Vereinigte Staaten und Ägypten "Zur Hölle mit der US-Hilfe!"

Die amerikanisch-ägyptischen Beziehungen seien "in größtem Aufruhr", sagt Außenminister Nabil Fahmi. Grund: Amerika will die Finanz- und Militärhilfen für Ägypten kürzen. Doch was als Druckmittel gedacht ist, verfehlt seine Wirkung.

Von Sonja Zekri, Kairo

Es ist wie verhext, selbst beim Fußball haben die Ägypter kein Glück. 6:1 kegelte Ghana das Team aus Kairo am Dienstag vom Platz. Kaum noch Hoffnung auf die WM, keine Hoffnung auf nationale Einigkeit im fußballverrückten Ägypten: Die Muslimbrüder hatten Ghana angefeuert, aus Protest gegen den Sturz ihres Präsidenten Mohammed Mursi. "Wie tief kann man sinken", seufzte der Blogger Sandmonkey.

Auch geopolitisch war das Spiel eine vertane Chance: Ägyptens Trainer Bob Bradley stammt aus New Jersey, er hat in Ägypten Aufruhr, Fußball-Krawalle, die Suspendierung der Liga und die Verdächtigungen auf sich genommen. Er war der populärste Amerikaner in einer Zeit, in der die Ägypter Washington alles mögliche vorwerfen von Re-Installierungsplänen für Mursi bis zur neokolonialen Teilung des Nahen Ostens. Man stelle sich vor, Bradley hätte die Mannschaft nach Brasilien zur WM geführt: Keinen Ägypter hätte dies kalt gelassen. So aber gab Außenminister Nabil Fahmi zu, die amerikanisch-ägyptischen Beziehungen seien "in größtem Aufruhr". Amerika will die Finanz- und Militärhilfen für Ägypten kürzen. 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe bekommt Ägypten pro Jahr. Nun sollen F16-Bomber oder Apache-Helikopter erst einmal nicht geliefert werden.

Ägypten ist derzeit leicht zu kränken

Die Reaktion in Ägypten: Nur zu! "Zur Hölle mit der US-Hilfe", schimpfte die unabhängige Zeitung Tahrir. Außenminister Fahmi erklärte, Ägypten habe sich viel zu lange einseitig an amerikanischen Wünschen orientiert. Ein Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF), über Jahre mühsam verhandelt, scheint inzwischen ebenfalls nicht mehr so nötig. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten sind mit Milliarden-Versprechen eingesprungen. Da ist es plötzlich nicht mehr so nötig, dass der IWF-Kredit mit Reformauflagen als eine Art Gütesiegel den Weg für westliche Geldgeber ebnen würde. Zumal die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton noch immer eine Einigung mit den Muslimbrüdern fordert, was viele Ägypter als Zumutung empfinden.

Ägypten ist derzeit leicht kränkbar, ob aus falschem Größenwahn oder aus Angst, ist schwer zu sagen. Ganz sicher aber hat die Rücksichtnahme der Machthaber auf internationale Befindlichkeiten abgenommen. Nachdem vor wenigen Wochen ein Franzose in Kairo in Haft totgeschlagen worden war - von seinen Zellengenossen, wie es offiziell heißt -, starb unlängst ein Amerikaner unter obskuren Umständen.

James Henry Lunn, 66, war Ende August in der Stadt Scheich Suwaid auf dem Sinai aufgegriffen worden. Eine Autobombe war explodiert, die Sicherheitskräfte verhafteten Verdächtige. Lunn habe Spezialtechnik und eine Karte Ägyptens bei sich getragen, so ein Sprecher des ägyptischen Außenministeriums. Er wurde nach Ismailia am Suezkanal gebracht, wo er sich, so heißt es offiziell, mit Schnürbändern und Gürtel im Bad erhängte. Er war der zweite Ausländer, der seit Mursis Sturz in Haft starb - zuvor eine Seltenheit in Ägypten.

Günstiger ging es aus für einen Briten, der sich verdächtig machte, weil er "Polizeikleidung" besessen haben soll, nämlich eine schwarze Jacke und eine schwarze Hose sowie Stiefel und zwei Handys. Und auch zwei Kanadier, der Filmemacher John Greyson und der Arzt Tarek Loubani, überlebten die Kerker: Sie waren auf dem Weg nach Gaza, Loubani wollte medizinische Kurse geben, Greyson filmen, als sie in Kairo in die Unruhen gerieten und festgenommen wurden. 50 Tage wurden sie festgehalten, geschlagen, gedemütigt. Vor wenigen Tagen durften sie schließlich das Land verlassen.