RAF: Verena Becker vor Gericht Die DNS des Terrors

Verrät Speichel an 30 Jahre alten Kuverts die Mörder von Siegfried Buback? Mit moderner Analysetechnik versuchen Ermittler, die RAF-Taten aufzuklären. Der Fall Becker zeigt Möglichkeiten und Grenzen der neuen Spurensuche.

Von Hans Leyendecker

Im April 1998 verkündete die RAF auf acht Seiten ihre Kapitulation, aber auch nach der Selbstauflösung der Mordbande war das Fiasko der Fahnder unübersehbar. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit Mitte der achtziger Jahre wurde keiner der fünf Anschläge mit insgesamt sechs Toten aufgeklärt.

Der Tatort:  Am 7. April 1977 erschoss die RAF in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Ein neuer Prozess gegen Verena Becker soll jetzt klären, inwieweit sie an dem Anschlag beteiligt war.

(Foto: dpa)

Wer erschoss am 1. Februar Ernst Zimmermann, den Chef von MTU? Wer steckt hinter dem Mord an Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und dessen Fahrer Eckhard Groppler im Juli 1986? Wer erschoss drei Monate später den Bonner Diplomaten Gerold von Braunmühl? Wer bastelte die teuflische Bombe, die am 30. November 1989 Alfred Herrhausen, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, tötete? Wer gehörte zu dem Mordkommando, das am 1. April 1991 Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder erschoss? Die Fahnder wissen es nicht. Auch konnte bis heute nicht geklärt werden, welcher der Desperados 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer erschossen hat - und auch der Mordschütze im Fall Buback ist nicht bekannt.

Merkwürdigerweise können in diesen Fällen die Ermittler etwas Hoffnung auf den Faktor Zeit setzen. Vielleicht haben manche der Täter doch noch etwas zu sagen, bevor sie sterben. Späte Reue hat es immer wieder gegeben und Erinnerung kann auch für sehr robuste Täter eines Tages zur Bürde werden. Mehr Hoffnung allerdings können die Ermittler auf Aufklärung durch den technischen Fortschritt setzen. Neuartige DNS-Analysen bringen manchmal zu Tage, was früher nicht festgestellt werden konnte.

Der Fall der Verena Becker zum Beispiel steht für die Möglichkeiten und die Grenzen dieser Entwicklung. Am 9.April 2008 leitete der Generalbundesanwalt das Ermittlungsverfahren gegen die frühere RAF-Terroristin wegen des Anschlags auf Buback und dessen Begleiter ein, nachdem durch neue Untersuchungen neue Spuren entdeckt worden waren. Zu den vielen Asservaten im Fall Buback gehörten auch die Umschläge der Briefe, mit denen die RAF sich am 13.April 1977 zu dem Anschlag bekannt hatte und die an diverse Medien geschickt worden waren.

Diesmal konnten an drei Briefumschlägen Speichelspuren von Verena Becker festgestellt werden. Becker hatte demnach die in Duisburg und Düsseldorf aufgegebenen Bekennerschreiben in der Hand gehabt, die Laschen angeleckt und die Briefmarken auf die Kuverts geklebt. In zwei weiteren Fällen konnte zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass sie auch diese Briefe in der Hand hatte.

Diese Entdeckung, die mit den alten Ermittlungsmethoden nicht möglich gewesen war, ließ zwar keinesfalls den Rückschluss zu, dass sie auch bei der Tat dabei war. Aber dieses DNS-Gutachten mit den neu entdeckten molekulkargenetischen Spuren war ein wichtiges Indiz für die These, dass sie damals in die RAF-Maschinerie für den Anschlag eingebunden und zumindest nach dem Attentat aktiv dabei war.

Noch einmal wurden dann auch DNA-Mischspuren untersucht, die damals an einem Motorradhandschuh, einem Motorradhelm und einer Motorradjacke gefunden worden waren. Das Tatfahrzeug war eine Suzuki 750 GS gewesen, die kurz nach dem Mordanschlag gefunden wurde. Diese Mischspuren stammten definitiv nicht von Verena Becker. Zumindest eine der Spuren war aber so gut wie verbraucht.

Durch die vielen Untersuchungen der vergangenen Jahre mit immer neuen Methoden sind die verwendbaren Beweisstücke rar geworden. Auch wenn heutzutage ein Tausendstel Millimeter zur Bestimmung eines DNS-Profils reichen kann, so sind einige Beweismittel mittlerweile schlicht verbraucht.

Ein paar Erfolge können die Ermittler dennoch verbuchen. So wurde im Frühjahr 2001 durch eine neuartige Methode festgestellt, dass der Terrorist Wolfgang Grams zehn Jahre zuvor beim Attentat auf Detlev Karsten Rohwedder beteiligt war. Haare in einem am Tatort zurückgelassenen Frottee-Handtuch stammten von Grams, der allerdings nicht mehr vernommen werden konnte: Er war 1993 in Bad Kleinen ums Leben gekommen. Und Münchner Forensiker versuchen derzeit, ein Detail der Ermordung von Hanns Martin Schleyer aufzuklären. Mit Hilfe des Sakkos von Schleyer versuchen sie herauszufinden, wer im Oktober 1977 den gefesselten Chefmanager zu dem Auto geführt hatte, in dem er dann erschossen wurde.

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