Die Milizen ziehen zu Hunderten durch Dörfer im nordkenianischen Rift Valley. Mit Schlagstöcken bewaffnet fallen sie über Anhänger des amtierenden Präsidenten her und übergießen deren Häuser mit Benzin, um sie kurz danach anzuzünden. Sie plündern Farmen, verbrennen Felder und lassen ihrer Wut über den Ablauf der Präsidentschaftswahl freien Lauf. Zu den Gräueltaten angestachelt haben sie aber andere.

Heute sitzen die Männer, die die kenianischen Bevölkerungsgruppen nach der Präsidentschaftswahl im Jahr 2007 gegeneinander aufgehetzt haben, in Den Haag auf der Anklagebank. Sie sind vermutlich mit dafür verantwortlich, dass das Touristenland Kenia vor mehr als drei Jahren am Rand eines Bürgerkriegs stand. Die Vorwürfe des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) wiegen schwer: Den prominenten Politikern werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit angelastet - sie sollen massenweise Morde, Überfälle auf Dörfer, Vergewaltigungen und Vertreibungen organisiert und geschürt haben. Mehr als 1000 Menschen kamen nach den Präsidentschaftswahlen Ende 2007 ums Leben, Hunderttausende flohen aus dem ostafrikanischen Land. Zur Gerichtsverhandlung sind die sechs Angeklagten jedoch freiwillig angereist. Drei von ihnen haben bereits ihre Unschuld beteuert.
Der ehemalige Bildungsminister William Ruto, der als der Hauptdrahtzieher der Gräueltaten im Rift Valley gilt, erklärte am Donnerstag, die Vorwürfe hörten sich an, "wie in einem Film". "Für einen unschuldigen Mann wie mich ist das hier sehr irritierend" sagte Ruto, der sich im nächsten Jahr für das Präsidentenamt bewerben will. Dann wird er gegen seinen Mit-Angeklagten Uhuru Kenyatta antreten. Der stellvertretende Ministerpräsident und Sohn des legendären Staatsgründers Jomo Kenyatta gilt ebenfalls als wichtiger Bewerber bei den Wahlen im nächsten Jahr.
Auch Ex-Industrieminister Henry Kosgey und der Radio-Boss Joshua Sang, der seine Hörer zu Massakern aufgestachelt haben soll, versicherten am Donnerstag ihre Unschuld. Die anderen Angeklagten sind der frühere Polizeichef Mohammed Ali und Kabinettssekretär Francis Muthaura. Bei den Anhörungen prüfen die Richter, ob die Anschuldigungen und die Beweislage für Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausreichen.
Ausgelöst wurden die Unruhen durch die Präsidentschaftswahlen Ende 2007. Der Oppositionspolitiker Raila Odinga, der für Wandel in dem ostafrikanischen Land sorgen sollte, hatte während der Stimmenauszählung mit weitem Abstand vor dem Amtinhaber Mwai Kibaki gelegen. Doch als das Endergebnis verkündet wurde, war Odinga plötzlich mehr als 230.000 Stimmen im Rückstand. Der offensichtliche Wahlbetrug löste in Kenia große Unruhen aus, bis es unter Federführung des ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan zu einer Einigung kam: Kiwaki blieb Staatspräsident, während Odinga das Amt des Ministerpräsidenten bekam.
Die Verhandlung am Internationalen Strafgerichtshof spaltet nun die Politik in Kenia. Während die Regierung in Nairobi verkünden ließ, dass das Land nun auf Grund einer neuen Verfassung und juristischer Reformen, selbst zur juristischen Aufarbeitung in der Lage ist, glaubt eine Gruppe um Ministerpräsident Odinga an die Notwendigkeit des Verfahrens. Sie haben offenbar kein Vertrauen in die kenianische Justiz, die seit Jahren der Korruption verdächtigt wird.
Zudem ist es in Odingas Interesse, wenn es im Verfahren zu einem Prozess kommt. Dann sähe es für die Präsidentschaftsambitionen von Uhuru Kenyatta, dem Sohn des Staatsgründers, und Ex-Bildungsminister William Ruta, düster aus. Die Chancen von Raila Odinga, die Wahl 2010 für sich zu entscheiden, würden damit steigen. Bislang hat der Internationale Strafgerichtshof die Einstellung des Verfahrens abgelehnt.