Verkürzter Ersatzdienst"Der Druck auf die Zivis wird massiv sein"

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Werden attraktive Stellen nur noch an die Bewerber vergeben, die länger bleiben? Was verdient ein Zivi dann? Fragen und Antworten zur Neuregelung.

N. von Hardenberg

Junge Männer müssen künftig nur noch sechs statt neun Monate Wehrdienst oder Zivildienst leisten. Darauf hat sich die schwarz-gelbe Koalition am Montag geeinigt. Die Verkürzung soll für die Zivis vom 1. August und für Wehrdienstleistende vom 1. Oktober an gelten. Zivis sollen aber die Möglichkeit haben, nach Ablauf der Dienstzeit noch drei bis sechs Monate weiterzuarbeiten, wenn sie das wollen.

Zivildienstleistende übernehmen eine große Verantwortung, wenn sie alte Menschen betreuen. Und es braucht Zeit, deren Vertrauen zu gewinnen. Doch gerade diese Zeit wird künftig oft fehlen, wenn der Zivildienst auf sechs Monate verkürzt wird.
Zivildienstleistende übernehmen eine große Verantwortung, wenn sie alte Menschen betreuen. Und es braucht Zeit, deren Vertrauen zu gewinnen. Doch gerade diese Zeit wird künftig oft fehlen, wenn der Zivildienst auf sechs Monate verkürzt wird. (Foto: Foto: ddp)

Werden interessante Zivildienststellen künftig nur noch für zwölf Monate angeboten?

Die Regierung hat vorgesehen, dass Zivis frühstens zwei Monate nach Dienstbeginn eine Verlängerung beantragen dürfen. Damit soll sichergestellt werden, "dass die Verlängerung auch weiterhin freiwillig bleibt und nicht im vornherein nur noch Stellen, die auf zwölf Monate ausgelegt sind, angeboten werden", sagt die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Dorothee Bär. Sozialverbände halten die Regelung allerdings für praxisfern. "Wenn man vertrauensvoll miteinander arbeiten will, interessiert es alle Beteiligten natürlich von Anfang an, wie lange man miteinander zu tun haben wird", sagt Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Auch haben einige Träger im Vorfeld angekündigt, bestimmte Stellen eher nicht mehr zu besetzen, als dort jemanden für nur sechs Monate einzuarbeiten. Dazu gehört etwa der Rettungsdienst. Aber auch bei der Arbeit mit Kindern ist es ungünstig, wenn die Bezugsperson häufig wechselt. Hier werden die Träger womöglich versuchen, Zivis zu einem längeren Einsatz zu bewegen.

Wie kann verhindert werden, dass junge Männer unter Druck gesetzt werden, ihren Zivildienst zu verlängern?

Druck werde es nicht geben, versprechen die Sozialverbände. Er wäre die falsche Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Sie wollen den verlängerten Zivildienst vielmehr als einen "Lerndienst" bewerben, bei dem die jungen Männer Erfahrungen für ihr Leben mitnehmen. Kritiker befürchten trotzdem, dass attraktive Stellen künftig nur noch an Bewerber vergeben werden, die versprechen, länger zu bleiben. "Der Druck auf die Zivis wird massiv sein", sagt Peter Tobiassen, Geschäftsführer der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (KDV).

Was ist, wenn ein Zivi erst verlängern will und sich dann anders entscheidet?

Wahrscheinlich nichts. Der Zivi darf die Verlängerung nach dem Willen der Regierung frühestens nach zwei Monaten beantragen. Er kann - so der Plan - das aber auch später tun, oder sich sogar anders entscheiden. KDV-Geschäftsführer Tobiassen rät jungen Männern, die eine bestimmte Stelle bekommen wollen, deshalb sogar, im Zweifel bei der Einstellung alles zu versprechen und es hinterher zu widerrufen. "Allerdings hat man dann wahrscheinlich vier Monate einen unfreundlichen Chef", warnt er.

Was verdient ein Zivi, wenn er verlängert?

Bislang mussten Einrichtungen, die einen Zivi nach Ablauf der neun Monate für eine Übergangszeit weiterbeschäftigt haben, diesen ganz normal als befristete Mitarbeiter einstellen. In der Pflege gilt ein Mindestlohn von 7,50 Euro im Osten und 8,50 im Westen. Wenn die jungen Männer künftig verlängern, sollen sie weiter Zivis bleiben, das heißt, sie behalten alle Vergünstigungen, die Zivis genießen, etwa die Befreiung von Steuern und Sozialabgaben. Sie verdienen aber auch nur den Zivi-Sold von netto etwa 3,75 die Stunde. Damit wären die Zivis schlechter gestellt als die Wehrdienstleistenden. Denn ein Zuschlag, wie ihn ein Soldat erhält, der sich entscheidet, seinen Wehrdienst zu verlängern, ist für die Zivis nicht vorgesehen. Kritiker befürchten deshalb, das hier ein Billiglohnsektor zementiert wird.

Wer bezahlt den Zivi-Sold in der Verlängerung?

Der Bund wird wie in den ersten sechs Monaten für zwei Drittel der Kosten aufkommen (monatlich etwa 700 Euro pro Zivi-Stelle). Die Einsatzstelle kommt unter anderem für die Verpflegung und Fahrtkosten des Zivis auf und zahlt damit ein Drittel der Kosten. Damit ist der Zivi die mit Abstand günstigste Arbeitskraft, die soziale Träger finden können. Selbst junge Männer und Frauen, die sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr verpflichten, sind teurer. Hier zahlt der Bund nur einen Zuschuss von etwa 70 Euro für die pädagogische Begleitung. Das Taschengeld, das die Freiwilligen erhalten, zahlt die Einsatzstelle.

© SZ vom 19.05.2010 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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