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Coronavirus:Warum sich Verschwörungstheorien so gut verbreiten

Corona und Verschwörung: Querdenken-Demo auf dem Canstatter Wasen

Tummelplatz der Verschwörungstheoretiker: Tausende Menschen protestierten am vergangenen Wochenende auf dem Cannstatter Wasen auf der "Querdenken"-Demo gegen Corona-Beschränkungen.

(Foto: imago images/7aktuell)

Die Infodemie ist gefährlich, weil sie nicht nur die Nischen der Gesellschaft erreicht. In der Krise sehnen sich die Menschen nach Antworten. Darin liegt auch eine Chance für die Zivilgesellschaft.

Gäbe es im digitalen Raum so etwas wie Naturgesetze, dann hätten Gerüchte, Falschnachrichten und Verschwörungstheorien ähnlich wie Raubkatzen unschlagbare Vorteile. Sie verbreiten sich im Vergleich zu seriösen Meldungen und Tatsachen sechs Mal so schnell, und die besten Fake News erreichen rund tausend Mal mehr Menschen.

Sinan Aral, Professor für Informationstechnologie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat das mit zwei Kollegen erforscht. Ihre Erklärung: Falschnachrichten sind überraschender als Wahrheiten und lösen negative Emotionen wie Wut, Angst und Empörung aus. Beides beschleunigt in sozialen Medien den Reflex des "reposting", also des Weiterleitens an den eigenen Kreis.

Aral und seine Kollegen unternahmen die Forschungen vor allem auf Twitter und unter dem Eindruck der US-Wahlen von 2016, bei denen Fake News eine große Rolle spielten. Das Phänomen verstärkte sich seither zunächst leicht, seit einigen Monaten allerdings im Zuge der Corona-Krise dramatisch. Der Malariaforscher und Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sprach auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar von einer "Infodemie".

Vielen Verschwörungstheorien ist mit Vernunft nicht beizukommen

Für die enorme Zunahme an Verschwörungstheorien rund um die Pandemie gibt es noch ein paar Gründe mehr. Solche Mythen und Gerüchte liefern nicht nur einfache Antworten, sondern auch eindeutig identifizierbare Feinde wie Bill Gates, George Soros oder Angela Merkel, die angeblich eine Impfdiktatur planen. Und gerade bei komplexen Katastrophen wie einer Pandemie, der Erderwärmung, Wirtschaftskrisen oder Terrorwellen ist die Wahrheit viel zu beängstigend. Niemand steuert den Lauf der Dinge und Geschichte. Die Welt läuft aus dem Ruder.

Nun sind viele Verschwörungstheorien so bizarr, dass man ihnen mit Vernunft nicht beikommt. So kursiert derzeit ein über einstündiges Video, das behauptet, Medien und Popkultur seien Teil einer Weltverschwörung von Satanisten, die von der Künstlerin Marina Abramović angeführt werden, die Lady Gagas Gedanken kontrolliert. Mehr als zwölf Millionen Menschen haben sich das seit dem 10. April schon angesehen.

Es wäre aber zu einfach, sich über die Welt der Verschwörungstheorien lustig zu machen. Die Satanistengeschichte mag bizarr sein, ihre Mechanik ist aber ähnlich wie die vieler Geschichten, deretwegen Menschen derzeit zu Hygienedemos auf die Straße gehen. Sie funktionieren wie Legobaukästen, beginnen mit beweisbaren Fakten, berechtigter Kritik, um dann Stein für Stein immer weiter in einen Kosmos aus Gerüchten, Erfindungen und Hass abzudriften.

Und es sind längst nicht mehr nur Spinner und Leute mit großen Hasskappen, die Verschwörungstheorien glauben. Das Denken vieler Menschen ist durch den Boom der Thriller in Film und Literatur seit Jahrzehnten auf solche überraschenden Handlungswendungen geeicht. Der Erfolg der meisten neuen TV-Serien basiert darauf. Das macht die Infodemie so gefährlich, weil sie nicht nur Nischen der Gesellschaft erreicht. Denn alle Menschen sehnen sich derzeit nach Antworten. Aber hier liegt auch die Chance für die Zivilgesellschaft. Denn Nachrichten können laut MIT-Forschung nicht nur Hass und Angst auslösen, sondern auch Erwartung, Freude und Vertrauen. Die kann, die muss man wecken.

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© SZ vom 15.05.2020/cat
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