Venezuela Venezuela rätselt über die mysteriösen "Krieger Gottes"

Ein Schauspieler, der von einem Helikopter aus Handgranaten auf das Verfassungsgericht wirft - kann das wirklich ein Putschversuch sein?

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Wenn Venezuelas Präsident Nicolás Maduro von einem Putschversuch gegen seine Regierung spricht, dann muss man das in der Regel nicht allzu ernst nehmen. Er hat das schon unzählige Male getan. Fast immer hat er dabei wild konstruierte Märchen erzählt und absurd anmutende Beweismittel präsentiert, die angeblich eine in Washington orchestrierte Attacke gegen seinen spätsozialistischen Krisenstaat belegen sollten. Stets rechtfertigte er damit neue Repressionen gegen Regimekritiker. Nie gab es konkrete Hinweise für einen Staatsstreich. Diesmal ist die Sachlage nicht ganz so eindeutig.

Am Dienstagabend (Ortszeit) trat Maduro wieder einmal im Staatsfernsehen auf, um das Volk über einen "terroristischen Anschlag" auf Venezuela zu informieren. Ein Polizeihubschrauber habe Granaten auf den Obersten Gerichtshof gefeuert, auch das Innenministerium sei beschossen worden. Falls es sich um eine große Inszenierung handeln sollte, dann war sie jedenfalls so akribisch geplant wie nie zuvor und meisterhaft ausgeführt. Denn die Hubschrauberattacke gab es wohl tatsächlich.

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Aus einem Hubschrauber seien Granaten abgeworfen worden, erklärt Staatschef Maduro. Er spricht von einer "Terrorattacke". Seine Kritiker spekulieren, er versuche gezielt, Ängste zu schüren.

Nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten wurden in der Tat Granaten über dem Gebäude abgeworfen, in dem sich das Oberste Gericht befindet. Verletzt wurde dabei offenbar niemand. Der Helikopter soll am frühen Dienstagabend auch den Präsidentenpalast Miraflores und das Innenministerium überflogen haben.

Seit Anfang April kommt es in Caracas fast täglich zu Massenkundgebungen gegen die Regierung. Armee und Polizei gehen mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Mindestens 77 Menschen sind dabei bislang ums Leben gekommen. Das Oberste Gericht ist bei Regimegegnern besonders verhasst, weil es sich oft genug als verlängerter juristischer Arm der diktatorischen Staatsmacht einspannen ließ. Die Straßenproteste haben bislang nichts Konkretes bewirkt. Waren die Granaten also die nächste Eskalationsstufe dieses erbitterten Machtkampfes? Ein Putschversuch oder zumindest eine sehr reale Drohung, dass das Blatt sich zu wenden beginnt?

Sachdienliche Hinweise könnte eine Videobotschaft jenes Mannes liefern, der den Helikopter angeblich gekapert und über das Zentrum von Caracas gesteuert hat. Er wurde unter anderem von El Nacional, einer der letzten regierungskritischen Zeitungen des Landes, als Oscar Pérez identifiziert, 36 Jahre alt und Pilot einer Polizei-Spezialeinheit. In dem Video teilt er mit, er stehe für ein Bündnis aus Armeeangehörigen, Polizisten und Staatsbediensteten, das sich gegen die "kriminelle Regierung" zur Wehr setzen wolle. Perez ist uniformiert, aber unmaskiert, neben ihm stehen vier vermummte Männer mit Sturmgewehren. Im Hintergrund ist Vogelgezwitscher zu hören.

Pérez sagt, er repräsentiere keine politische Bewegung, seine Mitstreiter seien Patrioten und "Krieger Gottes". Ihre Aktion richte sich gegen die Straflosigkeit, den Hunger und die Tyrannei. "Wir kämpfen für das Leben und die Hoffnung." Veröffentlicht wurden auch wackelige Bilder eines angeblich deutschen Bölkow-Hubschraubers. An der Seite hängt ein Spruchband mit der Aufschrift "Freiheit 350". Die Zahl bezieht sich auf das in der Verfassung verankerte Recht, sich gegen undemokratische Regierungen zu wehren.

Das alles wirkt erstaunlich echt. Aber ist es das wirklich? Das scheint sich auch die sonst sehr mitteilungsfreudige venezolanische Opposition zu fragen. Bis zum Mittwochvormittag gab es von ihr keine offizielle Reaktion zu dem Vorfall. Einer Stellungnahme am nächsten kam ein Tweet von Freddy Guevara, Vizepräsident des machtlosen Parlaments: "Achtung: Es gibt noch nicht genügend Informationen über diesen Helikopter." Damit ließ Guevara zumindest Raum für Spekulationen, wonach es sich auch um eine perfide Show handeln könnte. Demonstrativ rief Guevara die Venezolaner zu friedlichen Protestmärschen auf. Gegenüber der SZ hatte er vor einiger Zeit gesagt: "Wenn wir den Weg der Gewalt einschlagen, haben wir schon verloren."

Der Pilot des Hubschraubers ist auch Schauspieler - und hat laut Maduro Verbindungen zur CIA

Aus Maduros Sicht ist die Sache eindeutig. Er habe die Armee mobilisiert, um den Terror zu bekämpfen, teilte er mit. Dem Piloten Pérez unterstellte er Verbindungen zum US-Geheimdienst CIA. Bereits wenige Stunden vor dem Flug hatte der Präsident eine Art Kriegserklärung gegen alle Gegner der Bolivarischen Revolution verlesen: "Was wir nicht mit Wählerstimmen schaffen, machen wir mit Waffen."

Für zusätzliche Verwirrung sorgt die Tatsache, dass Oscar Pérez nicht nur langjähriger Polizeipilot ist, sondern auch Schauspieler. 2015 war er Produzent und Hauptdarsteller des Spielfilmes "Muerte suspendida". Damals sagte er, der Film wolle ein "positives und realistisches Bild über die schwierige Arbeit der venezolanischen Sicherheitskräfte zeigen." Wie die Worte eines angehenden Putschisten klang das jedenfalls nicht.

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