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Vereinigtes Königreich:Es steht ein epischer Streit bevor

Am Ende wird Großbritannien seinen wichtigsten Handelspartner verlassen und in jeder Hinsicht geschwächt dastehen. In Binnenmarkt und Zollunion zu bleiben, wäre wohl wirtschaftlich vernünftig, es hieße jedoch, sich Regularien zu unterwerfen, auf die man keinen Einfluss mehr hätte. Da wäre es besser gewesen, gleich in der EU zu bleiben. Die Regierung müsste nun also einen Plan entwickeln, der politisch vermittelbar ist und wirtschaftlich möglichst wenig Nachteile bringt. Es geht dabei nur noch um Schadensbegrenzung, und dennoch laufen in Westminster Politiker herum, die bis zur Halskrause voll von Selbstgefälligkeit trompeten, wenn die EU nicht spure, werde sie schon sehen, was sie davon habe.

Die EU sieht sich einer Regierung gegenüber, die nicht weiß, welchen Brexit sie will, und die von einer weltfremden Politikerin geführt wird, deren Tage gezählt sind. Sie sieht sich einer Partei gegenüber, in der alte Gräben aufreißen: Die moderateren Tories schöpfen gerade die Hoffnung, den Austritt doch sanfter gestalten zu können. Doch haben die Hardliner unter den Konservativen, darunter nicht wenige ideologisch verbohrte Betonköpfe, bereits mit einem Aufstand gedroht. Es steht ein epischer Streit bevor, der die Regierung lähmen wird.

Der EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat gesagt, er erwarte, dass die Briten jetzt endlich ihre Position klarer umreißen, er könne schließlich nicht mit sich selbst verhandeln. Die Pointe an dieser Aussage ist, dass es für die Briten tatsächlich das Beste wäre, wenn Barnier mit sich selbst verhandelte. Dann wüssten sie nämlich einen Vertreter auf ihrer Seite, der das Ausmaß der Aufgabe überblickt und in der Lage ist, einen Deal zu finden, der fair für beide Seiten ist. Einen Verhandler dieses Formats haben sie nicht in ihren Reihen.

Ganz abgesehen von den Modalitäten des Austritts, haben sich Debatte und Abstimmung über den Brexit als Gift erwiesen, dessen Wirkung nun zu spüren ist. Die Spaltung in der Gesellschaft ist so groß wie seit dem Englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert nicht mehr. Das hat die Parlamentswahl erneut gezeigt, in der gut 80 Prozent der Stimmen auf die großen Parteien entfielen. Keine dieser Parteien bot ein Programm der Mitte an, die Wahl bestand zwischen hart rechts und hart links. Die politische Mitte ist verwaist, was nie ein gutes Zeichen ist. In einem Land wie Großbritannien, das so lange als pragmatisch und vernunftbegabt galt, ist das Grund zur Beunruhigung. Es läuft gerade etwas gewaltig aus dem Ruder.

Nach dem Verlust des Empires hatte sich das Vereinigte Königreich auf die Suche nach einem neuen Platz in der Welt begeben. Es fand ihn schließlich als starker, unbequemer und einflussreicher Teil eines größeren Verbundes: als Teil der EU. Diesen Platz hat es ohne Not aufgegeben. Die Folge ist, wie nun offenbar wird, eine veritable Identitätskrise, von der sich das Land lange nicht erholen wird.

© SZ vom 17.06.2017/fued
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