Verschwundener Journalist Jamal Khashoggi, der Unbequeme

Der saudische Journalist Jamal Khashoggi.

(Foto: dpa)
  • Der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi verschwand Anfang Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul.
  • Zuvor hatte er den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman kritisiert.
  • Kashoggi verfügte zeitweise über beste Kontakte ins Königshaus, eckte aber auch immer wieder an.
Von Paul-Anton Krüger

Jamal Khashoggi war klar, dass seine Kritik an Kronprinz Mohammed bin Salman sein Leben für immer verändern würde. Er werde wohl nicht mehr in seine Heimat Saudi-Arabien zurückkehren können, vertraute der 59 Jahre alte Journalist der BBC an, drei Tage bevor er im Generalkonsulat des Königreichs in Istanbul verschwand. Er plante ein neues Leben anzufangen: Er wollte seine türkische Verlobte Hatice Cengiz heiraten - am Tag nach dem Besuch im Konsulat. Sie hatten ein Haus gekauft in Istanbul, die Möbel waren schon bestellt.

Es wäre eine weitere Wende seiner Karriere gewesen, in der Khashoggi zeitweise über beste Kontakte in die königliche Familie verfügte - und doch immer wieder aneckte bei den Herrschern. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft an der US-amerikanischen Indiana State University Anfang der Achtzigerjahre hatte er erst als Manager einer Buchladen-Kette gearbeitet, bevor er 1985 in den Journalismus wechselte. Er schrieb für saudi-arabische Zeitungen, berichtete über den Golfkrieg 1990 und aus Afghanistan.

Religiös, aber nie Dschihadist

Mehrmals interviewte er Osama bin Laden, das erste Mal 1987 in Afghanistan, als der saudi-arabische Staatsangehörige noch mit Hilfe Riads und westlicher Geheimdienste aufseiten der Mudschahedin gegen die Sowjetunion kämpfte. 1988 veröffentlichte er eines der ersten Porträts über bin Laden. Khashoggi traf ihn auch noch, als der schon zum Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida aufgestiegen war, das Anfang der 1990er-Jahre mit Anschlägen auf US-Ziele von sich reden machte.

Türkei Riad erlaubt Durchsuchung
Türkei

Riad erlaubt Durchsuchung

Die Türkei will den Verbleib des Regimekritikers klären, der nach Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul verschwunden ist.   Von  Paul-Anton Krüger

Diese Kontakte brachten ihm Probleme mit Sicherheitsbehörden ein, führten zu Spekulationen, er habe für saudische oder amerikanische Geheimdienste gearbeitet. Weggefährten versichern, er sei zwar religiös gewesen in dieser Phase seines Lebens, habe aber nie mit den Dschihadisten sympathisiert - mit der Muslimbruderschaft und dem politischen Islam dagegen schon.

2017 fürchtete Khashoggi seine Verhaftung

Seiner Karriere in Saudi-Arabien tat all das keinen Abbruch: Er stieg in Führungspositionen auf, wurde aber auch als Chef der Tageszeitung al-Watan zweimal gefeuert, weil er den Einfluss ultrakonservativer Kleriker geißelte. Zwischendurch, von 2003 bis 2006, diente er Prinz Turki al-Faisal als Berater, während der langjährige Geheimdienstchef Botschafter in London und Washington war. Khashoggi fungierte quasi als inoffizieller Sprecher Riads. Ein saudischer TV-Sender in Bahrain unter seiner Leitung musste dennoch kurz nach Sendebeginn schließen - wegen eines Interviews mit einem Oppositionellen.

Im Herbst 2017 setzte sich Khashoggi in die USA ab; er befürchtete, verhaftet zu werden. Die Regierung hatte ihm da schon den Mund verboten. Er ließ alles zurück: seine Heimat, sein Haus, seine Familie, deren bekanntestes Mitglied ein Cousin war, der 2017 gestorbene Waffenhändler Adnan Khashoggi. Die Angehörigen wandten sich ab, seine Frau reichte die Scheidung ein. Offen ist, ob Druck der Autoritäten dabei eine Rolle spielte. Der saudische Botschafter in den USA, Khalid bin Salman, Königssohn und jüngerer Bruder des Kronprinzen, versicherte jüngst ausgewählten Journalisten treuherzig: "Jamal hat im Königreich viele Freunde, mich eingeschlossen." Trotz Meinungsverschiedenheiten habe man regelmäßig Kontakt gepflegt. Man tue alles, ihn zu finden

Internationale Zusammenarbeit Das internationale  Recht gerät ins Rutschen

Autokratien

Das internationale Recht gerät ins Rutschen

Wenn autokratische Regime in ihren Allmachtsfantasien die Willkür über die Landesgrenzen wandern lassen, wenn sie das Unrecht internationalisieren, ohne sich rechtfertigen zu müssen, dann zeugt das von ihrer gewachsenen Macht.   Kommentar von Stefan Kornelius