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Verteidigungsministerin von der Leyen:Das Zeug zum Star

Bundeswehr - Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen: Mit militärischen Ehren wird die neue Bundesverteidigungsministerin am 17. Dezember in Berlin von der Bundeswehr begrüßt

(Foto: dpa)

Vergleicht man die Bundeswehrreform mit einem Trauerprozess, dann leitete Guttenberg diese mit einem Schock ein. De Maizière ertrug die Wutphase. Die neue Verteidigungsministerin von der Leyen wird durch die Phase der Anpassung führen können. Was sie sagt, weckt in der Truppe große Hoffnungen - es klingt fast zu gut, um wahr zu sein.

André Wüstner, 39, ist Oberstleutnant und seit November 2013 Chef des Deutschen Bundeswehrverbands, der Interessenvertretung der Soldaten. Der Panzergrenadier war in Kosovo und Afghanistan im Einsatz.

Donnerwetter: So ein Paradestart gelingt nicht vielen Ministern. Schon am Tag ihrer Nominierung als Verteidigungsministerin saß Ursula von der Leyen bei Günther Jauch in der Talkrunde und sagte, was ihr im neuen Amt besonders wichtig sei: Sie wolle dafür sorgen, dass die Soldaten weiter Rückhalt in der Gesellschaft haben, sie werde sich mehr um Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen kümmern und sie wolle die Arbeitsbedingungen für Soldatinnen und Soldaten familiengerechter gestalten.

Weiter ging's: In ihrem ersten Tagesbefehl erklärte die Ministerin, sie werde die Neuausrichtung der Bundeswehr mit Umsicht und Augenmaß vorantreiben und "nicht zuletzt die Bundeswehr breit in der Gesellschaft verankern".

Dann Afghanistan: Sie besuchte in kurzer Zeit viele Bereiche, nahm sich Zeit für Gespräche mit Soldaten, und demonstrierte auch im Einsatzland, wo sie künftig Prioritäten sieht: "Das Wichtigste ist der Mensch - und nicht die Frage der Materialkosten." Ein Satz, der dem Soldaten im Allgemeinen und dem Verbandsvorsitzenden im Besonderen gut gefällt, lässt er sich doch so übersetzen: Wenn es um die überlebensnotwendige Ausrüstung im Einsatz geht, darf Geld keine Rolle spielen. Fast möchte man sagen: Das klingt fast schon ein bisschen zu gut, um wahr zu sein.

Wunde Seelen streicheln

Die Angehörigen der Bundeswehr sind begeistert. Ursula von der Leyen hat die teils wunde Seele der Truppe gestreichelt. Worte wie "moderne und schlagkräftige Bundeswehr", "Attraktivitätsoffensive", "Respekt", "Dank", "Lob und Anerkennung" - sie wecken die Hoffnung, dass nach endlos scheinenden Jahren des "design to cost" und der Konzentration auf die "Aufbau- und Ablauforganisation des Ressorts" nun endlich der Mensch als wesentlicher Faktor für Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft in den Mittelpunkt rückt.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

Ehrgeizig, zäh, streitbar

Die Bemerkung zu den Materialkosten könnte andeuten, dass sie diverse haushaltsbezogene Beschaffungs- und Instandhaltungsknoten durchschlagen will. Und mit ihrem Bekenntnis zu "überzeugender Fürsorge" wärmt sie denen das Herz, die Sorge um die truppenärztliche Versorgung sowie ein weiteres Stocken auf dem Feld eines modernen Gesundheitsmanagements in der Bundeswehr haben.

Ursula von der Leyen hat die Chance, die "innere Führung", die Führungsphilosophie und Unternehmenskultur der Bundeswehr, mit neuem Leben zu füllen. Sie ist durchsetzungsstark, politisch ein Schwergewicht. Sie wird im Kabinett erläutern können, dass es Fürsorge nicht zum Nulltarif gibt und dass der Haushalt der Bundeswehr in den nächsten Jahren nicht nur aufgrund steigender Betriebskosten nach oben angepasst werden muss.

Bei der Neuausrichtung fällt ihr der relativ dankbare letzte Teil zu. Vergleicht man die Reform annähernd mit einem Trauerprozess, dann leitete Karl-Theodor zu Guttenberg die Reform mit einer Schockphase ein. Thomas de Maizière, der unter Sparauflagen und Aussetzung der Wehrpflicht in aller Kürze entscheiden sowie die Umsetzung ansteuern musste, hatte die Wutphase zu ertragen, in der die Betroffenen ihrer ganzen Unzufriedenheit Luft gemacht haben - die beiden Zielgruppenbefragungen des Deutschen Bundeswehrverbandes oder die Eingabenflut beim Wehrbeauftragten belegen das deutlich.

Sie kann die Ernte ihrer Vorgänger einbringen

Ursula von der Leyen wird jetzt tatsächlich durch die Phase der Anpassung führen und gestalten können, sie wird die Menschen der Bundeswehr und ihre Familien durch eine kluge Nachsteuerung im Reformverlauf zufriedener machen können. Letztlich kann sie die Ernte einbringen, von der Thomas de Maizière immer gesagt hat, dass er es gerne täte. Für ihn war der Wechsel ins Innenministerium sicher eine Enttäuschung. De Maizière hatte eine Menge guter Ideen, wie er die Nachsteuerung der Reform angehen, die Regelungen im Koalitionsvertrag mit Blick auf die sozialen Rahmenbedingungen umsetzen und Deutschlands Rolle im Bündnis stärken wollte.

Von der Leyen in Afghanistan

Frühstücken mit der Truppe

Der Deutsche Bundeswehrverband hat in der Vergangenheit des Öfteren die Klingen mit dem Minister gekreuzt. Dennoch bin ich der Auffassung, dass Thomas de Maizière den Reformzug seines Vorgängers so geordnet wie möglich auf die Schiene gesetzt hat.

Ja: Es wurden Fehler gemacht, die sicher auch der knappen Zeit und der radikalen Veränderung durch die Aussetzung der Wehrpflicht geschuldet sind. Hier muss dringend nachgesteuert werden. Begleitet wurde das alles von einer nur bedingt guten Kommunikationsstrategie im Ressort und einer fehlenden Anpassung der sozialen Rahmenbedingungen für eine Freiwilligenarmee. Das hat die Truppe geschmerzt, dafür gab es harte Kritik. Aber es ist auch wahr, dass Thomas de Maizière gerade in den vergangenen Monaten näher an die Menschen gerückt war, auch wegen seiner vielen Einsatzbesuche.

Doch nun richtet sich der Blick auf die neue Verteidigungsministerin. Aktuell wird sie gar mit dem verglichen, der nach Meinung einiger in der Truppe immer noch das Maß aller Dinge ist: Karl-Theodor zu Guttenberg.

Doch Ursula von der Leyen hat die Chance, ihn wirklich weit hinter sich zu lassen: Lässt sie ihren Worten Taten folgen, setzt sie ihre Ankündigungen um, dann kann sie nicht nur der in der Medienwelt benannte Star des Kabinetts sein. Dann wird sie der Star der Bundeswehrangehörigen und ihrer Familien, was Sprungbrett für weit mehr sein könnte.

Dass sie nun keine 100 Tage Zeit zur Eingewöhnung hat, liegt nicht daran, dass etwa der Bundeswehrverband Druck machen würde - das liegt uns fern. Es liegt daran, dass verschiedene politische Themen bereits in den nächsten Wochen nicht nur mit gesundem Menschenverstand, sondern auf der Grundlage von entsprechenden Fachkenntnissen zu bewältigen sein werden. Dahingehend ist es gut, dass sie auf eine große Portion Expertise im Verteidigungsministerium zurückgreifen kann; und auch der Deutsche Bundeswehrverband wird sich konstruktiv einbringen.

Egal ob es die Situation in Afghanistan, die Neuausrichtung der Bundeswehr oder die Umsetzung des Koalitionsvertrags ist. Wenn sie es durchhält, dass sie den Menschen weiterhin nicht nur als Mittel, sondern "im Mittelpunkt" sieht, wenn sie um ihre neu formulierten Ziele ringt und alles oder nur einiges erreicht - dann hätte sie dennoch mehr erreicht als ihre Vorgänger. Ja, dann würde sie, gestützt von Tausenden Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Beschäftigten, nicht nur die erste Verteidigungsministerin Deutschlands sein, sondern dazu eine wahrlich große werden. Das wünsche ich ihr - insbesondere für die Menschen der Bundeswehr, die tagtäglich dazu bereit sind, im äußersten Fall ihr Leben für unser Land zu geben.