal deutlich über diese Vorgabe hinaus. Ein Grund dafür, dass sich in weniger als einem Jahr scheinbar nochmals ein erheblicher zusätzlicher Bedarf ergeben hat, dürfte in politischen Erwägungen liegen: Offenbar hatte das Ministerium im vergangenen Jahr keine zu hohe Zahl kommunizieren wollen, um die Debatte nicht zu stark anzuheizen. Derzeit allerdings wird ohnehin über eine weitere Erhöhung der Verteidigungsausgaben diskutiert.

Laut Ministerium sind "99 Einzelmaßnahmen geplant, um die Leistungsfähigkeit der Bundeswehr zu steigern". Dazu gehörten Spezialisten für die Cyber-Kriegsführung ebenso wie Besatzungen für die noch anzuschaffenden Korvetten der Marine. Außerdem sollten die Auswirkungen der Soldatenarbeitszeitverordnung abgefedert werden, landläufig bekannt als 41-Stunden-Woche für Soldaten. "Die Analysen des Weißbuchs 2016 legen nahe, dass das Anforderungsprofil an die Truppe eher noch breiter wird", erklärte von der Leyen. "Wir setzen alles daran, hohle Strukturen, auch beim Material, aufzufüllen." Die Bundeswehr, "gefordert wie selten zuvor", müsse mit ihren Aufgaben wachsen dürfen.

Die Zahl der Soldatinnen lag im vergangenen Jahr erstmals über 20 000

Allerdings hatte von der Leyen bei ihrem Vorhaben, die Truppe zu vergrößern, bereits Ende 2016 das erste wichtige Etappenziel verfehlt. Demnach sollte bis zum Jahreswechsel die Marke von 170 000 Zeit- und Berufssoldaten erreicht sein, um von dort aus mit den ursprünglich geplanten 7000 zusätzlichen Dienstposten bis 2023 auf 177 000 Zeit- und Berufssoldaten zu kommen. Hinzu kommen freiwillig Wehrdienstleistende und Reservisten. Allerdings lag die Zahl der Zeit- und Berufssoldaten Ende des Jahres bei nur 168 342.

Vor diesem Hintergrund kritisierte die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger die Ministerin für die neuen Zahlen. "Das ist so typisch für Ursula von der Leyen", sagte sie. "Ihre Etappenziele der ersten groß angekündigten Personalaufstockung hat sie verfehlt, nun schraubt sie einfach die unrealistischen Versprechen noch weiter nach oben." Angesichts des demografischen Wandels könne die "übereifrige Ankündigungsministerin" ihre Ziele nur erfüllen, indem sie die Anforderungen absenke. "Es braucht aber Menschen mit der entsprechenden Qualifikation, hohem Reflexionsvermögen und Verantwortungsgefühl und nicht jeden Beliebigen, nur damit die Ministerin am Ende Erfolg vermelden kann", sagte Brugger.

Das Verteidigungsministerium hingegen verwies darauf, dass die Zahl der Zeit- und Berufssoldaten seit Mitte des vergangenen Jahres bereits gestiegen sei. Damals hatte sie mit 166 523 den bislang tiefsten Stand erreicht. Auch darüber hinaus kann das Haus auf positive Trends verweisen. So stieg 2016 die Zahl der Bewerber für militärische Stellen im Vergleich zu 2015 um drei Prozent - was zu einem guten Teil an den Frauen lag, bei denen die Bewerbungen um zehn Prozent stiegen. Die Zahl der Soldatinnen lag im vergangenen Jahr erstmals über 20 000. Weiterhin Probleme gibt es allerdings trotz der insgesamt gestiegenen Bewerberzahlen vor allem bei Spezialisten und Fachkräften.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB