Verbot von Studentenverbindungen Demokraten müssen Burschen ertragen

In der Öffentlichkeit stehen Burschenschaften für verstaubte Rituale, für Rückwärtsgewandtheit, mehr noch: für unverhohlenen Rechtsextremismus. Linke Studentenvertreter fordern ein Verbot aller Verbindungen. Sie sind aus der Zeit gefallen, ja. Doch ein Verbot? Nein.

Ein Kommentar von Johann Osel

Die Krankheit, von welcher sich der Schriftsteller Theodor Mundt befallen sah, war der "Zeitpolyp": "Der Zeitgeist zuckt, dröhnt, zieht, wirbelt und hambachert in mir; (. . .) und er donnert mir in Lunge und Leber mit der Pauke des Aufruhrs herum."

Die Zeilen entstanden nach dem Hambacher Fest von 1832, bei dem die Teilnehmer Freiheitsrechte und Deutschlands Einheit forderten. Schon 1817 hatten sich Hunderte Burschenschafter beim Wartburgfest getroffen - bebend vor Rebellion gegen Kleinstaaterei und Fürstenwillkür.

Gut 200 Jahre später werden am Donnerstag wieder Burschenschafter im Fackelschein zur Wartburg in Eisenach ziehen, beim Jahrestreffen ihres Dachverbands. Und was ist geblieben vom Zeitpolypen? Nichts. In der Öffentlichkeit stehen die Burschen für verstaubte Rituale, für Rückwärtsgewandtheit, mehr noch: für unverhohlenen Rechtsextremismus.

Bünde als Parallelgesellschaft

Pünktlich zum Eisenacher Treffen fordern nun linke Studentenvertreter, alle Verbindungen abzuschaffen.

Zu Recht?

In die heutigen Hochschulstädte passen die Burschenschaften jedenfalls nicht mehr. Bundesweit sind fast die Hälfte der Studenten Frauen, ein gutes Zehntel Ausländer - die Bünde, in denen in der Regel nur deutsche Männer Mitglied auf Lebenszeit sein können, wirken da an sich schon wie eine Parallelgesellschaft. Da muss man nicht mal all die befremdlichen Rituale erörtern für die Diagnose: Sie sind aus der Zeit gefallen.

Die Vorfälle im Dachverband und in manchen der gut 100 Einzelbünde beflügeln dies. Da wird gerne mal rechtspopulistische Prominenz zu Vorträgen geladen. Da wurde im Verbandsblatt der Theologe Dietrich Bonhoeffer, 1945 im KZ ermordet, ein "Landesverräter" genannt.

Da ließ die Zeitschrift einen NPD-Funktionär die Auseinandersetzung mit dem Hitler-Regime als "bösartige Zivilreligion" deuten. Und einem schriftstellernden Verbandsbruder wurde dessen unter anderem homophobe Lyrik als "gelungener Gedichtband" rezensiert.

Politisch gespalten

2012 debattierte der Burschentag über Arier-Nachweise für Mitglieder - "in Zeiten fortschreitender Überfremdung" und "nichteuropäischer Gesichtsmorphologie". Seit Jahren spaltet die politische Ausrichtung die Mitgliedsbünde. Es sind wohlgemerkt nicht alle Burschenschafter Neonazis. Das Spektrum reicht von Politikfernen über gediegene Konservative bis hin zu Hellbrauntönen und hässlichem Dunkelbraun. Zuletzt strichen im Verband jedoch eher liberale Vertreter die Segel, als dass Neonazis verbannt worden wären.

Aber sollte man die Burschenschaften deshalb pauschal verbieten? Nein. Das verträgt sich nicht mit dem Freiheitsgedanken, für den eben im 19. Jahrhundert gekämpft wurde. Eine fortschrittliche Demokratie muss auch anachronistische Rituale ertragen können - schrullige Gestrigkeiten, selbst wenn eine Prise Deutschtümelei mitspielt.

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Sehr wohl aber müssen verfassungswidrige Umtriebe konsequenter von den Behörden beobachtet werden, Verbote einzelner Bünde sind zu prüfen. Denn jedes Forum, in dem sich Faschismus breitmachen kann, ist eines zu viel.