Süddeutsche Zeitung

Verfassungsschutzbericht:Neonazis im linken Stil

Sie imitieren das Aussehen der radikalen Linken, provozieren Gewalt und sind für den Anstieg rechter Straftaten mitverantwortlich.

Johannes Boie

Der Verfassungsschutzbericht des Bundes, der heute in Berlin vorgestellt wurde, notiert einen starken Anstieg rechtsradikaler Straftaten. Davon geht eine ganze Menge auf das Konto des rechten schwarzen Blocks. Diese sogenannten Freien Nationalisten sind extrem gewaltbereit. Sie stellen eine relativ neue Strömung innerhalb der rechtsradikalen Szene dar. Das Besondere: Anders als die Nazis in Parteien oder Nazi-Kader der alten Schule treten die Freien Nationalisten in einem Stil auf, der früher Linksradikalen vorbehalten war.

"Nachdem Anfang der neunziger Jahre eine ganze Reihe von extrem rechten Kleinparteien wie die Nationale Alternative (NA) oder die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) verboten worden waren, bastelten norddeutsche Neonazis wie Christian Worch und Thomas Wulff an Alternativen", erklärt die Expertin Andrea Röpke, Mitautorin des Buches "Braune Kameradschaften. Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis".

Logos, Klamotten, Organisationsformen - sehr vieles hat sich zwischen dem rechten und dem linken Lager im radikalen Spektrum mittlerweile angeglichen. Längst findet sich zum Beispiel die traditionelle, schwarz-rote Doppelfahne, das Logo der Antifaschistischen Aktion, leicht abgeändert auf Seiten ausgemachter Neonazis. Mittlerweile beschränkt sich der Konsens zwischen rechts und links nicht länger auf einzelne Schnittstellen. Heute treten Hunderte Nazis in der klassischen Montur der gewaltbereiten Linken auf: mit schwarzen Kapuzen-Pullovern und Sonnenbrillen. Die Rechten übernehmen auch traditionell linke Anlässe, wie zum Beispiel den 1. Mai, für ihre Zwecke. "So soll die Attraktivität für Jugendliche gesteigert werden", sagt Röpke.

Für die Neonazis, die sich mit den Linken auf stilistischer Ebene treffen, hat der Imagewandel Effekte, die den Nazis nur recht sein dürften: Informell verwoben, radikal und durchaus hierarchisch strukturiert seien die Freien Nationalisten, sagt Röpke. "Aber für die Verfolgungsbehörden weniger greifbar." Wo es keinen Vorsitzenden gibt, keine dokumentierte Struktur, gibt es wenig zu verbieten und wenig zu zerschlagen. "Neonazis wie Christian Worch und Thomas Wulff haben diese scheinbar führerlos agierenden Kleinstzellen entworfen."

Insbesondere in ländlichen Gebieten sind die Freien Nationalisten stark. "Dort ist die Hemmschwelle für Jugendliche niedriger, die Kameradschaften geben sich militanter und sind attraktiver", sagt Röpke. Die jungen Nazis arbeiten im vorpolitischen Raum mit direkter Auswirkung auf Wahlen. Röpke erinnert an den vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow I, in dem die NPD 15 Prozent bei der Landtagswahl 2006 erhielt. "Dort gibt es aber kaum NPD-Strukturen", sagt Röpke. "Die Funktionäre gehören alle zum Führungsfeld der Freien Nationalisten."

Auch in Bayern versuchen die neu ausgerichteten Braunen Fuß zu fassen. Das "Freie Netz Süd" rekrutiert sich laut Röpke vor allem aus Funktionären der verbotenen Kameradschaftsstruktur "Fränkische Aktions-Front".

Dementsprechend selbstbewusst treten die Freien Nationalisten mittlerweile auf. Zahlreiche Internetseiten von Orts-, Landes- und bundesweit organisierten Gruppen sind aktuell und gut gepflegt. Online werden Seilschaften geknüpft und lockere Abendveranstaltungen für Interessierte angeboten: Sonnwendfeiern und Orientierungsmärsche zum Beispiel. Dort wird das Angebot zur Freizeitgestaltung dann vertieft: "Der Schwerpunkt (...) liegt eindeutig auf dem Kampf um die Straße und dem Kampf um die Köpfe", heißt es auf einem einschlägigen Internetportal. Der Satz könnte auch bei der Antifa stehen.

Die frappierende Übereinstimmung ist nicht länger nur hinsichtlich der Klamotten-Wahl bemerkenswert. Wer entsprechende Demos aufmerksam beobachtet, muss die Frage stellen, inwieweit dort zusammenwächst, was vielleicht tatsächlich zusammengehört. So absurd es zunächst klingt: die politischen Extreme haben inhaltlich einiges gemeinsam, und zwar nicht nur untereinander, sondern auch mit radikalen Islamisten.

Wenn etwa fanatische Muslime unter der Regie von Islamisten am iranischen Al-Quds-Feiertag durch Berlin marschieren und Jahr für Jahr Antisemitismus und antiwestlichen Hass verbreiten, gesellen sich nicht nur linke Israelfeinde, sondern immer öfter auch rechtsradikale Judenhasser unter die arabischstämmigen Großfamilien und ihre Einpeitscher.

Die Radikalen beider Enden des politischen Spektrums sind außerdem miteinander und mit den Islamisten verbunden im festen Glauben, ein repressives System fordern zu müssen. Sie können sich jederzeit bei aller gegenseitigen Ablehnung in ihrem Hass auf Israel einigen und alle drei Gruppierungen lehnen Kapitalismus und Globalisierung ab. Darüberhinaus sehen radikale Rechte, Linke und Islamisten Gewalt als notwendiges Mittel zum Umsturz.

Trotz aller Gemeinsamkeit gibt es auch Unterschiede. Nie würde eine der beiden Seiten zu einer Zusammenarbeit bereit sein. Dazu liegt der Hass zu tief. Auch auf theoretischer Ebene tobt eine Auseinandersetzung, in deren Mitte der Begriff "Sozialismus" steht. Für beide Seiten verbirgt sich dahinter das ideale System. Und doch träumen Rechts- wie Linksradikale von ganz unterschiedlichen Welten.

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