Verteidigung Wie man Milliarden für die Bundeswehr rekrutiert

Junge Rekruten stehen auf dem Paradeplatz des Verteidigungsministeriums in Berlin und legen ihr Gelöbnis ab. Die Bundeswehr bräuchte mehr Nachwuchs - die Frage ist, ob sie sich den auch leisten kann.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)
  • Die Debatten um die Wiederbelebung der Wehrpflicht oder Einführung einer Dienstpflicht, die enorm teuer wäre, haben bei der Bundeswehr keine Begeisterung ausgelöst.
  • Schon jetzt bereitet den Streitkräften die schlechte finanzielle Lage der Truppe Sorgen.
  • Nach Ansicht vieler Fachleute würde selbst eine deutliche Anhebung des Verteidigungshaushalts allenfalls Mängel verringern.
Von Joachim Käppner

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat einmal gesagt, die Deutschen hegten gegenüber ihren Streitkräften "ein freundliches Desinteresse". Viele Soldaten sehen das ähnlich, manche halten das Desinteresse auch für gar nicht so freundlich. In den vergangenen Wochen gab es heftige Debatten über die Bundeswehr; doch die neue Aufmerksamkeit löste bei vielen in der Truppe ungläubiges Staunen aus: Wovon reden die?

Erst sprach sich ein Politikwissenschaftler dafür aus, die Bundeswehr mit Atombomben auszurüsten, da unter Präsident Donald Trump der nukleare Schutz durch die USA nicht mehr gewährleistet sei. Kaum war die leicht gespenstische Debatte abgeklungen, ging es um eine Rückkehr der 2011 mangels militärischer Bedrohung ausgesetzten Wehrpflicht, und sei es im Gewande einer allgemeinen Dienstpflicht für alle jungen Deutschen. Das Thema treibt vor allem die CDU um, wo viele so den Gemeinsinn im Land stärken wollen.

Begeisterung haben die Pflichtdienst-Szenarien in der Truppe aber keineswegs ausgelöst, denn: Wer soll das bezahlen? Konkrete Zahlen gibt es nicht, sicher ist aber: Ein solcher Systemwechsel würde sehr viele zusätzliche Milliarden kosten. Das "Wehrersatzwesen", das die Wehrpflichtigen erfasste, einzog und in die Truppe integrierte, gibt es nicht mehr. Die nötigen Kasernen sind verschwunden, die Ausbildungsstrukturen auch. Und der zur Profiarmee gewandelten Bundeswehr stünde ein weiterer Umbau, oder besser Rückbau, bevor.

Das soziale Pflichtjahr ist gut

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Es ist zwar richtig, dass es wenig Nachwuchs gibt. Jeder fünfte Offiziersanwärter quittiert innerhalb der ersten sechs Monate den Dienst. Bei den freiwillig Wehrdienstleistenden wird es immer schwerer, die vorgesehenen 8500 Frauen und Männer im Jahr zu finden und auch zu behalten. Wesentlich mehr Sorgen bereitet den Streitkräften aber die schlechte finanzielle Lage der Truppe.

Viel Geld befindet sich im Wehretat: Warum fliegen die Hubschrauber trotzdem nicht?

Bei einem Wehretat von 38,5 Milliarden Euro im Jahr 2018 könnten Laien versucht sein zu fragen, warum so viel Geld nicht garantiert, dass Hubschrauber fliegen und U-Boote einsatzfähig sind. Sieht man genauer hin, gewinnt das Bild der Unterfinanzierung aber rasch Konturen. Personalausgaben (32,8 Prozent) und Versorgung (15,6) machen schon fast die Hälfte des Etats aus, die reinen Betriebsausgaben weitere 18,3 Prozent. Nur 4,86 Milliarden, schlappe 13,1 Prozent, bleiben für "militärische Beschaffungen".

Dies genügt aber bei Weitem nicht für all die Aufgaben, welche der Bundeswehr zuletzt gestellt wurden: Auslandseinsätze in Afghanistan, Mali und im Mittelmeer; neue Aufgaben im Rahmen der Nato-Strategie, mehr Präsenz bei den neuen Mitgliedern in Osteuropa zu zeigen, vor allem im Baltikum; dazu noch grundsätzlich die Fähigkeit vorzuhalten, die Landesverteidigung zu sichern.

Zu all dem soll die Truppe bis 2024 wieder auf fast 200 000 Soldaten anwachsen, eines der wichtigsten Projekte von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zur Stärkung der Bundeswehr. Dafür reicht der derzeitige Etat nicht im Mindesten, Schätzungen zufolge wäre allein für die Aufstockung eine zusätzliche Milliarde Euro nötig.