Verdächtige im Fall Skripal Zwei Agenten mit Parfumflakon

11 000 Stunden Videomaterial sollen britische Polizisten gesichtet haben: Die Aufnahmen von Überwachungskameras sollen die beiden Männer in Salisbury zeigen.

(Foto: AP)
  • Die britischen Behörden fahnden im Fall Skripal nach zwei russischen Militärgeheimdienst-Mitarbeitern.
  • Die britische Premierministerin May wirft ihnen vor, in einem "unerträglichen und abscheulichen Akt" das Nervengift Nowitschok benutzt zu haben.
  • Die britische Polizei legt zahlreiche Beweisfotos vor, auf denen die Verdächtigen unter anderem beim Haus der Skripals zu sehen sind.
Von Cathrin Kahlweit, London

Die britische Polizei hatte offenbar bereits im Juli die mutmaßlichen Attentäter identifiziert, die im März in Salisbury den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter mit dem Nervengift Nowitschok schwer verletzt hatten. Nun, sechs Wochen und zahlreiche Ermittlungsschritte später, wurden Namen und Fotos der beiden Männer veröffentlicht, die mittlerweile per europäischem Haftbefehl gesucht werden: Es sind nach Angaben von Scotland Yard zwei russische Staatsbürger, die unter den Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow mit entsprechenden Pässen nach Großbritannien ein- und nach Salisbury weitergereist waren.

Premierministerin Theresa May berichtete am Mittwoch im Parlament, die beiden Männer seien als Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU identifiziert worden. In einem "unerträglichen und abscheulichen Akt", so May, sei das Nervengift Nowitschok benutzt worden, "um Großbritannien anzugreifen".

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Sie habe im März zugesichert, alle Beweise für die Vermutung vorzulegen, die auf den Kreml als Auftraggeber der Tat hinwiesen, allerdings habe man der Polizei Zeit lassen müssen, diese nach den Regeln des Rechtsstaats zu sammeln. Dies sei nun geschehen; 250 Polizisten hätten mehr als 11 000 Stunden lang die Aufnahmen von Überwachungskameras geprüft und mehr als 1400 Zeugenaussagen eingeholt. Die britische Polizei legte am Mittwoch zahlreiche Beweisfotos vor, auf denen die beiden auf der Fahrt nach Salisbury und in der Nähe des Hauses der Skripals zu sehen sind.

Nach Angaben der Antiterrorpolizei waren Petrow und Boschirow mit einer Aeroflot-Maschine am 2. März nach London-Gatwick geflogen und haben sich zuerst in einem Londoner Hotel aufgehalten; in ihrem Hotelzimmer seien, heißt es, Spuren von Nowitschok gefunden worden. Dann seien sie zu einem Erkundungsbesuch in die südwestlich der Hauptstadt gelegene Stadt gefahren und am 4. März erneut nach Salisbury gereist, wo sie das Nervengift Nowitschok an der Haustür von Sergej Skripal appliziert hätten.

Der Kampfstoff Nowitschok soll sich in einer Parfumflasche befunden haben

Sie seien danach umgehend nach London zurückgefahren und ausgereist. Der Kampfstoff, der in der UdSSR entwickelt worden war und von dem russische Behörden behaupten, er sei zur Gänze vernichtet worden, soll sich in einer speziell präparierten Parfumflasche der Firma Nina Ricci befunden haben.

Monate später, als Sergej und Julia Skripal längst aus dem Krankenhaus in Salisbury entlassen und zur weiteren Erholung an einen unbekannten Ort gebracht worden waren, war dann ein Paar in der Kleinstadt versehentlich mit dem restlichen Gift in Kontakt gekommen. Charlie Rowley hatte die Flasche, welche die beiden mutmaßlichen Attentäter in einem Park entsorgt hatten, gefunden und seiner Lebensgefährtin Dawn Sturgess geschenkt, die ein bisschen von dem vermeintlichen Parfum auf ihre Haut sprühte; sie verstarb Tage später im Krankenhaus.

Rowley konnte nach einigen Tagen entlassen werden, wird aber derzeit wegen Meningitis behandelt. Haftbefehl gegen die beiden Russen wurde nun aber nur wegen des Mordversuchs an den Skripals sowie einem Polizeibeamten erlassen, der bei dem Bemühen, Vater und Tochter zu helfen, selbst vergiftet wurde.

Die Premierministerin betonte, es sei richtig gewesen, mit dem Finger auf den russischen Staat zu weisen. Nur er habe das Motiv, die Mittel und die Erfahrung, einen solchen Angriff auszuführen. London geht davon aus, dass der Kreml die Mordversuche als Racheakte in Auftrag gegeben hat, weil Skripal übergelaufen war.

Die britische Antiterrorpolizei habe die beiden Attentäter nun auch zweifelsfrei als Mitarbeiter des GRU identifiziert, so May, was ein Beleg dafür sei, dass die Aktion in Salisbury nicht - wie von Moskau behauptet - von internationalen Terroristen oder Gaunern begangen worden sei, sondern außerhalb des GRU auf einer oberen Ebene des russischen Staates genehmigt wurde.

In Moskau werden die neuen Schuldzuweisungen zurückgewiesen. Die Sprecherin des russischen Außenamtes, Maria Sacharowa, sagte: "Die Namen, die da in den Medien veröffentlicht wurden, sagen uns, wie die Fotos, gar nichts." London hat unterdessen für Donnerstag eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats zum Giftanschlag von Salisbury beantragt. Dies sagte die britische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Karen Pierce, am Mittwoch in New York.

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