Verfassungsschutz und der NSU:Als Andreas T. chattete und die Nazis mordeten

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Andreas T. war am Tatort, als die Terroristen vom NSU den Besitzer eines Internetcafés ermordeten. Der Verdacht gegen den Verfassungsschützer erhärtete sich nicht - doch die Episode zeigt, wie der Geheimdienst die Polizei ausbremste und der hessische Ministerpräsident das ganze Land in Gefahr sah.

Tanjev Schultz, Kassel

Wenn der Verfassungsschützer Andreas T. telefonierte, hat die Polizei aufmerksam mitgehört. Sie wühlte in seinem Leben, überwachte seinen privaten Anschluss, seine Mobiltelefone. Sie hat mitbekommen, wie er Freunden von der Geburt seines Sohnes erzählte. Und sie hat erfahren, wie Kollegen und Vorgesetzte mit Andreas T. über den Stand der Ermittlungen sprachen. Ermittlungen wegen Mordes.

Opposition sieht Behörden-Versagen bei Kasseler Neonazi-Mord

Zur falschen Zeit am falschen Ort: Als 2006 in diesem Kassler Internetcafé Halit Yozgat ermordet wurde, saß ein Verfassungsschützer in dem Laden.

(Foto: dpa)

Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel erschossen; er war bereits das neunte Opfer in einer Mordserie, die der Polizei jahrelang ein Rätsel blieb. Die Neonazis des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) waren die Killer, aber das wusste man damals noch nicht.

Verdächtig erschien den Kommissaren in Kassel vor allem der Verfassungsschützer Andreas T., Deckname "Alexander Thomsen". Zur Tatzeit hatte er in dem Internetcafé gesessen und als "wildman70" in einem Flirtforum gechattet, während seine Frau hochschwanger zu Hause saß. T. war Stammkunde in dem Laden. Als einziger Zeuge hatte er sich nicht selbst bei der Polizei gemeldet. Viele Ermittler glauben, T. müsse zumindest etwas vom Mord gehört oder gesehen haben. Er bestreitet das beharrlich.

Beschuldigt im Mordfall, Plaudereien mit dem Verfassungsschutz

Das Verfahren gegen T. wurde eingestellt, der Verdacht, dass er an dem Mord beteiligt war, hat sich nicht bestätigt. Andreas T. war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Dennoch beschäftigt sein Fall nächste Woche den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag. Die damaligen Ermittlungen zeigen exemplarisch, wie Verfassungsschutz und Polizei aneinandergeraten können. Kritik muss sich deshalb auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gefallen lassen, der damals Innenminister war. Ende des Monats soll er im Ausschuss aussagen.

Die Ermittler waren sauer: Andreas T. ist ein Beschuldigter, dennoch plaudern Verfassungsschützer mit ihm! Eine Vorgesetzte ruft den vom Dienst freigestellten Mitarbeiter an, um ein Treffen auf einem Autobahn-Rasthof zu vereinbaren. Die Polizei beschattet die beiden. T. trägt ein schwarzes T-Shirt, seine Vorgesetzte eine bunte Bluse, viel mehr ergibt die Observation nicht. Die Kommissare erforschen und rekonstruieren das Leben von T. bis in alle Details. Sie versuchen sogar, eine verdeckte Ermittlerin auf ihn anzusetzen. Sie soll mit ihm im Internet flirten und ihn aushorchen. Sie hat allerdings keinen Erfolg.

Polizei wollte den Verfassungsschutz mit eigenen Waffen schlagen

Man kann der Polizei nicht vorwerfen, dass sie eine Beißhemmung gegen den Beamten hatte, im Gegenteil. Die Polizei hat sogar versucht, den Verfassungsschutz mit dessen eigenen Waffen zu schlagen.

Andreas T. ist ein stiller, kontrollierter Typ. Zum Glück für die Ermittler hat er Tagebuch geschrieben und auch seine Terminkalender akribisch geführt. "Abends Wäsche gebügelt", "zu Hause ein paar alte Umzugskartons übernommen" - die Kommissare blicken in ein gar nicht mal so wildes Leben. Für einige Tattage in der Mordserie hat T. gute Alibis. Auch die Bundesanwaltschaft, die den Fall nach Auffliegen des NSU erneut geprüft hat, hält den Verdacht gegen Andreas T. für ausgeräumt.

In Medienberichten sah das manchmal anders aus, weil längst geklärte Indizien noch einmal raunend ausgebreitet wurden. Die Polizei hatte bei T. mehrere Schusswaffen gefunden, er besaß einen Waffenschein und war Mitglied in einem Schützenverein. Eine Verbindung zur Mordwaffe, der Ceska 83, gibt es nicht. In einer Art Jugendzimmer im Haus der Eltern entdeckten die Ermittler ein bekanntes Buch über Serienmorde. Es steht auch bei vielen Polizisten im Regal.

Bouffier verbietet persönlich die Vernehmung

Aufsehen erregten alte Abschriften aus Hitlers "Mein Kampf" und weiteres Material über den Nationalsozialismus, das sich in der alten Wohnung fand. Ein Nachbar behauptete, T. habe in seiner Jugend den Spitznamen "Klein-Adolf" gehabt. Für manche sah es nun so aus, als sei Andreas T. ein Neonazi. Das ist er aber nicht.

Während der Schulzeit gab es eine Phase, in der Andreas T. rechte Sprüche geklopft haben soll. Das bereut er. Er hätte damals weiter abdriften können, die Zeit des Nationalsozialismus faszinierte ihn. Aber er hat sich rasch gefangen. Der Name "Klein-Adolf" ist für ihn eine Denunziation.

Seine Familie hat darunter und unter dem Mordverdacht lange gelitten. Mittlerweile arbeitet Andreas T. in einer anderen, unverfänglichen Behörde, seine Frau hat ihm das Chatten im Flirtforum verziehen. Sie leben in einem schönen Haus mit Holzbalken im Wohnzimmer. Wenn seine Frau auf der Terrasse raucht, schaut sie auf einen Apfelbaum. An der Wand hängt ein kleines Thermometer mit "Biene Maja"-Motiv. Das Ehepaar T. hat sich von der schweren Zeit erholen können.

Beide können sich aber noch immer aufregen darüber, wie sehr die Polizei sie in die Mangel genommen hat und wie der Verdacht plötzlich in den Medien stand. Als die NSU-Zelle Ende vergangenen Jahres aufflog, ging alles von vorne los, die Familie musste vor der Presse fliehen.

Nazi-Milieu beflügelt die Fantasien

T.s Frau flüchtet sich jetzt manchmal in schwarzen Humor: Es hätte nur noch gefehlt, sagt sie, dass ihr Mann beim Chatten im Flirtforum zufällig an Beate Zschäpe geraten wäre. Zschäpe, das NSU-Mitglied.

Als Verfassungsschützer bewegte sich Andreas T. in einem Milieu, das bei vielen, die sich mit Zschäpe und dem NSU beschäftigen, reichlich Phantasie freisetzt. Beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz hatte T. vor allem mit Islamisten zu tun, er führte aber auch einen V-Mann aus der Neonazi-Szene, ein ziemlich kleines Licht.

Mit ihm hat er am Tag des Kasseler Mordes telefoniert, recht kurze Zeit vor der Tat. Es ging offenbar mal wieder nur ums Geld - wie so oft bei V-Leuten, die sich für Verrat bezahlen lassen. Doch die Ermittler waren erst einmal alarmiert, als sie die Telefondaten recherchiert hatten. Sie wollten nun alle V-Leute des Verfassungsschützers als Zeugen vernehmen.

"Von Beginn an kein Interesse an sachfördernder Kooperation"

Jetzt ging der Ärger erst richtig los, denn der Geheimdienst stellte sich quer. Er wollte seine Quellen unbedingt schützen. Die Beziehungen zwischen den Behörden wurden immer frostiger. Die Staatsanwaltschaft verwies auf die bundesweite Bedeutung der Mordserie. Das hat den Geheimdienst wenig beeindruckt. Ein Polizist beklagte sich intern, die Verfassungsschützer hätten "von Beginn an kein Interesse an sachfördernder Kooperation" gehabt. Angeblich soll sogar die Äußerung gefallen sein, man habe es "hier doch nur mit einem Tötungsdelikt zu tun".

Am Ende griff der damalige Innenminister Bouffier ein. Er untersagte es der Polizei, die V-Leute selbst zu vernehmen. Das "Wohl des Landes Hessen" sei gefährdet. Befürchtet wurde, dass die Polizei die Spitzel enttarnt und der Geheimdienst dann alle seine Quellen verliert. Die Landesregierung hält diese Argumentation bis heute für richtig. Die SPD findet es dagegen "unerklärlich", dass sich Bouffier "ganz und gar auf die Seite des Verfassungsschutzes geschlagen" habe.

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