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Verkehr:Mathe um Mitternacht

Im Kampf gegen den Dauerstau in Manila hat der philippinische Präsident eine kuriose Idee - fahren, leben und lernen in Schichten.

Die meisten Philippiner sind tiefgläubige Katholiken, sie kennen die Bibel und natürlich auch die Offenbarung des Johannes, die von der Endzeitschlacht Armageddon und der Apokalypse erzählt. Und es scheint, als würde sie der Alltag in Manila erschreckend oft an die Zeilen erinnern. Wenn sich der Verkehr in den Straßen der Stadt so sehr verdichtet, dass Schwaden giftiger Abgase durch die Betonschluchten wehen, dass nichts mehr vor oder zurück geht und alles Leben zum Erliegen kommt, dann nennen die Philippiner das ihr "Carmageddon".

Das Auto und die Apokalypse, sie verschmelzen in der Metropole zu einem Wort, das klingt erst einmal sehr theatralisch, vermittelt aber doch eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, wenn sich 2,5 Millionen Autos täglich durch eine Megacity schieben, die das nicht verkraftet.

Moloch Manila: 25 Millionen Menschen drängen sich im städtischen Ballungsraum rund um die philippinische Hauptstadt. Und nirgendwo auf der Welt empfinden die Bewohner den chronischen Stau derart belastend, wie eine Studie herausgefunden hat. Nun macht die Not aber auch erfinderisch, zumindest mobilisiert sie Vorschläge aus dem Präsidentenamt. Salvador Panelo, Sprecher des Staatschefs Rodrigo Duterte, trug die Idee vor, das gesamte städtische Leben künftig im Schichtbetrieb zu organisieren; man solle die Arbeit stärker über Tag und Nacht verteilen, sodass sich nicht alle zu ähnlichen Zeiten bewegen müssten. Auch Schulen will er einbeziehen. Das würde bedeuten: Fahren, leben und lernen in Schichten, die bis in die frühen Morgenstunden reichen. So etwas hat wohl noch keine Stadt der Welt erprobt, grübelte Panelo laut vor Journalisten. "Was, wenn wir es mal ausprobieren?"

Mathe pauken um Mitternacht? Das Staunen ist groß über den Vorstoß, die Zeitung Inquirer nannte Panelos Ideen irritierend und fügte sarkastisch hinzu: "Wie wäre es stattdessen mit einem anständigem Transportwesen?" Die Verkehrsprobleme setzen Präsident Duterte unter Druck, er hat den Wählern ein "goldenes Zeitalter der Infrastruktur" versprochen, doch das lässt auf sich warten. Der Bau der ersten U-Bahn hat erst im Februar dieses Jahres begonnen. Die früheren Regierungen haben es stets versäumt, in den öffentlichen Nahverkehr zu investieren.

Millionen Pendler sind daran gewöhnt, in "Jeepneys" zu fahren, das sind die legendären Sammeltaxis, deren Vorläufer die Philippiner nach 1945 aus liegen gebliebenen US-Militär-Jeeps zusammenschweißten. Ein wunderbares Beispiel für kreatives Upcycling, aber sicher kein Ersatz für ein modernes Nahverkehrsnetz. Die Jeepneys sollen schrittweise durch Busse ersetzt werden, doch auch das wird Manilas Verkehrsqualen kaum lindern.

Was tun? Senatoren des Landes besinnen sich schon auf die simpelste aller Lösungen: Laufen statt fahren. Angesichts der Kriechgeschwindigkeiten auf den verstopften Straßen dürfte dies auf kurzen Strecken nützlich sein und ganz nebenbei die Fitness stärken, glauben einige Abgeordnete. Sie wollen jetzt ein Netz von Fußgängerwegen bauen, die sich, hoch oben auf Stelzen, über den Endzeitverkehr von Manila erheben.

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