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Verfassungsschutz und der NSU:Bouffier verbietet persönlich die Vernehmung

Aufsehen erregten alte Abschriften aus Hitlers "Mein Kampf" und weiteres Material über den Nationalsozialismus, das sich in der alten Wohnung fand. Ein Nachbar behauptete, T. habe in seiner Jugend den Spitznamen "Klein-Adolf" gehabt. Für manche sah es nun so aus, als sei Andreas T. ein Neonazi. Das ist er aber nicht.

Während der Schulzeit gab es eine Phase, in der Andreas T. rechte Sprüche geklopft haben soll. Das bereut er. Er hätte damals weiter abdriften können, die Zeit des Nationalsozialismus faszinierte ihn. Aber er hat sich rasch gefangen. Der Name "Klein-Adolf" ist für ihn eine Denunziation.

Seine Familie hat darunter und unter dem Mordverdacht lange gelitten. Mittlerweile arbeitet Andreas T. in einer anderen, unverfänglichen Behörde, seine Frau hat ihm das Chatten im Flirtforum verziehen. Sie leben in einem schönen Haus mit Holzbalken im Wohnzimmer. Wenn seine Frau auf der Terrasse raucht, schaut sie auf einen Apfelbaum. An der Wand hängt ein kleines Thermometer mit "Biene Maja"-Motiv. Das Ehepaar T. hat sich von der schweren Zeit erholen können.

Beide können sich aber noch immer aufregen darüber, wie sehr die Polizei sie in die Mangel genommen hat und wie der Verdacht plötzlich in den Medien stand. Als die NSU-Zelle Ende vergangenen Jahres aufflog, ging alles von vorne los, die Familie musste vor der Presse fliehen.

Nazi-Milieu beflügelt die Fantasien

T.s Frau flüchtet sich jetzt manchmal in schwarzen Humor: Es hätte nur noch gefehlt, sagt sie, dass ihr Mann beim Chatten im Flirtforum zufällig an Beate Zschäpe geraten wäre. Zschäpe, das NSU-Mitglied.

Als Verfassungsschützer bewegte sich Andreas T. in einem Milieu, das bei vielen, die sich mit Zschäpe und dem NSU beschäftigen, reichlich Phantasie freisetzt. Beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz hatte T. vor allem mit Islamisten zu tun, er führte aber auch einen V-Mann aus der Neonazi-Szene, ein ziemlich kleines Licht.

Mit ihm hat er am Tag des Kasseler Mordes telefoniert, recht kurze Zeit vor der Tat. Es ging offenbar mal wieder nur ums Geld - wie so oft bei V-Leuten, die sich für Verrat bezahlen lassen. Doch die Ermittler waren erst einmal alarmiert, als sie die Telefondaten recherchiert hatten. Sie wollten nun alle V-Leute des Verfassungsschützers als Zeugen vernehmen.

"Von Beginn an kein Interesse an sachfördernder Kooperation"

Jetzt ging der Ärger erst richtig los, denn der Geheimdienst stellte sich quer. Er wollte seine Quellen unbedingt schützen. Die Beziehungen zwischen den Behörden wurden immer frostiger. Die Staatsanwaltschaft verwies auf die bundesweite Bedeutung der Mordserie. Das hat den Geheimdienst wenig beeindruckt. Ein Polizist beklagte sich intern, die Verfassungsschützer hätten "von Beginn an kein Interesse an sachfördernder Kooperation" gehabt. Angeblich soll sogar die Äußerung gefallen sein, man habe es "hier doch nur mit einem Tötungsdelikt zu tun".

Am Ende griff der damalige Innenminister Bouffier ein. Er untersagte es der Polizei, die V-Leute selbst zu vernehmen. Das "Wohl des Landes Hessen" sei gefährdet. Befürchtet wurde, dass die Polizei die Spitzel enttarnt und der Geheimdienst dann alle seine Quellen verliert. Die Landesregierung hält diese Argumentation bis heute für richtig. Die SPD findet es dagegen "unerklärlich", dass sich Bouffier "ganz und gar auf die Seite des Verfassungsschutzes geschlagen" habe.