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100 Jahre Friedensvertrag von Versailles:Nun werde "der Friede diskreditiert sein, nicht der Krieg", prophezeit Max Weber

Doch einen "Wilson-Frieden" wird es nicht geben. Die Regierung in Weimar hat sich verspekuliert. "Ausgerechnet auf den humanitären Idealismus der politischen Kultur des Westens setzte man, den man vier Jahre lang im Namen der ,Ideen von 1914' bekämpft hatte", schreibt die Historikerin Birte Förster.

Die "Ideen von 1914" sind eine Art aggressiver deutscher Kriegsphilosophie, die bewusst den "Ideen von 1789" - also Liberalismus und Demokratie - entgegengestellt wurden.

The signing of the Versailles Peace Treaty at the Hall of Mirrors 28th June 1919 WHA PUBLICATIONxIN

Im Spiegelsaal von Versailles unterschrieben die Vertreter des Deutschen Reichs den Vertrag. Am selben Ort war 1871 das Kaiserreich der Hohenzollern ausgerufen worden.

(Foto: Imago)

Die Regierung aber hofft, wohl wissend um den völkerrechtswidrigen Einmarsch in Belgien, den grausamen Stellungskrieg, die Verwüstungen von Hunderten Städten und Dörfern, die weltweit zehn Millionen toten Soldaten und Millionen toten und verwundeten Zivilisten - und nicht zuletzt den Diktatfrieden von Brest-Litowsk, den man im Frühjahr 1918 den in Russland an die Macht gekommenen Bolschewiki aufgedrückt hatte.

Die Deutschen leben, so drückt es der Theologe Ernst Troeltsch aus, im "Traumland der Waffenstillstandsperiode".

Auch auf alliierter Seite gibt es viele Gründe, warum es kein Wilson-Friede wird. Der wichtigste ist das Trauma der Franzosen. Sie vertreten den extremsten Standpunkt: Deutschland muss zerschlagen, sein Potenzial zur europäischen Hegemonialmacht für immer zerstört werden, alle Gebiete links des Rheins müssen abgespalten werden - so lautet die Maximalforderung in Paris.

Damit kann sich Frankreich zwar nicht durchsetzen, vor allem der englische Premier David Lloyd George und Wilson lehnen es strikt ab, Paris auf diese Weise zu einer beherrschenden Stellung in Europa zu verhelfen.

Den Briten wiederum ist viel wichtiger, die deutsche Hochseeflotte als Konkurrenten auszuschalten (die sich dann kurz vor Vertragsunterschrift bei Scapa Flow, wo sie seit dem Waffenstillstand interniert ist, durch Selbstversenkung selbst ausschaltet) und die kurze Geschichte Deutschlands als Kolonialmacht für immer zu beenden.

Und Wilson hat große Probleme, im US-Kongress seine Pläne für einen Völkerbund - "ein Verband der Nationen zur Wahrung der politischen Unabhängigkeit und der territorialen Unverletzbarkeit der kleinen sowohl wie der großen Staaten" - durchzubekommen. Letztlich wird er dort an der republikanischen Mehrheit scheitern - die USA ratifizieren weder den Vertrag von Versailles, noch treten sie dem Völkerbund letztlich bei.

Andererseits wollen sich die USA nicht wie früher wieder auf ihren Kontinent zurückziehen, sie bleiben von nun an ein Hauptakteur in Europa. Und zwar vor allem als Gläubiger der Franzosen und Briten, denen man enorme Kredite für die Kriegsanstrengungen gewährt hat und auf deren Rückzahlung man besteht.

Auch das Versprechen einer "neuen Diplomatie" ohne Geheimverhandlungen, das Wilson in seinen berühmten 14 Punkten an erste Stelle gesetzt hat, wird sich nicht erfüllen. In Paris beraten etwa 10 000 Teilnehmer der alliierten und assoziierten Mächte - das sind mehr als 30 Staaten - in 58 Ausschüssen in 1646 Sitzungen.

Außer Deutschland dürfen auch Russland und die übrigen Mittelmächte nicht teilnehmen. Mit den einstigen Verbündeten des Kaiserreichs werden später eigene - ebenfalls teilweise harte - Verträge geschlossen.

Die Entscheidungen werden aber letztlich in einem Rat der Zehn und später in einem Rat der Vier (Wilson, Clemenceau, Lloyd George und bis kurz vor Schluss der italienische Premier Vittorio Emanuele Orlando) getroffen. Hier werden Forderungen rund um den Globus aufgestellt, miteinander verrechnet und mühsame Kompromisse erarbeitet.

Ein niemand wirklich zufriedenstellender Kompromiss

Die Deutschland-Frage ist in Paris von großer Bedeutung, aber bei weitem nicht das einzige Problem: Es gilt die Überreste des zusammengebrochenen Habsburgerreiches zu verteilen, das Herrschaftsgebiet des einstigen Osmanischen Reiches neu zu ordnen, mit dem neuen Selbstbewusstseins der britischen Dominions umzugehen, und sich der Träume in den Kolonien vom Selbstbestimmungsrecht zu erwehren - und nicht zuletzt sich mit der neuen "bolschewistischen Gefahr" in Russland zu befassen.

All das vor dem Hintergrund sich neu bildender Staaten in Ost- und Mitteleuropa, die teils mit Gewalt vollendete Grenzen zu schaffen trachten und den immer wieder aufflammenden Kämpfen um die Entstehung von Räterepubliken, etwa in Deutschland und Ungarn.

Als die Siegermächte endlich einen niemand wirklich zufriedenstellenden Kompromiss für den Vertrag erarbeitet haben, wissen sie: Unsere Interessensgegensätze sind so groß, unsere Handlungsspielräume sind so klein, wenn wir Deutschland jetzt noch mitreden lassen, wird unsere Koalition sofort gesprengt. Das darf nicht passieren. Darum setzt man den Deutschen einen Definitivfrieden vor, Wilson-Versprechen hin oder her.

Pariser Vorortverträge

Friedensvertrag zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten (Versailler Vertrag) vom 28. Juni 1919

Staatsvertrag zwischen der Republik Österreich und den alliierten und assoziierten Mächten (Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye) vom 10. September 1919

Friedensvertrag zwischen dem Königreich Bulgarien und den alliierten und assoziierten Mächten (Friedensvertrag von Neuilly-sur-Seine) vom 27. November 1919

Friedensvertrag zwischen Ungarn und den alliierten und assoziierten Mächten (Friedensvertrag von Trianon) vom 4. Juni 1920

Friedensvertrag zwischen dem Osmanischen Reich und den alliierten und assoziierten Mächten (Friedensvertrag von Sèvres) vom 10. August 1920

(ist nie ratifiziert worden; ersetzt durch den Friedensvertrag mit der Türkei (Lausanner Vertrag) vom 24. Juli 1923

Am 28. Juni setzen Außenminister Hermann Müller (SPD) - Brockdorff-Rantzau ist nach seinem strikten Nein mit dem gesamten Kabinett Scheidemann zurückgetreten - und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) ihre Unterschriften als Bevollmächtigte der deutschen Republik unter den Vertrag.

Im Spiegelsaal von Schloss Versailles sind mehr als 1000 Menschen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen. Es ist 15.12 Uhr, als die beiden fertig sind. Und es ist der Jahrestag des Attentats von Sarajevo.

Der Mord am Thronfolger Österreichs-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 war Auslöser der "Juli-Krise", ein weiterer Schritt in die Eskalation der allgemeinen Kriegsvorbereitungen.

"Diese Inszenierung zitierte den Anfang des Krieges, um sein Ende als historischen Moment zu beglaubigen", schreibt der Historiker Jörn Leonhard. Doch fährt er fort: "Die Unterzeichnung des Vertrages markierte den Anfang, nicht das Ende der Suche nach einer neuen Nachkriegsordnung."

Die finanziellen Folgen des Vertrags beschäftigen die junge Republik während ihrer gesamten kurzen Existenz. Nach einer Reihe internationaler Konferenzen wird dem Deutschen Reich erstmalig im Mai 1921 ein in London ausgehandelter definitiver Gesamtbetrag der Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Mark übermittelt. Die Annahme wird an ein Ultimatum geknüpft.

Das ist viel, aber angesichts der Tatsache, dass deutsche Finanzexperten schon 1919 100 Milliarden für leistbar hielten, nicht exorbitant viel. Treibende Kraft ist auch hier Frankreich, das 1923 einen Rückstand bei Sachleistungen zum Anlass nimmt, das Ruhrgebiet zu besetzen.

Es kommt zum "passive Widerstand" der Deutschen und in dessen Folge zur Hyperinflation. Nicht zuletzt das Krisenjahr 1923 führt bei den Alliierten zur Einsicht, dass allen Beteiligten durch ökonomische Hilfen besser gedient ist als durch pure Konfrontation. Doch auch der Dawes-Plan (1924) und der Young-Plan (1929), die dem Reich finanzielle Hilfe gewähren, beruhigen die Gemüter nicht.

Die Bewertung des Friedens von Versailles wurde nach 1945 jahrzehntelang sehr oft in der Linie "1919-1933-1939" betrachtet, die allermeisten Historiker kamen daher zu einem extrem negativen Urteil des Vertrags.

Der Vertrag als Vehikel für eine giftige Agenda

Heute wird viel stärker die Offenheit der damaligen Situation betont, kaum jemand vertritt mehr die These, Versailles habe direkt zu Hitler und zum Zweiten Weltkrieg geführt. Doch das Urteil ist auch in heutiger Zeit nicht eindeutig.

Der Historiker Conze ("Die große Illusion", Siedler 2018) hält das Vertragswerk für problematisch, weil es "den Hass und die Gegensätze des Krieges weiter geschürt hat". Keineswegs könne man aber von einem "karthagischen", also einem alles zerstörenden, Frieden sprechen.

Sein Kollege Jörn Leonhard versagt sich in seinem Monumentalwerk "Der überforderte Friede" (C.H. Beck, 2018) ein eindeutiges Urteil. Dass es überhaupt zu einem Frieden gekommen sei, sei "angesichts der immensen Erbschaften des Krieges, der Überlastung mit widerstreitenden Erwartungen und der vielen Krisen im Frühjahr 1919, die weit über Europa hinauswiesen, alles andere als selbstverständlich" gewesen.

Aus einem totalisierten Krieg sollte ein totaler Frieden hervorgehen, der allen Opfern gerecht werden sollte. Das aber konnte nicht gelingen.

Die kanadische Historikerin Margaret MacMillan ("Die Friedensmacher", Propyläen 2015) sieht es so: "Den Versailler Vertrag trifft keine Schuld. Er ist nie konsequent umgesetzt worden, sondern gerade weit genug, um den deutschen Nationalismus zu reizen, ohne die Fähigkeit Deutschlands zu begrenzen, den Frieden in Europa zu stören."

Der Versailler Vertrag und seine Folgen

Deutschland verliert 72 068 Quadratkilometer seiner Fläche, das sind 13 Prozent.

Deutschland verliert damit 6,5 Millionen Einwohner, das sind zehn Prozent.

Elsass-Lothringen, 1871 annektiert, fällt an Frankreich zurück.

Das Saargebiet wird einer Kommission des Völkerbundes unterstellt, die dortigen Kohlegruben werden für 15 Jahre Frankreich zur wirtschaftlichen Nutzung überlassen.

Das linksrheinische Gebiet bleibt für fünf bis 15 Jahre von alliierten Truppen besetzt, rechts des Rheins wird eine 50 Kilometer breite entmilitarisierte Zone eingerichtet.

Der größte Teil Westpreußens, die Provinz Posen, Teile von Ostpreußen und Hinterpommern müssen an Polen abgetreten werden. Danzig wird "Freie Stadt" unter Völkerbundkontrolle. In diesen Gebieten lebt fortan eine deutsche Minderheit.

Das Memelland wird zunächst dem Völkerbund unterstellt (und 1923 Litauen zugesprochen).

Das Hultschiner Ländchen wird der neuen Tschechoslowakei zugesprochen. Nach einer Volksabstimmung geht Nord-Schleswig an Dänemark.

Nach einer Volksabstimmung fällt die Region Eupen-Malmedy an Belgien.

Österreich darf sich nicht dem Deutschen Reich anschließen.

Deutschland verliert alle seine Kolonien.

Die allgemeine Wehrpflicht wird aufgehoben, das Heer auf 100 000 Mann begrenzt, die Marine auf 15 000. U-Boote, Luftwaffe und schwere Waffen sind verboten. Eine internationale Militärkontrollkommission überwacht die Einhaltung der Bestimmungen.

Deutschland soll umfassende Reparationen leisten - die genaue Höhe ist im Vertrag aber noch nicht geregelt (Artikel 231). Die späteren Zahlungen belasten die Weimarer Republik politisch noch stärker als wirtschaftlich.

Kaiser Wilhelm II. soll "wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes unter öffentliche Anklage" gestellt werden. Allerdings verbringt er seine Altersjahre dann ungestört im niederländischen Exil. Robert Probst

Die größte Hypothek liegt also letztlich in der Wahrnehmung und Interpretation des Friedens, in seiner "emotionalen Überhöhung" und der Demütigung des besiegten Gegners (Leonhard), weniger am Inhalt. "Nun wird - wenn die Ermattungsepoche vorbei sein wird - der Friede diskreditiert sein, nicht der Krieg", prophezeit Max Weber, Berater der deutschen Delegation, im Frühjahr 1919. So kommt es.

Die alten Eliten von völkisch-rechts bis bürgerlich-liberal nutzen den Vertrag als Vehikel für ihre politische Agenda: mehr Nationalismus, mehr militärische Stärke, weniger Multilateralismus. Kurzum: "Mit dem Kampf gegen Versailles konnte man das eigentliche Ziel, die Überwindung der Demokratie, gut tarnen", schreibt Conze.

Und dieses Gift sickerte ungehindert in die Köpfe vieler Menschen.

Geschichte "Für die Franzosen waren die Deutschen Verbrecher"

100 Jahre Frieden von Versailles

"Für die Franzosen waren die Deutschen Verbrecher"

Mit dem Versailler Vertrag zerstoben die Hoffnungen der deutschen Demokraten auf einen milden Frieden. Historiker Gerd Krumeich über eine erniedrigende Inszenierung, linke Illusionen und das Trauma der deutschen Niederlage.   Interview von Barbara Galaktionow