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Vereitelte Anschläge in Berlin:Polizei entdeckt Rohrbomben bei Demo zum 1. Mai

Die Berliner Polizei ist offenbar mehreren Sprengstoffanschlägen entgangen. Bei der sogenannten Revolutionären 1. Mai-Demo, die von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet wurde, fanden Beamte mindestens drei nicht gezündete Rohrbomben. Haben die Täter im letzten Moment Skrupel bekommen?

Die Tage rund um den 1. Mai in Berlin galten als so friedlich wie lange nicht mehr - nachträglich betrachtet könnte dies viel mit Glück zu tun haben: Bei der sogenannten Revolutionären 1. Mai-Demo vor rund einer Woche haben Beamte mindestens drei nicht gezündete, hochgefährliche Rohrbomben gefunden, teilte die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses mit. Hinweise auf die Täter gibt es demnach noch nicht.

1. Mai in Berlin

1. Mai in Berlin: Polizisten stehen nahe dem jüdischen Museum. Entlang der Strecke der Demonstration wurden gefährliche Rohrbomben gefunden.

(Foto: dapd)

Innensenator Frank Henkel (CDU) sprach von einer neuen "Stufe des Hasses", sollten sich die Bomben als funktionstüchtig erweisen. Schon vor dem 1. Mai hatten Linksradikale mit den "Insurrection Days" (Tage des Aufstands) zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen.

Die Metallröhren mit Zündlunten hätten an mehreren Stellen entlang der Demoroute in Kreuzberg auf dem Boden gelegen, berichtete Koppers. Nach der Entdeckung seien sie zunächst auf eine Polizeistation gebracht worden. Warum die Brisanz so spät bemerkt worden war, ist unklar. Ein Polizist will weitere ähnliche Gegenstände auf der Straße gesehen haben, die aber Teilnehmer des Zuges mit mehr als 10.000 Menschen unabsichtlich weggetreten hätten. Die Polizei warnte mögliche Finder davor, die Röhren zu zünden, zu öffnen oder zu bewegen. "Es besteht Lebensgefahr", hieß es. Die Polizei würde die Objekte abholen.

Hochgefährliches Gemisch

"Wir müssen auch bei künftigen Einsätzen darauf vorbereitet sein, dass es Menschen gibt, die einen blinden Hass in sich tragen", sagte Koppers. Ob die mutmaßlichen Täter im letzten Moment Skrupel bekommen hätten oder ob die Bomben defekt waren, sei noch unklar.

Nach einer ersten Einschätzung gilt das selbsthergestellte explosive Chlorat-Zuckergemisch als hochgefährlich. Bei einer Zündung hätte es demnach in einem Umkreis von 15 bis 20 Metern etliche Schwerverletzte gegeben. Unklar ist noch, ob auch Splittermaterial in den Röhren enthalten ist.

Experten des Landeskriminalamtes prüfen im Moment, ob die 2,5 mal 40 Zentimeter großen Alu-Sprengkörper zündfähig waren. Um das genaue Ausmaß einer Explosion beurteilen zu können, sollen die Bomben nachgebaut und getestet werden.

Der Zug war von einem Polizeigroßaufgebot begleitet worden. Ob nur die Beamten Ziel eines Anschlags werden sollten, ist offen. Auch für unbeteiligte Demonstranten hätten die Bomben laut Polizei eine große Gefahr dargestellt; eine Massenpanik wäre die Folge gewesen. "Sollten sich Befürchtungen bestätigen, dass diese Bomben hochgefährlich waren, dann müssten wir von einer neuen Stufe des Hasses sprechen", sagte Innensenator Henkel. "Die Täter hätten es dann auf die Gefährdung von Menschenleben abgesehen und eine möglicherweise fatale Panik in Kauf genommen."

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, verurteilte den Anschlagversuch als "schockierendes Alarmsignal" für die Gewaltbereitschaft politischer Straftäter. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach nannte die Anschläge "klassisches Vorgehen von Terroristen". Er plädierte dafür, das Bundeskriminalamt einzuschalten, um die Ermittlungen breiter aufzustellen.

Bei der Revolutionären 1. Mai-Demonstration war die Gewalt vor dem Jüdischen Museum eskaliert, als Störer Steine, Flaschen und Böller auf Beamte geworfen hatten. Bei der Auseinandersetzung mit meist vermummten Zugteilnehmern waren 81 Polizisten verletzt worden.

Weiterer Brandanschlag am Samstag

Sorge bereitet der Polizei auch der Brandanschlag auf eine Streife mit zwei Beamten. Am vergangenen Samstag hatten mehrere Unbekannte gegen 22.00 Uhr ein Polizeiauto attackiert, das vom Tatort eines Raubüberfalls kam. Die Angreifer zerstörten an einer Ampel die Heckscheibe. Ein Täter riss die Tür auf und warf bengalisches Feuer ins Wageninnere. Der Rücksitz ging in Flammen auf. Zudem flog ein Brandsatz auf das Fahrzeug. Die Beamten erlitten einen Schock und konnten ihren Dienst nicht fortsetzen. Anhaltspunkte auf die Täter gebe es noch nicht.

Die Polizei sprach zunächst von einer "neuen Qualität der Gewalt". Sprecher Stefan Redlich sagte: "Solche Taten sind äußerst selten, kommen aber immer wieder vor." Bereits im vergangenen Jahr hatte ein Brandanschlag auf eine Polizeistation in Berlin für Furore gesorgt. Innensenator Henkel verurteilte den Anschlag als "heimtückische und skrupellose Tat". Er frage sich, "wie hasserfüllt einige sein müssen, um so einen feigen Überfall zu begehen?" Die Täter hätten es gezielt auf Gesundheit und Leben von Menschen abgesehen.

Erst am Freitag hatte der Berliner Verfassungsschutz einen Bericht veröffentlicht, demzufolge sich die linksextremistische Szene am "Scheideweg" befinde. Zwar seien die Teilnehmerzahlen bei den Demonstrationen rund um den 1. Mai gestiegen, die Gewaltausbrüche seien aber zurückgegangen. Auch finde die Szene keine neuen Mitstreiter für den militanten Kampf gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung, so die Autoren.

© dpa/dapd/grc/feli

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