Verschleppter Vietnamese:Richtungskampf in Hanoi

Aus dem Bamf sind womöglich Tipps gekommen. Schon am 21. Oktober hatte der Bamf-Mitarbeiter Ho N. T. auf seiner Facebook-Seite Überlegungen dazu angestellt, was wohl wäre, wenn der "Verbrecher" TXT in Deutschland wäre. Würden die Deutschen ihn dann nach Hanoi ausliefern? Zu dieser Zeit war TXT noch gar nicht offiziell in Deutschland, das Regime in Hanoi suchte nach ihm. Beobachter sprechen von einem Richtungskampf in Hanoi: China-treue Hardliner gehen gegen Reformer wie TXT vor. Der Bamf-Mitarbeiter Ho N. T. war als Propaganda-Autor ein fleißiger Claqueur dieser Säuberungswelle. Zwar lag es nahe, dass der Reformer TXT nach Deutschland fliehen könnte.

Hier hatte er sich schon in den 1990er-Jahren als Geschäftsmann in der vietnamesischen Gemeinde Berlins bewegt, bevor er in Vietnam Karriere als Chef einer Tochterfirma des staatlichen Gas- und Ölkonzerns machte. Aber Ho N. T. könnte mehr gewusst haben. Er hatte Zugang zum Ausländerzentralregister und zu den Akten des Bamf. Die Behörde teilt mit: "Nach jetzigem Kenntnisstand ergibt sich kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Mitarbeiter und dem mutmaßlichen Entführungsfall." Suspendiert ist Ho N. T. trotzdem, bis das aufgeklärt ist.

Der Fall wirft die Frage auf, wie sorgfältig sich das Bamf vor Dienern zweier Herren schützt

Der Fall ist peinlich fürs Bamf, und er wirft die Grundsatzfrage auf, wie sorgfältig man sich dort gegen Diener zweier Herren schützt. Er erinnert an den Sri Lanker Thiyagaraja P., der in der Zentralen Ausländerbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen in Bielefeld beschäftigt war. Am 17. Februar 2016 wurde er festgenommen. Das Kammergericht Berlin hat ihn erstinstanzlich wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verurteilt. Seine besonderen Einblicke soll er genutzt haben, um für Indiens Auslandsgeheimdienst nach separatistisch gesinnten Sikhs zu suchen.

Der vietnamesische Bamf-Mitarbeiter Ho N. T. war zwar nicht als Entscheider mit Vietnamesen befasst. Auf Facebook zeigte er aber gern, wie gut er verdrahtet sei. Ein Dankschreiben der Bamf-Präsidentin Jutta Cordt ("Sehr geehrter Herr Ho"), das alle Mitarbeiter für ihr Engagement nach dem Fall Franco A. erhielten, veröffentlichte er dort. Neben seiner KP-Belobigung für "Auslandspropaganda". Und mit solcher Autorität meldete er sich auch zu Wort, als der verschleppte TXT am 4. August in Hanoi öffentlich vorgeführt wurde. Mit verwaschener Aussprache und aufgedunsenem Gesicht gab der sich dort im Staatsfernsehen reuig. Dazu der Kommentar des Bamf-Mitarbeiters Ho N. T., in einem öffentlichen Facebook-Dialog mit dem Chef des staatlichen Rundfunks von Vietnam, Nguyen Canh Toan: "Nach Paragraf 33 Absatz 3 Asylgesetz gilt der Antrag als zurückgenommen, wenn der Antragsteller das Bundesgebiet verlässt und in sein Heimatland zurückkehrt, egal aus welchen Gründen." Damit sei die Sache für Berlin erledigt.

© SZ vom 16.08.2017/segi
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