Verschwendung im Vatikan Außer Kontrolle

Das Buch des Journalisten Nuzzi wirft ein Schlaglicht auf die Misswirtschaft im Vatikan - und auf die Versuche des Papstes, die alten Machenschaften zu beenden.

Von Andrea Bachstein, Rom

Er hat sich, wie passend, den Raum einer ehemaligen Kapelle in einem römischen Palast an der edlen Via di Ripetta ausgesucht, der Autor, der mit seinem neuesten Vatikan-Buch "Alles muss ans Licht" wieder reichlich Wirbel um den Vatikan ausgelöst hat. Mit ziemlich zufriedenem Gesicht tritt Gianluigi Nuzzi am Mittwoch aufs Podium, denn es ist für ihn bisher alles glänzend gelaufen. Dass er für seine Bücher, unter anderem "Die Vatikan AG", medial zu trommeln vermag, hat er schon früher bewiesen. Aber diesmal war es perfekt: Drei Tage ehe dieses neue, als Enthüllungsbuch angekündigte Werk in Italien, Deutschland und anderen Ländern an diesem Donnerstag in den Handel kommt, hat der Vatikan Werbehilfe gegeben und zwei Mitarbeiter festgenommen, weil sie vertrauliche Dokumente weitergegeben haben sollen.

Inzwischen wird noch gegen etwa zehn weitere Verdächtige ermittelt. Der Vatikan wollte sich offenbar nicht sagen lassen, er habe sich zu den Festnahmen von Nuzzi treiben lassen. Vatileaks 2 ist in der Welt - nach Vatileaks 1, dem Diebstahl von Dokumenten durch den Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., an dessen Enthüllung und Auswertung Nuzzi ebenfalls mit seinen Veröffentlichungen beteiligt war. Der ehemalige Kirchenraum, in dem Nuzzi auftritt, ist jedenfalls voll, Dutzende Fernsehkameras richten sich auf den kahlköpfigen Autor. Sein Buch basiert vor allem auf Dokumenten aus dem Vatikan. Es geht um die Finanzen, immer schon das heikelste Thema. Es handelt von den Versuchen von Franziskus aufzuräumen, Verschwendung abzustellen, ein System einzuführen, das das viele Geld nachvollziehbar macht, das ein- und ausgeht. Und es geht auch darum, wie viel Widerstand hinter den Mauern der Vatikanstadt dem entgegensteht.

Natürlich sagt Nuzzi nicht, von wem er die Papiere hat, nur dass es wichtige, zuverlässige Leute seien. Nichts sei gestohlen oder illegal beschafft. Und er handle im öffentlichen Interesse. Bei allem Schweigen über die Quellen: dass die beiden ersten in dieser Woche Festgenommenen, Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda, ehemals Chef der Untersuchungskommission Cosea, und die einzige Frau in der Cosea, Francesca Immacolata Chaouqui, damit zu tun haben, daran lässt sich kaum zweifeln. Die Cosea hat Papst Franziskus eingesetzt, um den Zustand der VatikanFinanzen zu durchleuchten und zu reformieren. Balda sitzt in einer Haftzelle bei der päpstlichen Gendarmerie, Chaouqui wird vernommen und belastet Balda angeblich schwer.

Ein Paar sitzt unter den Säulen am Petersplatz in Rom, dem Eingang zum Vatikan.

(Foto: AFP/Filippo Monteforte)

Um es gleich zu sagen: Einen völlig überraschenden, riesigen Skandalfall enthält das Buch von Nuzzi nicht. Es ist vielmehr das Gesamtbild, das erschreckend und enttäuschend für viele Gläubige sein muss. Die Dokumente stammen vor allem aus der Korrespondenz der Cosea. Es sah ziemlich verheerend aus, als Franziskus Pontifex wurde, externe Buchprüfer schlugen Alarm. Nuzzi hat eine Audioaufzeichnung einer Unterredung des Papstes mit Kardinälen am 3. Juli 2013, fünf Monate nach Amtsantritt, ausgewertet - da ist die Rede von drohender Staatspleite. Das Jahr 2012 hatte mit einem Minus von 28,9 Millionen Euro in den Kurienfinanzen geschlossen, Einnahmen von 92,8 Millionen Euro standen Ausgaben von 121,7 Millionen gegenüber. Die Finanzen seien "außer Kontrolle", sagt der Papst den schockierten Purpurträgern und gibt Befehl, endlich Transparenz zu schaffen. Es geht um verrückte Ausgaben für Maßkleidung oder Reisen. Und Größeres: Den Cosea-Papieren zufolge hatte der Pensionsfonds 2011 eine Lücke von 700 bis 800 Millionen Euro. Dass der Vatikan seine Immobilien miserabel verwaltet, weil vieles Gefälligkeitsvermietungen sind, war zumindest den Römern bekannt. Aber dass es 100 Quadratmeter-Wohnungen in Roms Altstadt gibt, die 100 Euro im Jahr oder auch gar nichts kosten, sind Details, die nicht verbreitet sind.

Was Gläubige überall wirklich treffen dürfte, ist der Umgang mit dem Peterspfennig, den viele von ihnen spenden, im Glauben, das Geld werde verwendet für den "Liebesdienst an den Bedürftigen". In Wahrheit gibt es ein "schwarzes Loch", wie Nuzzi schreibt. Nur nach vielem Insistieren bekamen die von Franziskus beauftragten Ermittler einen Einblick - und es grauste ihnen. Laut Nuzzis Unterlagen wurden 28,9 Millionen Euro aus dem Obulus für den Unterhalt der defizitären Kurie entnommen - 58 Prozent. Geld, gespendet für Bedürftige, ausgegeben für den Verwaltungsapparat, für den luxuriösen Lebensstil von Kardinälen, für ein System aus Nachlässigkeit, Gefälligkeiten, Machtinteressen. Noch haarsträubender sind die 377,9 Millionen, auf die sich laut Nuzzi das Rücklagevermögen des Peterspfennigs beläuft - schlecht angelegtes Geld, das eigentlich jedes Jahr für Arme ausgegeben werden sollte. Ein anderes, ebenfalls unfassbares Szenario bietet sich bei der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen. Dort gab es offenbar gar keine nachvollziehbare Buchführung über die längste Zeit. Dabei ist dieses Amt eine Millionenquelle, denn die Prozesse der Kanonisierung kosten teilweise Hunderttausende. Viel Geld wurde da in bar überreicht und nie verbucht. Vieles weist darauf hin, dass Nuzzi Stoff für weitere Bücher finden wird. Es gibt neue Ermittlungen bei der Vatikanbank, sie betreffen die Zeit vor 2011, Geldwäscheverdacht. Franziskus, so dringt aus dem Vatikan, schmerze das. Mit seinen Reformen werde er aber entschlossen weitermachen.