Süddeutsche Zeitung

Venezuela:Wut und Aufruhr in Caracas

  • In Venezuelas Hauptstadt Caracas sind Regierungsgegner und Sicherheitskräfte erneut aneinander geraten. 17 Menschen wurden verletzt.
  • Zuvor war dem Oppositionspolitiker Henrique Capriles untersagt worden, in den nächsten 15 Jahren für ein politisches Amt zu kandidieren.
  • Die bereits seit Längerem anhaltende politische Krise in Venezuela war vor circa einer Woche eskaliert, als der Oberste Gerichtshof dem Parlament die Macht entzogen hatte.

Die Wut auf die sozialistische Regierung Venezuelas hält unvermindert an: Zig Demonstranten gingen erneut auf die Straße und lieferten sich mit der Polizei Straßenschlachten. 17 Menschen seien dabei verletzt worden, teilte Gemeindebürgermeister Ramon Muchacho mit. In der vergangenen Woche war ein Regierungskritiker bei den Auseinandersetzungen ums Leben gekommen.

Einsatzkräfte gingen mit Panzerfahrzeugen, Tränengas und Gummigeschossen gegen die Menge vor. Die Behörden stellten wie bereits in den vergangenen Tagen den Betrieb der U-Bahn ein, offenbar ein Versuch, Menschen von der Teilnahme an den Demonstrationen abzuhalten.

Eine kleine Gruppe von Jugendlichen versuchte vergebens, das Bürogebäude des Obersten Gerichtshofs in Brand zu stecken. Bei Anbruch der Nacht stank es in vielen Straßen nach Tränengas und verbranntem Müll. Demonstranten zerstörten Straßenschilder im Osten von Caracas.

Die Anführer der Opposition verurteilten die Gewalt, machten jedoch Präsident Nicolás Maduro dafür verantwortlich, die Unruhen weiter zu befeuern. Sie riefen zu weiteren Protesten am Montag auf, schienen jedoch ihre Kräfte für den 19. April zu schonen. An dem Tag soll es einen der größten Proteste geben.

Die Proteste halten bereits seit circar einer Woche an. Zu Beginn des Aufmarsches am Samstag entrissen Protestierende einem Kameramann des regierungstreuen Fernsehsenders VTV sein Arbeitsgerät, das Rundfunkteam wurde mit Tritten und Beschimpfungen vertrieben.

Oppositionsführer wird Kandidatur für politisches Amt untersagt

Die Polizei stellte geheim geschossene Fotos von Demonstranten in die sozialen Netzwerke und rief User auf, Informationen über die "Gewalt schaffenden" Personen zu teilen. Kilometer von den Auseinandersetzungen entfernt stellten die Einsatzkräfte Kontrollpunkte auf, um Autos und Buspassagiere zu überprüfen.

"Niemand kann das venezolanische Volk disqualifizieren", rief Oppositionspolitiker Henrique Capriles zu Beginn des Protests, der eine Reaktion auf ein staatlich verfügtes Betätigungsverbot gegen Capriles war.

Die Behörden hatten ihm am Freitag für 15 Jahre untersagt, für ein öffentliches Amt zu kandidieren. Daraufhin erklärte der zweifache Präsidentschaftsbewerber, das Verbot stärke nur seine Entschlossenheit, den Widerstand auf der Straße zu suchen.

Harter politischer Kampf zwischen Regierung und Opposition

Capriles ist nicht der erste prominente Oppositionspolitiker, dem die politische Tätigkeit untersagt wird: Vor gut zwei Jahren verlor die damalige Parlamentarierin Maria Corina Machado ihren Sitz im Parlament. Zuvor war sie als offizielle Vertreterin Venezuelas bei der Organisation Amerikanischer Staaten aufgetreten, was ihr von Maduros Anhängern im Parlament als Amtsanmaßung angelastet wurde.

Auch Daniel Ceballos, der frühere Bürgermeister der Großstadt San Cristóbal verlor seinen Posten und wurde in Gewahrsam genommen. Ceballos' rechtskonservativer Parteifreund Leopoldo Lopez sitzt seit dem Jahr 2015 eine 14-jährige Haftstrafe ab. Ihm wird zur Last gelegt, bei Antiregierungs-Demonstrationen zu Gewalt aufgerufen zu haben.

Ziel der Protestbewegung sind Neuwahlen

Auf ihrem Zug in Richtung Innenstadt wurden die Demonstranten in der Nähe des Sitzes des staatlichen Ölkonzerns PDVSA von Einsatzkräften mit Tränengas und Gummigeschossen empfangen. Sondereinsatzkräfte der Polizei versuchten, die Menge auseinanderzutreiben, mussten aber selbst Wurfgeschossen ausweichen, die von hohen Gebäuden auf sie herabgeschleudert wurden.

Die bereits seit Längerem anhaltende politische Krise in Venezuela war vor circa einer Woche eskaliert, als der Oberste Gerichtshof dem Parlament die Macht entzog. Erst nach massiver Kritik aus dem In- und Ausland nahm das Gericht seine Entscheidung zurück. Unmittelbares Ziel der Protestbewegung sind Neuwahlen.

Das ölreiche Venezuela steckt in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise, die die Opposition im Land auf Jahre des sozialistischen Missmanagements erst unter Hugo Chávez und nach dessen Tod unter seinem gewählten Nachfolger Maduro zurückführt.

Die Regierung macht hingegen venezolanische Großindustrielle und die Einflussnahme der USA für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Ziel der Opposition sei es, die Regierung zu stürzen.

"Jeden Tag gibt uns die Regierung einen Grund mehr, unsere Häuser zu verlassen und zu demonstrieren", sagte die Protestierende Victoria Paez. Die 26-Jährige verdient als Chemieingenieurin weniger als 20 Dollar (18,88 Euro) im Monat. "Es ist leider nicht das erste Mal in der Geschichte, dass es für einen Regierungswechsel Blutvergießen geben muss", sagte ihr Vater.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3457485
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/AP/pak/mkoh
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.